Mögliche Gedichte

Donnerstag, 21. Februar 2008

Warnung

Warnung



Ich war tödlich.

Hilf mir, sagte ich
ich bin klein dein Herz ist mein
ich krümme mich wie ein Wurm
ich passe in jeden Schoss
gern auch unter jeden Schuh
siehst du

Rette mich, sagte ich
denn ich verpuppe mich und sauge
an Mutterbrüsten und Penissen
ohne Ansehen der Person
kann ich jeden lieben
auch dich

Beachte mich
sagte ich und aus den Augen
lasse mich nicht ich bin blind
lahm und taub trage
mich ernähre mich ich bin ein
Tabernakelschrein

Verehre mich
sprach ich und versprach
dass unter meiner Haut mir Flügel wüchsen
dass mein Hochzeitskleid aus
weißer, reiner, selbstgespannter Seide
Unschuld bedeute

Bete mich an
die ich versponnen dir am Halse hänge
mein Leben ewig am seidenen Faden
den ich aus Angst und Liebe fester schlinge –
wärst du ein Mörder nicht, wenn du mich
nicht ertrügst

Du ertrugst mich nicht.
Wie gesagt: Ich war tödlich. Zum Glück
habe ich mich unschädlich
gemacht. Meinem Kokon bleibe ich fern
wie jeder. Fände ich mich ich würde
auferstehen.

Ich wäre tödlich.

Donnerstag, 14. Februar 2008

Frau Frankenstein

Frau Frankenstein

Die Wände meiner Räume hinauf reihen
schmal, gedrängt und verstaubt sich
Grabsteine
trügerisch viel-
farbig wie ihre Inschriften
die zu lesen man den Kopf neigen muss
nach rechts oder links
demütig oder skeptisch ein
ehrfurchtsvolles Nicken
hilft dir nichts.

Derrida, Eco und Handke stellen sich mir
leichenteilweise
zur Verfügung.

Es ist Eile geboten
kein Kühlraum hält sie frisch
Kafka zum Beispiel
ist schon geronnen
zum säuerlichen
Cliche.

Ich
öffne die Gräber
fleddere die Seiten
mache Versehrungen rückgängig
scheinbar

versätze Glieder
verkopfe Enthauptete
nähe zusammen was
so hoffe ich
nie zusammen gehörte und warte
im Übrigen
auf das belebende
Gewitter

Freitag, 1. Februar 2008

FastNachtsMonolog, aschermittwochs

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FastNachtsMonolog, aschermittwochs


Du
Willst das Leben sein?
Ich lach mich tot. Lass dich versaufen:
In mein Stundenglas laufen
um fünfvorzwölf. SterbOderSauf: das
passt zu dir. Ein volles Leben. Oder
oder lebensvoll: oder geistvollgottvoll oder:
voll. Von mir aus: voll. Hier
zieht es und mein Lebensirrlicht flackert. Schließ die Tür.
Ich? Angst? Vorwem? Vordir?
Dem toten Leben? Oder umgekehrt? So oder so
Bist du doch nur eine bleiche
Schnapsleiche:
Die Sanduhrglocken haben zwölf geläutert
Und Masken fallen über kurzgelogne Beine –

P.S.:
Dem Leben
Hab ich den Totenschädel
eingeschlagen und
es musste
zugeben
dass eine Pappnase
immer noch barmherziger ist
als
gar keine.

(jetzt weint es aus leeren augenhöhlen : um
tote seelen)

Freitag, 25. Januar 2008

Leise

Leise


Leise, ihr Nebelgespenster
leise, Raureifblatt
Fluss ruht unter eisigem Fenster
leise, dunkle Nacht!

Leise, ihr Hamadryaden
im weißen Trauergewand
leise, ihr Moorgestalten —
wen kümmerts, wer hier verschwand?

Leise, ihr Städte und Dörfer
leise, du Glocke im Turm
die wilde Jagd schläft leise
und leise naht der Sturm.

