Kurzgeschichten

Donnerstag, 28. Februar 2008

Schulden

Schulden

Unsere Wohnung sah schäbig aus. Die Bezüge von Sofa und Sessel hatte meine Mutter bezahlt - für den Preis hätte sie leicht ein neues Sofa und neue Sessel kaufen können - aber jetzt erinnere ich mich schon nicht mehr daran, wie der Stoff hieß oder welche Farben er ursprünglich gehabt hatte. Er sah aus, wie eine verblichene Petit-Point-Stickerei. Unempfindlich. Wegen der Kinder musste alles unempfindlich sein. Und weil wir kein Geld hatten.

Warum wir nie Geld hatten, weiß ich nicht so genau. Mein Mann verdiente als Hauptschullehrer eigentlich gar nicht schlecht. Jedenfalls gut genug, dass ich nicht arbeiten musste. Wegen der Kinder. Solange wir noch dabei waren, unsere Schulden abzuzahlen, kleidete ich die Kinder in Secondhand-Shops ein, saubere, ordentliche und preiswerte Kleidung. Obwohl die dunkelrote Cordhose mir, offen gestanden, auch nicht gefiel. Keiner seiner Spielkameraden trug dunkelrote Cordhosen, und mein Sohn wurde in der Schule gehänselt deswegen. Kinder sind grausam. Zum Glück hatte er nicht so viele Freunde. Dabei war er ein hübscher Junge, ein bisschen dick vielleicht, aber das war nur Babyspeck. Ich erklärte den Kindern, dass es nicht darauf ankomme, gekleidet zu sein wie alle anderen. Aber mein jüngerer Sohn malte sich trotzdem heimlich mit Filzstift das Nike-Logo auf seine billigen Turnschuhe. Schuhe kaufte ich immer neu, und sie wurden ihm schnell zu klein. Aber so lange er nichts darüber sagte, kaufte ich ihm keine größeren. Er sollte lernen, den Mund aufzumachen, wenn ihm etwas nicht passte, das lernt man nicht früh genug, dachte ich mir. So lange niemand etwas sagt, kann man doch davon ausgehen, dass alles in Ordnung ist. Wenn jemand einen Wunsch äußerte, erfüllte ich ihn. Ich wollte immer, dass alle zufrieden waren mit dem, was wir hatten.

Und mein Mann beschwerte sich niemals. Nach der Schule ging er zum Supermarkt, das war Netto, glaube ich, keine zehn Minuten von unserer Wohnung entfernt und kaufte ein. Dann kam er nach Hause, mit zwei gelben Plastiktüten und einer voll gestopften Schulmappe. Dass er die Schulmappe so voll stopfte, ärgerte mich. Ich verlor aber nie ein Wort darüber, obwohl ich sie ihm zum Geburtstag geschenkt hatte, sie war aus weichem Leder, schwarz und teuer, und bald war sie schon ganz formlos und fleckig und schloss nicht mehr richtig, und das nur, weil er darauf bestand, auf dem Heimweg einzukaufen. Weil er am Nachmittag nicht noch einmal losgehen wollte mit Einkaufstaschen in der Hand. Als ob es erniedrigend gewesen wäre, mit Einkaufstaschen herumzulaufen. Frauen tun das dauernd. Manchmal vergaß er auch etwas Wichtiges, er schrieb selten einen Einkaufszettel, und in solchen Fällen schickte ich eines der Kinder, um das Vergessene zu holen, aber ich beklagte mich nicht. Stattdessen half ich manchmal beim Auspacken, und nachdem mein Mann gekocht hatte, er kochte sehr gut, und nachdem wir gegessen hatten, wusch ich häufig das Geschirr ab, jedenfalls dann, wenn ich mitgegessen hatte. Ich aß nicht besonders gerne, und von mir aus hätte überhaupt niemand kochen müssen. Das habe ich aber nicht oft erwähnt, denn ich wollte meinem Mann die Freude nicht nehmen. Gedacht habe ich aber, dass, wenn er unbedingt kochen will, der Abwasch eigentlich auch seine Sache ist. Aber den Kindern habe ich schon gesagt, dass sie ihrem Vater helfen könnten, schließlich warteten sie schon immer aufs Mittagessen, und sie aßen wie die Scheunendrescher. Das gönnte mein Mann ihnen nicht. Wir geben zu viel Geld fürs Essen aus, sagte er immer.
Auch der Fernseher war ein Geschenk von meiner Mutter, ein Weihnachtsgeschenk, und sie hat sich neben ihm fotografieren lassen; die linke Hand, unter dem rechten Arm durchgesteckt, berührt ihn mit Zeigefinger und Mittelfinger, diese Geste, die man oft auf Heiligenbildern sieht, und die andere Hand hat sie großzügig in die Luft gehoben, in die Nähe ihres frisch geschminkten Lächelns. Ich habe das Foto noch, zusammen mit vielen anderen Fotos. Meine Mutter hat sich immer mit den Geschenken fotografieren lassen, die sie uns machte. Am Schlimmsten ist das hier vor dem blauen Wandbehang mit dem gestickten Mond und den gestickten Eulen auf dem gestickten Zweig. Den hat sie uns in dem Jahr geschenkt, als wir noch nicht einmal das Geld hatten, um den Kleinen Winterjacken zu kaufen, da froren sie, und meine Mutter besuchte uns über Weihnachten für zwei Wochen und schenkte ihnen diesen Wandbehang fürs Kinderzimmer. Neunhundertachtundzwanzig Mark hat er gekostet, vierhundertsechzig Euro also, ich weiß es, weil sie immer vergaß, das Preisschild zu entfernen von ihren Geschenken. Fast tausend Mark, das muss man sich mal vorstellen. Und mein Mann saß da in einem verwaschenen Sweatshirt aus Waffelmusterbaumwolle und in viel zu dünnen, karierten Sommerhosen; ich muss allerdings sagen, dass er sich immer ziemlich schlecht anzog, er interessierte sich eigentlich nicht für Kleidung. Und die Kinder waren natürlich beide erkältet, aber sie mochten den Wandbehang, und ich hängte ihn so auf, dass sie ihn von ihren Betten aus beide sehen konnten. Ich habe immer sehr viel Wert darauf gelegt, niemanden zu benachteiligen, im Gegensatz zu meiner Mutter, die mich ständig von oben bis unten neu einkleidete, ohne jemals an die Kinder oder an meinen Mann zu denken. Ich glaube, es war ihr noch immer eine Genugtuung, dass ich die Sachen trug, die sie für mich ausgesucht hatte und dass wir in einer Wohnung lebten, deren Möbel eigentlich ihr gehörten, weil ich sie mir von ihrem Geld hatte kaufen können.

