Glücklich machen
Glücklich machen
Wie bitte?
Nein, ich bin kein unglücklicher Mensch. Überhaupt nicht.
Was?
Wann ich das letzte Mal unglücklich war? Nein, da muss ich nicht nachdenken. Daran erinnere ich mich genau.
Es war in der Nacht vor meinem achten Geburtstag.
Ich reckte den Kopf über den Bettrand und erbrach mich in einen Eimer. Meine Mutter stand auf, nahm den grünen Eimer mit der Magensoße drin und kam mit einem gelben zurück, in dem ein Pfützchen klares Wasser lag, gerade rechtzeitig kam sie, denn ich würgte wieder. So ging das schon die ganze Nacht, und Mutter sagte dauernd, das käme vom rohen Kuchenteig.
Es sah auch so aus wie in der Rührschüssel im Eimer, aber es stank wie der faulige Apfel, in den ich einmal gefasst hatte, und ich fühlte mich so verdorben wie mein Magen.
Da legte sich mir eine Hand unter die Stirn, und eine Stimme wie ein Kräuterbonbon sagte, ich hätte drei Wünsche frei.
„Ich möchte bitte, dass es…“ flüsterte ich ohne meine Zunge zu bewegen, aber es half nichts, mir flossen die Tränen aus den Augen und dieser Kuchenteig aus dem Mund.
„…es dir wieder gut geht?“
Ich setzte mich hin und nickte. Das hätte ich nicht tun sollen.
„Ich will auch immer brav sein“, vertraute ich dem Dunkel des Eimers an. Meine Worte sanken in die Pfütze auf dem gelben Plastikboden und kehrten verzerrt in meine Ohren zurück. Es klang mörderisch, aber das lag wirklich bloß an diesem komischen Echo im Eimer.
Als ich wieder in den Kissen lehnte, stieg in mir ein grenzenloses Mitleid mit der ganzen Menschheit auf, die irgendwie in meinen Magen geraten war. Trotzdem ging mir durch den Kopf, dass ich mir als Drittes wünschen wollte, immer glücklich zu sein, aber da zwickte die Menschheit in meinem Magen und nannte mich ein egoistisches kleines Biest, und da sagte ich, ich wolle Alle immer glücklich machen.
Da dehnte sich mein Magen aus wie ein Ballon über einer Heliumflasche, und ich wurde ganz leicht, und dann war ich auf einmal in dem Ballon und schwamm schwerelos in warmem Wasser.
Wie?
Ja, ich bin seitdem immer brav gewesen. Ich habe elende Menschen glücklich gemacht, ehrenamtlich, Herr Richter, immer ehrenamtlich, als Patientenbesucherin oder als Laienhelferin in psychiatrischen Tagesstätten und zuletzt eben in der Telefonseelsorge. Sie würden nicht glauben, Herr Richter, wie viele Menschen mir erzählt haben, dass sie glücklicher wären, wenn sie tot wären.
Der Tod ist nämlich ein großes Glück, Herr Richter. Auch für die Angehörigen.
Ob ich was?
Ob ich es bereue?
Darüber habe ich bis jetzt noch nicht nachgedacht, Herr Richter. Sagen Sie…würde es Sie glücklich machen?
Wie bitte?
Nein, ich bin kein unglücklicher Mensch. Überhaupt nicht.
Was?
Wann ich das letzte Mal unglücklich war? Nein, da muss ich nicht nachdenken. Daran erinnere ich mich genau.
Es war in der Nacht vor meinem achten Geburtstag.
Ich reckte den Kopf über den Bettrand und erbrach mich in einen Eimer. Meine Mutter stand auf, nahm den grünen Eimer mit der Magensoße drin und kam mit einem gelben zurück, in dem ein Pfützchen klares Wasser lag, gerade rechtzeitig kam sie, denn ich würgte wieder. So ging das schon die ganze Nacht, und Mutter sagte dauernd, das käme vom rohen Kuchenteig.
Es sah auch so aus wie in der Rührschüssel im Eimer, aber es stank wie der faulige Apfel, in den ich einmal gefasst hatte, und ich fühlte mich so verdorben wie mein Magen.
Da legte sich mir eine Hand unter die Stirn, und eine Stimme wie ein Kräuterbonbon sagte, ich hätte drei Wünsche frei.
„Ich möchte bitte, dass es…“ flüsterte ich ohne meine Zunge zu bewegen, aber es half nichts, mir flossen die Tränen aus den Augen und dieser Kuchenteig aus dem Mund.
„…es dir wieder gut geht?“
Ich setzte mich hin und nickte. Das hätte ich nicht tun sollen.
„Ich will auch immer brav sein“, vertraute ich dem Dunkel des Eimers an. Meine Worte sanken in die Pfütze auf dem gelben Plastikboden und kehrten verzerrt in meine Ohren zurück. Es klang mörderisch, aber das lag wirklich bloß an diesem komischen Echo im Eimer.
Als ich wieder in den Kissen lehnte, stieg in mir ein grenzenloses Mitleid mit der ganzen Menschheit auf, die irgendwie in meinen Magen geraten war. Trotzdem ging mir durch den Kopf, dass ich mir als Drittes wünschen wollte, immer glücklich zu sein, aber da zwickte die Menschheit in meinem Magen und nannte mich ein egoistisches kleines Biest, und da sagte ich, ich wolle Alle immer glücklich machen.
Da dehnte sich mein Magen aus wie ein Ballon über einer Heliumflasche, und ich wurde ganz leicht, und dann war ich auf einmal in dem Ballon und schwamm schwerelos in warmem Wasser.
Wie?
Ja, ich bin seitdem immer brav gewesen. Ich habe elende Menschen glücklich gemacht, ehrenamtlich, Herr Richter, immer ehrenamtlich, als Patientenbesucherin oder als Laienhelferin in psychiatrischen Tagesstätten und zuletzt eben in der Telefonseelsorge. Sie würden nicht glauben, Herr Richter, wie viele Menschen mir erzählt haben, dass sie glücklicher wären, wenn sie tot wären.
Der Tod ist nämlich ein großes Glück, Herr Richter. Auch für die Angehörigen.
Ob ich was?
Ob ich es bereue?
Darüber habe ich bis jetzt noch nicht nachgedacht, Herr Richter. Sagen Sie…würde es Sie glücklich machen?
rivka - 27. Jan, 19:15

Ich staune.