Leise, ihr Mörder, leise,
der Dämon der Stille geht um
der silberne Dämon der Stille
und niemand dreht sich um

nach Sylphe und Salamander, nach Undine und Gnom
ganz leise glimmt das Feuer, ganz leise steigt der Strom
die Erde öffnet sich leise, und leis gefriert die Luft
und es verhallt das Geschrei der Lauten ganz leise
wenn Echo es leise verruft.

Sonntag, 13. Januar 2008

Sphinx

Sphinx
Ein Schatten auf einem Stein
will ich sein
rollst du hinab
ins Dunkle
falle ich
und wandere ich weiter
im Schmelzofen der Sonne
zerbirst du
eine Welle über dem Sand
will ich sein
sinkst du
am Felsen
zerspringe ich
und flute ich zurück
mit den Winden
verwehst du
Ein Mondlichtstrahl auf einem Teich
will ich sein
vertrocknest du
bis auf den Grund
blicke ich
verblasse ich
in der Dämmerung
erblindest du
Eine Quelle in einem Baum
will ich sein
schlägt dich die Axt
hinab ins Gras
rinne ich
versiege ich fließe
in die Tiefe
verdorrst du
Ein Sturm in einem Kornfeld
will ich sein
zerknickst du Halm um Halm
über verwüstetem Land
klage ich
harre ich
ohne Atem
stirbst du
Eine Sphinx will ich sein mein Rätsel
das Schweigen
erkennst du mich
wirst du des Rätsels Losspruch finden
wie den Tod
seh ich dich an
voll Abscheu und Verlangen
wirst fliehen du und ewig wiederkehren

Rumpelstilzchen

Rumpelstilzchen
Ach, wie gut, dass niemand weiß,
dass ich Rumpelstilzchen heiß!
Hab zwei Kindlein umgebracht
in der alten Mitternacht.
Heute back ich –
freuts mich?
Morgen brau ich –
reuts mich?
Eine alte Sage
lässt mich nimmer los
von den Königskindern
von dem Königssohn
Hab ein kleines Häuschen
dicht am Meeresstrand –
ach, wie gut, dass niemand weiß
dass ich Rumpelstilzchen heiß.
Hab zwei Waisenkinder
und ein Waisenhaus
hab gebacken und gebraut
lang aufs Meer hinausgeschaut
Heute leb ich –
freuts mich?
Morgen sterb ich –
reuts mich?
Eine alte Sage
lässt mich nimmer los
von der falschen Norne
von der Königin
Da ist ein dunkles Wäldchen
dicht am Meeresstrand –
ist’s nicht gut, dass niemand weiß
dass ich Rumpelstilzchen heiß?
Hab den Jäger sterben lassen
nicht gebacken, nicht gebraut
nur aufs Meer hinausgeschaut
keine Trän getrocknet
Heute tanz ich –
freuts mich?
Morgen wein ich –
reuts mich?
Sag’s mir,
Königin!
Hab zwei weiße Kerzen im Fenster angezündt
die alte Mär im Herzen
flackert leis im Wind –
ob’s wohl wahr, dass niemand weiß
dass ich Rumpelstilzchen heiß?
Es war die alte Sage
die mich hierher rief
von den Königskindern
die ertranken tief –
Von der falschen Norne, von der Königin
von dem Königssohne, dem die Kerze schien –
der Königin Kind.
Habe Brot gebacken
habe Bier gebraut
hab Gold zu Stroh gesponnen
und aufs Meer geschaut –
Ich nahm die Kerzen beide
hab’s Häuslein angezündt
Es lodern hell die Flammen:
Leuchtfeuer, Königskind.
Und rundherum ums Feuer
im Wald nah bei der See
tanzt ruhelos mein Schatten
jede Nacht
hab gedacht
dass niemand weiß
dass ich Rumpelstilzchen heiß
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