Das war mir ein Trost, als der Gerichtsvollzieher immer öfter kam, weil mein Mann weder meine noch die Arztrechnungen der Kinder bezahlt hatte, denn ich dachte, so könnten wenigstens unsere Möbel nicht gepfändet werden; besonders um ein paar Stücke, die meine Familie hatte anfertigen lassen, wäre es mir sehr leid gewesen, und auch um die Porzellanpanther; ich ließ sie schätzen und es stellte sich heraus, dass sie einen beträchtlichen Wert hatten. Mein Mann verschuldete sich immer weiter, bis es wirklich peinlich für mich wurde, mit den Kindern zum Arzt zu gehen, bei all den unbezahlten Rechnungen, und ich habe heute noch den Verdacht, dass mir bestimmte, teure Behandlungen einfach verweigert wurden. Nicht, dass ich damals etwas gesagt hätte, aber ich habe nächtelang geweint, als mir die Zahnspange für meinen Grossen ausgeredet wurde und als etwas später der Kleine nicht die richtige Behandlung für seine fehlgestellten Füße bekam. Immer wieder fragte ich meinen Mann, ob er die Rechnungen bezahlt und ob er sie bei der Krankenkasse eingereicht hätte. Wenn er mich anlog, glaubte ich ihm. Ich konnte mir einfach nicht denken, dass er sich auf Kosten meiner Kinder ein bequemes Leben machen wollte, und eigentlich war er nur zu faul, dachte ich, um die Rechnungen zur Krankenkasse zu schicken, Zeit hätte er schließlich genug gehabt mit seinem Halbtagsjob, aber natürlich häuften sich die Rechnungen und die Schulden weiter an. Wenn ich davon erfuhr - meist nur, wenn der Gerichtsvollzieher wieder kam - litt ich sehr darunter, und ich wurde krank und musste wieder zum Doktor, so sehr ich auch versuchte, mich zu schonen und so oft ich mich ausruhte und mich hinlegte. Mein Mann war ja zum Glück immer gesund. Nicht, dass ich es ihm geneidet hätte. Und er konnte dadurch ja so viel besser mit den Kindern zum Arzt gehen als ich; mir war es auch langsam peinlich, mich auf offene Rechnungen ansprechen zu lassen, für die ich doch nicht verantwortlich war.

