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Montag, 14. Januar 2008

Bad P., 2005

14.03.05, Montag:

In Bad P. stirbt meine Mutter. Das heißt: sie weigert sich zu sterben.
Sie stinkt, ihre Wohnung verkommt, sie gibt ihr Erspartes aus für den Pflegedienst, den sie dreimal nachts anruft, und sie geht nicht mehr ans Telefon.
Aber die Leute vom ambulanten Hospizdienst hat sie wie gewohnt abgefertigt: "Wenn Sie gekommen sind, um den Fußboden zu wischen, können Sie bleiben. Wenn nicht, können Sie gehen."

"Warum stirbt sie nicht einfach", sagt mein Bruder und sitzt zu Hause und weint, was ich mir schwer vorstellen kann, weil er immer größer, älter und stärker war als ich.

Alles Mögliche hatte ich mir ausgemalt über das Sterben meiner Mutter, aber nicht, dass mir der Mut fehlen würde, sie auch nur anzurufen.

Auch nicht, dass ich endlich erfahren würde, dass mein Bruder genauso viel Angst hat vor ihr wie ich.

Ich träume jede Nacht von ihr, seit Wochen. Vielleicht sollten wir einfach hinfahren und sie umbringen.

Freiwillig lässt sie uns ja doch nicht in Ruhe.




26.03.05, Samstag:

Weißt du was, sage ich zu mir selber. Du solltest lieber: lieber einkaufen gehen. Einkaufen für die Feiertage. Sie vorbereiten, die Feiertage.
Weißt du was, sage ich selbst zu mir selbst, sie interessieren mich nicht, deine Feiertage, aber ich sage das ganz leise, und oft höre ich selbst mir selbst nicht so genau zu.
Trotzdem, sage ich zu mir selbst, könntest du wenigstens deine Kinder einladen für die Feiertage.
Welche Kinder? fragt ein Selbst, von dem ich selbst gerne leugne, dass es meins ist oder, wahlweise, ein Selbst.
Oder deine Mutter anrufen! schlage ich mir vor. Falls sie noch lebt. Lebt sie noch? Wenn sie nicht mehr lebt, hätte es ja keinen Sinn, sie anzurufen. Ich bin mir nicht sicher, meiner Selbst nicht sicher, es könnte auch ein anderes sein, das mir jetzt vorschlägt, ich könnte mich wenigstens um meinen Freund kümmern, der krank im Bett liegt und nicht einkaufen kann. Bin ich nicht aufgestanden, gehorsam einem Selbst, das ganz bestimmt nicht meins war, sondern das meines Freundes, und habe sein Telefon klingeln lassen und er hat sein Telefon klingeln lassen und ein Gespräch kam nicht zu Stande?
Warum, sage ich zu mir selbst, sollte ich also für ihn einkaufen gehen, wenn er sich weigert mit mir reden zu wollen? Vielleicht, sage ich selbst zu mir selbst, ist er ja verschwunden.
Man will mich verpflichten, sage ich selbst zu mir selbst, mit Feiertagen und Müttern und Kindern und Freunden.

Es ist schön draußen, die Sonne scheint. Ich kann leider nicht aufstehen und hinausgehen, weil die vielen Verpflichtungen mich an meinen Stuhl fesseln.
Außerdem: warum scheint auf einmal die Sonne? Kannst du ausschließen, frage ich mich selbst, dass das Wetter nicht geradezu will, dass du hinausgehst? Ich antworte, ich könne das keineswegs ausschließen. Aber meine Finger auf den Tasten bewegen sich freiwillig? Ich meine, erkläre ich mir selbst, es ist doch nicht so, dass das Keyboard und der Bildschirm von mir verlangten dass ich schriebe?
Schreiben, sage ich selbst zu mir selbst, schreiben kannst du doch schon lange nicht mehr. Nein, sage ich, weil das Papier es verlangt, voll geschrieben zu werden, und das Leben verlangt es beschrieben und die Geschichte verlangt es, weitergeschrieben zu werden. Siehst du, es ist, wie ich sagte, ich bin gehindert an Allem durch meine Verpflichtungen.
Aber du schreibst doch gerade?
Das musst du mir erst einmal beweisen, sage ich selbst zu mir selbst. Einen Moment lang sieht es so aus, als könne nur die Zauberformel Strg+X mich davor bewahren, zum Befehlsempfänger des Rechners zu werden, aber da hat er sich verrechnet, denn ich kann, was ich nicht geschrieben habe an mich, einfach absenden und verleugnen.
Auf einmal sieht es so aus, als hätte ich alle meine Verpflichtungen erfüllt.