Und dann, aus heiterem Himmel, wurde mein Mann krank. Obwohl er mir immer sagte, dass es ihm gut ginge. Obwohl ich ihm jeden Abend gute Besserung wünschte. Mir fehlt doch nichts, sagte er dann. Das waren seine Worte. Ich glaubte ihm, und die Kinder glaubten ihm, und trotz seiner Schulden und meiner anfälligen Gesundheit waren wir eigentlich eine sehr glückliche Familie. Wir haben uns nicht gestritten, höchstens mal übers Fernsehen, denn immer, wenn ich mich gut genug fühlte, um im Wohnzimmer auf dem Sofa zu sitzen, bestand ich natürlich darauf, dass es ausgemacht würde. Schliesslich wollten wir uns ja auch einmal unterhalten! Aber sonst war alles in Ordnung, wie gesagt, bis zu dem Tag, an dem mein Mann sich einen Jogginganzug kaufte. Ein Sonderangebot. Von Aldi. Es war im März, und er kam einfach in diesem Anzug ins Wohnzimmer spaziert, und er freute sich wie ein kleiner Junge, und er sagte, dass es ja nun bald wieder wärmer würde und dann könne er doch mit dem Rad in den Wald fahren. Er beobachtete nämlich gerne Tiere. Früher hatte er sie fotografiert, es war sein kleines Hobby, aber das ging ja nun nicht mehr, wo wir doch die Kamera verkaufen mussten. Sie wäre ja doch nur gepfändet worden, und was für einen Sinn hätte das gehabt? Schließlich hatten wir seine Gewehre auch verkauft, die hatte er noch aus seiner Zeit als Jäger, das Jagen hat er nach unserer Hochzeit aufgegeben, und das hat ja auch niemandem geschadet. Man muss ja die Tiere nicht unbedingt schießen, sage ich immer, um sich an ihnen zu erfreuen. Aber nun dieser Jogginganzug! Er leuchtete in den grellsten Neonfarben, hellgrün und blaugrün, so ein billiges, abscheuliches Plastikding. Ich sah ihn und dachte, in dem Anzug gehst du nirgendwo mehr hin, dachte ich, höchstens ins Krankenhaus, und meine Söhne sagen, ich sei blass geworden wie die Wand, als ich ihn so da stehen sah, in diesem Anzug, und wusste, dass er damit ins Krankenhaus gehen würde und nicht wieder heraus. Ich habe mir natürlich nichts anmerken lassen, damals, er hat sich doch so gefreut. Aber heute glaube ich, dass er es auch gewusst hat. Und unsere Schulden habe ich inzwischen bezahlt.

Sonntag, 27. Januar 2008

Glücklich machen

Glücklich machen



Wie bitte?
Nein, ich bin kein unglücklicher Mensch. Überhaupt nicht.
Was?
Wann ich das letzte Mal unglücklich war? Nein, da muss ich nicht nachdenken. Daran erinnere ich mich genau.
Es war in der Nacht vor meinem achten Geburtstag.

Ich reckte den Kopf über den Bettrand und erbrach mich in einen Eimer. Meine Mutter stand auf, nahm den grünen Eimer mit der Magensoße drin und kam mit einem gelben zurück, in dem ein Pfützchen klares Wasser lag, gerade rechtzeitig kam sie, denn ich würgte wieder. So ging das schon die ganze Nacht, und Mutter sagte dauernd, das käme vom rohen Kuchenteig.
Es sah auch so aus wie in der Rührschüssel im Eimer, aber es stank wie der faulige Apfel, in den ich einmal gefasst hatte, und ich fühlte mich so verdorben wie mein Magen.
Da legte sich mir eine Hand unter die Stirn, und eine Stimme wie ein Kräuterbonbon sagte, ich hätte drei Wünsche frei.
„Ich möchte bitte, dass es…“ flüsterte ich ohne meine Zunge zu bewegen, aber es half nichts, mir flossen die Tränen aus den Augen und dieser Kuchenteig aus dem Mund.
„…es dir wieder gut geht?“

Ich setzte mich hin und nickte. Das hätte ich nicht tun sollen.

„Ich will auch immer brav sein“, vertraute ich dem Dunkel des Eimers an. Meine Worte sanken in die Pfütze auf dem gelben Plastikboden und kehrten verzerrt in meine Ohren zurück. Es klang mörderisch, aber das lag wirklich bloß an diesem komischen Echo im Eimer.

Als ich wieder in den Kissen lehnte, stieg in mir ein grenzenloses Mitleid mit der ganzen Menschheit auf, die irgendwie in meinen Magen geraten war. Trotzdem ging mir durch den Kopf, dass ich mir als Drittes wünschen wollte, immer glücklich zu sein, aber da zwickte die Menschheit in meinem Magen und nannte mich ein egoistisches kleines Biest, und da sagte ich, ich wolle Alle immer glücklich machen.
Da dehnte sich mein Magen aus wie ein Ballon über einer Heliumflasche, und ich wurde ganz leicht, und dann war ich auf einmal in dem Ballon und schwamm schwerelos in warmem Wasser.

Wie?
Ja, ich bin seitdem immer brav gewesen. Ich habe elende Menschen glücklich gemacht, ehrenamtlich, Herr Richter, immer ehrenamtlich, als Patientenbesucherin oder als Laienhelferin in psychiatrischen Tagesstätten und zuletzt eben in der Telefonseelsorge. Sie würden nicht glauben, Herr Richter, wie viele Menschen mir erzählt haben, dass sie glücklicher wären, wenn sie tot wären.
Der Tod ist nämlich ein großes Glück, Herr Richter. Auch für die Angehörigen.

Ob ich was?
Ob ich es bereue?
Darüber habe ich bis jetzt noch nicht nachgedacht, Herr Richter. Sagen Sie…würde es Sie glücklich machen?

Dienstag, 15. Januar 2008

Robinie

Robinie

„Sieh dir mal meinen Arm an!“, sagte mein Mann vom Frühstückstisch her. Das machte mir Angst, wie er es sagte. So ehrfürchtig. So leise. So leise, dass ich es überhören könnte, wenn ich wollte. Ich stand vor dem Spiegel im Flur und war in Gedanken auf dem Weg zu meinem Geliebten. Nun hielt diese leise Stimme mich zurück.
Hatte sie nicht sogar etwas weinerlich geklungen? Verdammt. Wahrscheinlich war es gar nicht so schlimm. Wahrscheinlich hatte sich nur diese Allergie weiter ausgebreitet, die er seit einigen Wochen hatte. Wahrscheinlich war er nur wieder wehleidig. So sind Männer eben. Der Teufel musste mich geritten haben, mir einen zweiten anzuschaffen. Wusste er, was ich vorhatte, und wollte er mich zwingen, bei ihm zu bleiben? Mein Spiegelbild schüttelte den Kopf. Er war nicht missgünstig, nein, das nicht. Ich wartete und lauschte und starrte in den Spiegel, und nachdem er nichts weiter sagte und auch nicht aufstand, ging ich der Stille nach ins Wohnzimmer. Er saß im Sonnenschein am Esstisch und hatte seinen linken Hemdsärmel aufgekrempelt. Ich erschrak.
An sein gedunsenes, rundes, rotes Gesicht hatte ich mich schon beinah gewöhnt, aber jetzt war der Arm auch geschwollen und ganz lila und der Zwilling der schmalen, rechten Hand so unförmig wie ein aufgepusteter Gummihandschuh. Das sah ganz und gar nicht so aus, als ob ich heute noch weg könnte, jedenfalls nicht, wenn ich nicht schnell etwas unternahm. Heute war Freitag, und falls ich ihn nicht ins Krankenhaus bekäme, wäre mein ganzes Wochenende im Eimer.
„Du musst ins Krankenhaus“, sagte ich also, und erwartungsgemäß schüttelte er ein wenig den Kopf. „Nein“, sagte er nur. Ich fand, seine Stimme höre sich an, als habe er Tränen in den Augen, aber die Mitleidsmasche zieht bei mir nicht. Außerdem musste man den Tatsachen ins Auge sehen: Händchenhalten würde nicht viel helfen. Selbst dann nicht, wenn ich mit dem Gedanken gespielt hätte, ein so schönes Maiwochenende wie dieses an einem Krankenbett zu verbringen. Behutsam berührte ich seine Schulter und dann sein Handgelenk, oder das, was gestern noch sein Handgelenk gewesen war; jetzt wölbte sich das aufgequollene Fleisch über dem elastischen Stahlarmband der Armbanduhr. Ich versuchte, das Zifferblatt abzulesen. Wir waren auf dem besten Weg, uns zu streiten, und ich fand, das sei eine der dümmsten Arten, Zeit zu verschwenden. Inzwischen war es schon nach drei. Eigentlich sollte ich gar nicht mehr hier sein. „Vielleicht ist es gar nicht so schlimm“, sagte ich. „Vielleicht reicht es, wenn du zu Doktor Helmstett gehst!“
Mein Mann sah mich an, und auf einmal drückte sein Gesicht so etwas wie Hoffnung aus. „Meinst du wirklich?“ fragte er und sah mit seinen Augen in meine Augen. So viel Vertrauen! Wie konnte er in einer solchen Situation so viel Vertrauen zu mir haben? Und was erwartete er von mir? Ich wusste es nicht. „Geh zum Arzt“, wiederholte ich, „am Ende ist es wirklich nicht so schlimm. Dann bist du in ein, zwei Stunden schon wieder zu Hause, wirst sehen!“ sagte ich und hoffte inständig, dass ich Recht hätte. “Aber ich könnte doch bis Montag warten, und...“ „Bis Montag warten?“ Allmählich verlor ich die Geduld. Es war Freitag, es wurde immer später, bald würde er Doktor Helmstett gar nicht mehr in der Praxis erreichen, die Kinder waren wer weiß wo und ich würde endgültig festsitzen. Das Wort endgültig gefiel mir überhaupt nicht. Erst Kinderpflege, dann Krankenpflege. Ich versuchte, nicht zu schreien. Ich wollte ihn nicht anschreien, bestimmt nicht. „Bis Montag warten, ja?“ sagte ich etwas lauter, denn ich befürchtete, dass er das wirklich tun könnte, „und was willst du bis Montag machen? Hier auf dem Teppich zusammenbrechen, womöglich noch in Gegenwart der Kinder? Hast du eigentlich eine Ahnung, wie rücksichtslos du bist?“ In dem Moment ging es mir durch den Kopf, dass es vielleicht das Beste wäre, auf dem Teppich zusammenbrechen und aus. Das Beste für uns beide, wahrscheinlich. Jahrelanges Siechtum kam in meiner Lebensplanung nicht vor. Er würde zum Arzt gehen, und zwar jetzt. Es war schon nach halb vier.