19.04.05, Dienstag

Mittwoch: Telefongespräch mit meiner Mutter. "Du hast so schöne Haare. Bringst du auch deine Haare mit?" "Ja, wir sehen uns dann morgen." "Wenn es kein Gewitter gibt. Hoffentlich gibt es kein Gewitter."

Donnerstag: Fahrt nach Bad P. Im Hospizbett meine Mutter. Ich gehe hin und her zwischen Bett + Türschild, vergleiche Namen + Gesicht: Frau H. und dieses offenmündig schlafende kleine Gesicht, dass sie mich nicht erkennt als sie aufwacht, lässt mich noch einmal zurückgehen zur Tür, dann wieder zum Bett, streichle ihr Gesicht, die Arme. "Sie sind so lieb, Schwester, Sie haben so schöne Haare, Schwester."
Ich bleibe eine Stunde, ohne Angst, sie erkennt mich ja nicht, ist freundlich.
Das Wetter: schwül. Gewitter.

Freitag: Diesmal werde ich erkannt. In ihrem dritten Satz fragt sie nach ihrem Portemonnaie, will mich bezahlen: "Ich habe dich ja leider nur ein mal gesehen in den letzten zwei Jahren."
Richtig, das weiß sie genau. "Wo ist J.?" "Wir waren gestern zusammen hier." "Davon weiß ich nichts." "Du hast geschlafen." Dass mein Bruder sie nicht wecken wollte, sage ich nicht. Dann streichelt sie meine Haare.
Wetter: heiß, Gewitter gegen Abend.

Samstag: Sie erkennt mich und mag mich trotzdem. "J. hätte ich so gerne gesehen." "Er kommt zurück." "Wann?" "In einer Woche...zehn Tagen..." "Bis dahin bin ich doch schon zu Hause!" Sie hebt die Hände, mühsam, sie scheinen zu schwer zu sein für die mageren Arme, greift in die Luft zuerst, dann: "Deine Haare..."
"Wo wohnst du?" "In deiner Wohnung." "Das ist schön. Und ich wohne jetzt hier?"
Gewitter.


Sonntag: Ich kann sie nicht wecken. Im Wohnzimmer des Hospizes steht eine Gitarre, die hole ich, setze mich auf das Gästebett, streiche mir das Haar hinters Ohr und spiele ihr die einzige Melodie, an die sich meine Finger noch erinnern, immer wieder. Dann muss ich zum Zug. Abends in WF: Gewitter.

Montag: Vormittags drückend, gewittrig. Anruf: Mutter starb um 12.55, die Hospizschwestern saßen um ihr Bett, die Nonnen, die Pinguine, wie mein Bruder sagte. Ich rufe ihn an: er ist schon wieder auf dem Rückweg von W. nach Bad P.

Dienstag: In einer Stunde geht mein Zug. Zurück nach Bad P. Es ist kühl. Ein Gewitter wird es nicht mehr geben heute. Ich muss mir nur noch die Haare kämmen.



24.04.05, Sonntag

Dienstag: Als ich in Bad P. ankomme - in der Wohnung meiner Mutter, oder ist es jetzt unsere Wohnung? - sitzt mein Bruder am Schreibtisch und tüftelt neben einem Zeitungsblätterstapel mit vielen schwarzgeränderten Rechtecken, die schon von weitem gut zu sehen sind, über einem Text für Mutters Todesanzeige. Er ist erleichtert, dass ich komme: fürs Schreiben bin ich zuständig. Ich streiche den ganzen Text bis auf den letzten Satz: In stiller Trauer nehmen wir Abschied.

Nach einem langen und erfüllten Leben zum Beispiel ist ein sowohl redundanter als überheblicher Satz, denke ich, zwischen Geburts- und Todesdatum liegen fast neunzug Jahre, wozu also lang, und erfüllt, da bin ich gar nicht sicher. Nein. Was soll das überhaupt sein: ein erfülltes Leben? Ein Leben, das keinerlei Wünsche mehr offen lässt?