„Und was, glaubst du, wird der Arzt mit mir machen?“
So langsam reichte es mir. Mein Mann war dieser Typ, der immer so lange wie möglich den Kopf in den Sand steckt, und so langsam reichte es mir. Er konnte sich nicht im Ernst seinen Arm ansehen und sein von hohem Blutdruck und Ödemen entstelltes Gesicht, und noch an die Allergie glauben, die ihm irgendein dämlicher Facharzt eingeredet hatte. Wahrscheinlich hatte er es sorgfältig vermieden, zu unserem Hausarzt zu gehen, weil er genau wusste, dass der ein guter Diagnostiker war, dafür war er schließlich stadtbekannt, und dass er bei ihm mit seinem Allergie-Wunschtraum nicht durchkäme, keine Minute.
„Was wird er denn tun?“ Ich beugte mich nach vorne und stützte mich auf den Tisch. Meine silbernen Armreifen rutschten von den sanft gebräunten, gecremten Unterarmen und knallten auf die Tischplatte. „Dich ins Krankenhaus einweisen, was sonst?“ Es hatte mir Genugtuung bereitet, das zu sagen, auf eine Tatsache hinzuweisen, für die ich jedenfalls nichts konnte, aber als ich sah, wie mein Mann zusammenzuckte, tat er mir wieder Leid. „Es wird ihm gar nichts anderes übrig bleiben.“ Ich setzte mich auf den Stuhl gegenüber. „Ich war schon oft im Krankenhaus.“ Ja, dachte ich, und habe ich etwa so ein Theater darum gemacht? „Es wird schon nicht so schlimm werden“, sagte ich und sah über seine Schulter zur Wohnzimmeruhr. Das Zimmer war L-förmig geschnitten, die Uhr hing ziemlich weit weg und ich musste die Augen zusammenkneifen, eine Geste, die mich unweigerlich an den Sommerurlaub an der Nordsee erinnerte, als ich noch ein Kind war und wie mein großer Bruder, der Seemann werden wollte, nach den Schiffen Ausschau hielt oder nach dem Horizont; gleichzeitig wehte von der offenen Balkontür hinter mir der Wind herein und strich mir über den Rücken und über meine Füße. Es war der erste Tag in diesem Jahr, an dem ich Sandalen angezogen hatte, und meine Beine waren lang und braun und eingecremt und ich saß hier und hielt sie unter den Tisch und konnte zusehen, wie Draußen langsam die Sonne sank. Wenn mein Freund überhaupt noch vor der Eisdiele saß, dann sicher nicht mehr allein.Und wenn mein Mann nicht bald zum Arzt ging, dann würde es wirklich zu spät sein, und da er immer noch schwieg, stand ich auf und sagte, ich würde jetzt Doktor Helmstett anrufen und eine Taxe.
Auf dem Flur stand er auf einmal hinter mir und nahm mir den Telefonhörer aus der Hand. Ich sah seinen Ehering. Ich trug meinen schon lange nicht mehr. Entweder hatte ihm das nie etwas ausgemacht, oder er hatte es überhaupt nicht bemerkt. “Lass nur“, sagte er, „es sind ja nur zehn Minuten“, und nahm die Schlüssel. „Du kannst doch nicht...“ Ich machte irgendso eine hilflose Geste mit den Armen. Er sah mich freundlich an. „Doch“, sagte er. Für einen Moment stellte ich mir vor, wie es wäre, mit ihm vor der Eisdiele verabredet zu sein und nicht mit Don. „Ich komme mit“, sagte ich, aber dann ging er doch allein und ich sah ihm vom Balkon aus hinterher. Unser Haus lag etwas von der Strasse zurückgesetzt. Er ging unendlich langsam. Zweimal dachte ich, er würde umfallen.Ich hielt mich am Balkongeländer fest und beobachtete, wie er die Strasse erreichte und um die Ecke bog und hinter den Fichten verschwand.
Und dann wusste ich nicht, was ich tun sollte. Zuerst stand ich auf dem Balkon, blieb einfach so stehen und wartete auf Don. Natürlich bestand nicht die geringste Aussicht, dass er kommen würde. Darauf zu hoffen, dass er sich Sorgen machte, weil ich nicht aufgetaucht war, war absurd. Der einzige Mensch, um den Don sich gewöhnlich Sorgen machte, war er selbst. Trotzdem starrte ich auf die mickrigen Fichten am Straßenrand und schloss kleine Wetten mit mir ab: Wenn es mir gelänge, zehn Minuten lang nicht zu blinzeln, dann würde er da um die Ecke kommen. Leider hatte ich keine Uhr. Ich starrte, bis mir die Tränen übers Gesicht liefen. Dann schloss ich die Augen und stellte mir vor, wie er von seinem Tisch vor dem Eiscafe aufstünde, durch die Fußgängerzone schlenderte bis zur Bahnhofsstrasse, wie er vor der geschlossenen Schranke wartete und dann an der nächsten Ampel, wie er weiter die Strasse hinaufginge bis zum Supermarkt, wie er um die Ecke liefe und weiter am Kindergarten vorbei und dann wieder um die Ecke in unsere Strasse, am Zaun mit den weißen Winden entlang, an den Fliederbüschen, an den Fichten, und dann blinzelte ich ein bisschen und öffnete endlich die Augen ganz. Nichts. Da war überhaupt niemand. Wenn man wartet, dachte ich, klappt es einfach nicht. Also setzte ich mich im Wohnzimmer in den Sessel gegenüber der Wanduhr. Das war nicht viel besser als warten. Darum stand ich wieder auf und setzte mich aufs Sofa. Jetzt hing die Uhr unsichtbar hinter mir an der Wand. Ich steckte mir eine Zigarette an und wartete, dass es klingelte. Ich konnte einfach nicht aufhören, zu warten. Die Luft im Wohnzimmer war voller Sonnenlicht und Staub. Ich rauchte langsam, um der Zigarettenlänge Zeit so viele Chancen wie möglich zu geben, etwas passieren zu lassen. Unerlöst kroch der Zigarettenrauch durch die Staubpartikel. Das war ziemlich qualvoll anzusehen, und mir fiel auf, wie schmutzig das Wohnzimmer war. Ich holte ein Staubtuch und eine Flasche Pronto und wischte zuerst den Couchtisch, und dann brachte ich die Kaffeetassen in die Küche und wischte auch noch den Esstisch. Die Krümel fielen auf den Boden. Bevor ich die Tischläufer wieder zurück auf die Tischflächen legte, schlug ich sie über der Balkonbrüstung aus. Die Sonne stand schon ziemlich tief, und noch immer war niemand zu sehen.
Als ich mich gerade umgedreht hatte und auf dem Weg über den dunklen Flur in die Küche war, um den Staubsauger zu holen, fiel mir auf, dass ich bestimmt nicht länger in der Wohnung bleiben wollte. Während ich mir die Hände wusch und das Haar kämmte, überlegte ich, wo ich hingehen könnte. Weil ich nicht sicher war, pickte ich sorgfältig ein paar lange Haare und ziemlich viele Fusseln von meinem engen schwarzen T-Shirt und den schmalen Siebenachtel-Hosen. Dann wusste ich nicht, ob ich eine Jacke nehmen sollte, oder nicht, denn ich hatte diese dünne Seidenbluse im Pantherdruck ja nicht angezogen, um sie zu verstecken. Vielleicht würde Don mir entgegenkommen. Ich entschied mich gegen die Jacke.
Draußen war es sehr warm, wärmer, als ich gedacht hatte, und auch die Sonne schien wieder höher zu stehen. Ich war froh, aus der Wohnung heraus zu sein, so froh, dass ich beschloss, einen kleinen Umweg zu machen auf dem Weg in die Stadt und in Doktor Helmstetts Praxis vorbei zu sehen. Auf dem Umweg schnupperte ich an den ersten geöffneten Fliederknospen und blieb mitten unter der weitläufigen Duftglocke einer Scheinakazie stehen; dann drehte ich wieder um, pflückte eine Fliederdolde, rannte wieder zur Scheinakazie zurück, legte den Kopf in den Nacken, und während ich nach einem Zweig mit möglichst vielen weißen Blüten suchte, schnüffelte und atmete ich, bis ich ganz high wurde von diesem erstaunlichen Duft. Als hätte jemand einen großen Kübel voller Duftöl über den Baum geschüttet, eine Mischung aus Jasminöl und Rosenöl und Ylang-Ylang. Endlich fand ich einen Zweig, der zu der Fliederdolde passte. Ich zwirbelte die Zweige zwischen den Fingern. Nichts würde schlimm werden, wirklich nicht. Ich begriff auf einmal überhaupt nicht mehr, worüber ich mir eigentlich Sorgen gemacht hatte. Ich lehnte mich an die Scheinakazie und sah mich im Wartezimmer sitzen und aus dem Sprechzimmer kamen der weißhaarige Doktor Helmstett und mein Mann, und Doktor Helmstett sagte zu mir, ich habe ihm eine Spritze gegeben, das wird schon wieder, und zu meinem Mann sagte er, hier ist Ihr Rezept, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, und alles, was wir tun mussten war, ein Rezept in der Apotheke abzugeben, und als wir aus der Apotheke kamen, sagte mein Mann, ich geh jetzt nach Hause, wolltest du nicht noch in die Stadt? Ich kümmere mich um die Kinder. Und grüß Don von mir.