In die rechte obere Ecke der Anzeige gehört ein Spruch, ich hatte in der vorgehenden Nacht in Büchern geblättert und einen mitgebracht, den will mein Bruder nicht, der ist ihm zu lang, eigentlich will er überhaupt keinen, weil er sich nach dieser ganzen schwarzgekastelten Lektüre nur einen salbungsvoll-dummen vorstellen kann, aber dann findet er etwas Chinesisches in den Geschenkbüchlein unserer Mutter: Wenn du unaufhörlich gibst, wirst du unaufhörlich haben. Ich sehe ihn an, sehe zu meiner Verblüffung, dass er das ganz ernst meint, es ganz passend findet, und ich nicke und stimme zu, während in meinem Kopf ein Grinsekatzen-Grinsen wabert: Wen du unaufhörlich kaufst, wirst du am Ende gar nicht haben wäre passender gewesen. Ich sehe meinen Bruder an: ist ihm nie aufgefallen, dass unsere Mutter eine Krämerseele war? (Später in W. werden meine Söhne lachen aus dem Telefon, den Spruch in seiner passenden Unpassenheit für einen Witz am Rande halten, und ich werde denken, dass mein Bruder vielleicht eine ganz andere Mutter haben wird als ich, jetzt, nachdem sie tot ist. Oder schon vorher, schon immer? Wem gegenüber hat sie sich dann aber verstellt?)


Mittwoch: Da es eine seiner Lieblingstätigkeiten bezeichnet, ist es eines seiner Lieblingswörter geworden: abwickeln. Mein Bruder ist immer glücklich, wenn er etwas abwickeln kann. Jetzt müssen wir erst mal unsere Mutter abwickeln sagt er beim Morgenkaffee, und wir fahren zum Beerdigungsunternehmer und haben tatsächlich, in nur drei Stunden, von neun bis zwölf, unsere Mutter abgewickelt. (Ich staune, wie viel man tun kann, wenn man um sieben aufsteht: normalerweise kenne ich diese Tageszeit nicht und sie kennt mich nicht.)
Eine Abwicklung, die meine Mutter selbst vorbereitet hatte allerdings, denn weder dem Zufall noch ihrem Sohn noch gar mir - ich habe ausdrücklich keine Vollmacht für gar nichts - hätte sie die Organisation ihres letzten Auftritts überlassen. Der war ursprünglich in einem Mahagonisarg geplant, aber den haben wir an ihrem 85. Geburtstag versoffen, sie hat ihn rückgängig gemacht, umgetauscht gegen den billigsten und hässlichsten Sarg im Institut, ich höre ihre Stimme schräg hinter meinem rechten Ohr, als ich auf das Bild der kackbraunen Holzkiste im Sargkatalog starre: Das reicht schon für mich. Sicher, Mutter, denke ich, reichen würde es vollkommen, aber es sieht einfach beschissen aus, und dann nehmen wir einen teureren, hellen Sarg, passend zum pastellfarbenen Gesteck: Rosen und Gerbera und weißer Flieder. Wenn der weisse Flieder wieder blüht. Meine Mutter, Sternzeichen Waage, Aszendent Waage, hatte ein etwas entgleistes Verhältnis zur Harmonie. Ein paar Birkenzweige noch, die Birke war ihr Lieblingsbaum, seines hellen Stammes und lichten Laubes wegen. Seiner Leichtigkeit des Seins wegen. Konnte sie eine gewisse Leichtigkeit des Seins erreichen, indem sie das Sein anderer beschwerte? Dann wäre ich wohl zu etwas Nutze gewesen, Nütze, nützlich. Als Eingangslied für die Trauerfeier suche ich das Ave Maria aus. Maria, das bin ich.


Donnerstag: Gestern wollte mein Bruder noch mitkommen, heute nicht mehr: Mir hat schon gereicht, wie sie im Hospiz geröchelt hat. Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass ein Röcheln nicht mehr zu befürchten ist, aber er will sie nicht noch einmal sehen: Den Anblick würde ich nie mehr aus meinem Kopf bekommen. Ich muss ihn erst einmal hineinbekommen, den Anblick.
Ich habe nämlich noch nie eine Leiche gesehen. Eine aufgebahrte Leiche, stelle ich mir vor, ist zwar keine richtige Leiche, aber das Nächstbeste. Ich nehme meinen gerade geerbten Fotoapparat mit.

Sie ist nicht besonders geschminkt, sie lächelt ein wenig aasig, es ist gar nichts dabei. Ich fotografiere sie en face, von der linken Seite, mit dem blauen Fleck an der Schläfe, der ist da, weil sie aus dem Hospizbett fiel, und dann gehe ich zur andern, unbefleckten Seite und da surrt auf einmal die Kamera, beinahe lasse ich sie fallen, und der Film ist alle. Mist. Immer hat sie Wert darauf gelegt, von ihrer Schokoladenseite her fotografiert zu werden.
Ich streiche ihr mit dem Zeigefinger übers Haar, das fühlt sich warm an, und als ich mich über sie beuge, meine Nase ganz dicht an ihrer, da macht sie ihre Augen nicht auf, aber wegen des falschen Fotos traue ich ihr nicht mehr so recht und gehe.
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