Ich wäre an Doktor Helmstetts Haus vorbei gegangen, wenn da nicht dieser Krankenwagen gestanden hätte; ich roch ihn, bevor ich ihn sah. Und beinahe wäre ich gegen die Bahre gelaufen, die von zwei orangefarbenen Rettungssanitätern über den Fußweg getragen wurde. „Hallo du“, sagte mein Mann mit der gleichen Stimme, mit der er gesagt hatte, sieh dir mal meinen Arm an. Ich konnte gar nicht gleich sehen, woher die Stimme kam, ich hatte Tränen in den Augen und stand am falschen Ende der Trage, am Fußende der grauen Decke, und dann schoben sie ihn auch schon in den Krankenwagen, es blieb mir kaum Zeit, zu sagen, dass ich seine Frau sei und dass ich mitfahren wolle, „Vorne oder hinten?“ fragte einer der Orangenen, ich begriff nicht gleich, und dann stieg ich vorne ein, beim Fahrer, und erst, als er die Tür zu machte, dachte ich, ich sollte lieber bei meinem Mann sitzen, aber das wollte ich nicht denken, und so dachte ich als Nächstes, dass es am Ende auch egal sei und dass ihn vielleicht der Duft der Blüten stören könnte, Blumen sind immer unerwünscht in Krankenhäusern. Wir fuhren ohne Blaulicht, an der Fußgängerzone vorbei, ich hätte nach dem Eiscafe Ausschau halten können, wenn ich nicht auf der falschen Seite gesessen hätte. Dann wusste ich auf einmal überhaupt nicht mehr, wo wir waren oder wohin wir fuhren, und ich erkundigte mich beim Fahrer, und er sagte, wir führen ins Stadtkrankenhaus. Nur ins Stadtkrankenhaus, dachte ich, und ohne Blaulicht, und fühlte mich plötzlich ganz dankbar, und in diese Dankbarkeit hinein sagte der Fahrer, „Nun weinen Sie mal nicht. Das wird schon!“, und er gab mir ein Tempotaschentuch aus dem Handschuhfach. Im Autoradio spielten sie ein Lied, dass mich an irgendetwas erinnerte, das mit unglücklicher Liebe zu tun hatte, und ich heulte ziemlich haltlos in mein Taschentuch, aber als der Fahrer fragte, ob er eine andere Kassette einwerfen oder das Radio abstellen solle, schüttelte ich den Kopf. Einwerfen! Ich sah auf meine Handtasche und auf meine Zweige und aus dem Fenster. Von mir aus hätte die Fahrt ewig dauern können. Eine Reise. Es war wie ein Zweiminutenausschnitt aus einer langen Reise. Ich dachte: „Das Fenster ist ein wenig offen und ihr Haar flatterte im Fahrtwind.“ Noch während ich diesen Satz dachte, kam er mir kitschig vor. Ich dachte ihn trotzdem.
Als wir an der Notaufnahme hielten, zögerte ich, auszusteigen, weil ich Angst hatte. Wie sollte ich wieder nach Hause kommen? Nach Hause. Und dann fiel mir auch noch ein, dass ich vergessen hatte, den Kindern einen Zettel hinzulegen, wo ich wäre. Hatten sie mir überhaupt gesagt, wo sie hingegangen waren? Wann sie wiederkommen wollten? Hatten sie überhaupt Schlüssel mitgenommen? Hatte sich irgendjemand darum gekümmert, ob sie heute schon etwas gegessen hatten? Ich musste unbedingt meinen Mann fragen. Ich lief nach hinten zum Wagen, aber sie waren mit der Trage schon unterwegs zum Eingang. Ich rannte hinterher und schrie, wo die Kinder sind? und die Träger, die gerade dabei waren, die Trage durch die Tür zu manövrieren, drehten sich erstaunt um. Ich quetschte mich am Türrahmen vorbei und beugte mich zu meinem Mann. „Was ist mit den Kindern?“ fragte ich. Er nahm meine Hand. “Robinie“, sagte er.
Daran musste ich denken, als ich in der Cafeteria des Krankenhauses saß. Es gab einen Kaffeeautomaten. An der Wand hing eine Uhr. Die Tür zum Garten stand offen. Ich saß da und hatte das Gefühl, dass jemand mir die Hand hielt, den ich nie wieder sehen würde. Ich versuchte, herauszufinden, wer es war. Es konnte mein Mann sein. Oder Don. Oder eins meiner Kinder.Oder eins nach dem anderen. Draußen auf dem grünen Gang drehte sich ein grüngekleideter Arzt um und winkte. „Es wird schon nicht so schlimm werden!“ rief er. Seine Stimme klang munter. Ich sah wieder in die Sonne und zupfte an den welken Blüten von Flieder und Robinie. Mich konnte er nicht gemeint haben.

Sonntag, 13. Januar 2008

Burgfried

Burgfried

Keine Aus-Sage würde sie mehr preisgeben, keine. Ein feste Burg ist unser Gott.
Ausgesagt.
Nur kein Gefühl mehr in die Rüstung eines Wortes zwängen, kein Wort mehr mit der Lanze der Bedeutung versehen, keins mehr auf das Pferd der Verlautung setzen, keinem mehr das Banner ihres Namens anvertrauen, unter das sie sich hätten scharen können zum Satz.
Nicht, da nun die Felsen spöttische Steinschlagschritte zurückträten vor der verbindlich sinkenden Zugbrücke, ihre Aussage-Ritter dem Fall überantwortend, in dem sie, sich an den Händen haltend, eine Kette bildeten, geschmiedet aus der Klage des Akkusativs, der Schwerkraft des Dativs, der Ausweglosigkeit des Genitivs, der Unbeugsamkeit des Nominativs, und schon im Fall erklängen die unvermeidbaren Fragen der Echos der Rufe der fallenden Ritter: Wen? Wem? Wessen? Wer?
Von den Echos gelockt und auf der falschen Seite des Abgrunds, ihr gegenüber, bezögen die Fragen jetzt Stellung, oder wäre es die richtige Seite? Sie versammelte die rechten Antworten um sich zur linken Hand, aber nicht in den Kampf schickte sie sie, in den sie immer noch wollten, geharnischt über die Zugbrücke, die sie vielmehr hochkurbelte diesmal, schwitzend vor Angst, denn noch immer hätten die Felsen, eben noch sich entziehend, zurückstürzen können zu ihrer Macht, und sie erinnerte sich, wie einst ihre Antworten die feindlichen Heere der Fragen niedergemetzelt, die keine Chance gehabt hatten mit ihren Fragezeichen-Peitschen gegen die blitzenden Ausrufezeichen-Schwerter der Antworten.
Damit die Fragen sicher wären vor der Wahrheit, sperrte sie ihre Antworten in den Schuldturm, drehte den Schlüssel dreimal herum und lief, den verdrehten, unbrauchbar gewordenen Schlüssel in den Burggraben zu werfen, und während der Schlüssel sich immer noch in die Tiefe schraubte, überhörte sie die Stellung der Fragen, lauschte.
Der Schlüssel fiel, echolos zum Glück.
Hoch über ihr verband die Zugbrücke das Schloss mit einem nicht zurückweichenden Himmel, leitergleich.
Sie beobachtete die auf- und niedersteigenden Engel, setzte ihren Fuß auf die erste Leitersprosse, griff schon nach der sechsten, stieg hinauf, sah hinunter, schwindelfrei.
Kein Wort würde sie mehr besagen.
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