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    <title>hoch + trocken</title>
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    <description></description>
    <dc:publisher>rivka</dc:publisher>
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    <title>hoch + trocken</title>
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  <item rdf:about="http://rivka.twoday.net/stories/4751789/">
    <title>Wexelrede</title>
    <link>http://rivka.twoday.net/stories/4751789/</link>
    <description>Wexelrede&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine krausen Lippen formen&lt;br /&gt;
verworfene Rede meine&lt;br /&gt;
Spitzelzunge hüpft über Kieferkämme sollen&lt;br /&gt;
doch Andere meine Zähne&lt;br /&gt;
zusammenbeißen.&lt;br /&gt;
Warum ich? Ich&lt;br /&gt;
muschelentfaltet einbequemt&lt;br /&gt;
weichschwingender Haut entstiegen&lt;br /&gt;
dem Mangel an gelebter Zeit dem Überfluss&lt;br /&gt;
sehr begrenzter&lt;br /&gt;
Emotionen verascht entflammt gegen&lt;br /&gt;
die Flügellahmen die&lt;br /&gt;
- weinalt wie ich und rot genug -&lt;br /&gt;
sich zurückstopfen lassen&lt;br /&gt;
in junge Schläuche&lt;br /&gt;
die Köpfe verdreht&lt;br /&gt;
zum vergangenen Sodom. Ich&lt;br /&gt;
bin lieber kurzsichtig.&lt;br /&gt;
Gebrauchsanweisungen&lt;br /&gt;
les ich nicht mehr. Auch&lt;br /&gt;
gegen meine Weitsichtigkeit ist keine&lt;br /&gt;
Bifokalbrille gewachsen.&lt;br /&gt;
Mein Kraut heißt Belladonna Tollkirschsäfte&lt;br /&gt;
fließen in hochverzweigten Adern Wolfssträhnen&lt;br /&gt;
über meine Schultern und Brüste und&lt;br /&gt;
übrigens&lt;br /&gt;
mein zweiunddreißigspitziges Gebiss er-&lt;br /&gt;
trage ich nur&lt;br /&gt;
damit du mich fragen sollst&lt;br /&gt;
warum&lt;br /&gt;
ich so viele Zähne habe&lt;br /&gt;
damit&lt;br /&gt;
ich dich fressen kann.</description>
    <dc:creator>rivka</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://rivka.twoday.net/topics/Vettelverse&quot;&gt;Vettelverse&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 rivka</dc:rights>
    <dc:date>2008-03-02T16:06:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://rivka.twoday.net/stories/4745052/">
    <title>Schulden</title>
    <link>http://rivka.twoday.net/stories/4745052/</link>
    <description>Schulden       &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unsere Wohnung sah schäbig aus. Die Bezüge von Sofa und Sessel hatte meine Mutter bezahlt - für den Preis hätte sie leicht ein neues Sofa und neue Sessel kaufen können - aber jetzt erinnere ich mich schon nicht mehr daran, wie der Stoff hieß oder welche Farben er ursprünglich gehabt hatte. Er sah aus, wie eine verblichene Petit-Point-Stickerei. Unempfindlich. Wegen der Kinder musste alles unempfindlich sein. Und weil wir kein Geld hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Warum wir nie Geld hatten, weiß ich nicht so genau. Mein Mann verdiente als Hauptschullehrer eigentlich gar nicht schlecht. Jedenfalls gut genug, dass ich nicht arbeiten musste. Wegen der Kinder. Solange wir noch dabei waren, unsere Schulden abzuzahlen, kleidete ich die Kinder in Secondhand-Shops ein, saubere, ordentliche und preiswerte Kleidung. Obwohl die dunkelrote Cordhose mir, offen gestanden, auch nicht gefiel. Keiner seiner Spielkameraden trug dunkelrote Cordhosen, und mein Sohn wurde in der Schule gehänselt deswegen. Kinder sind grausam. Zum Glück hatte er nicht so viele Freunde. Dabei war er ein hübscher Junge, ein bisschen dick vielleicht, aber das war nur Babyspeck. Ich erklärte den Kindern, dass es nicht darauf ankomme, gekleidet zu sein wie alle anderen. Aber mein jüngerer Sohn malte sich trotzdem heimlich mit Filzstift das Nike-Logo auf seine billigen Turnschuhe. Schuhe kaufte ich immer neu, und sie wurden ihm schnell zu klein. Aber so lange er nichts darüber sagte, kaufte ich ihm keine größeren. Er sollte lernen, den Mund aufzumachen, wenn ihm etwas nicht passte, das lernt man nicht früh genug, dachte ich mir. So lange niemand etwas sagt, kann man doch davon ausgehen, dass alles in Ordnung ist. Wenn jemand einen Wunsch äußerte, erfüllte ich ihn. Ich wollte immer, dass alle zufrieden waren mit dem, was wir hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und mein Mann beschwerte sich niemals. Nach der Schule ging er zum Supermarkt, das war Netto, glaube ich, keine zehn Minuten von unserer Wohnung entfernt und kaufte ein. Dann kam er nach Hause, mit zwei gelben Plastiktüten und einer voll gestopften Schulmappe. Dass er die Schulmappe so voll stopfte, ärgerte mich. Ich verlor aber nie ein Wort darüber, obwohl ich sie ihm zum Geburtstag geschenkt hatte, sie war aus weichem Leder, schwarz und teuer, und bald war sie schon ganz formlos und fleckig und schloss nicht mehr richtig, und das nur, weil er darauf bestand, auf dem Heimweg einzukaufen. Weil er am Nachmittag nicht noch einmal losgehen wollte mit Einkaufstaschen in der Hand. Als ob es erniedrigend gewesen wäre, mit Einkaufstaschen herumzulaufen. Frauen tun das dauernd. Manchmal vergaß er auch etwas Wichtiges, er schrieb selten einen Einkaufszettel, und in solchen Fällen schickte ich eines der Kinder, um das Vergessene zu holen, aber ich beklagte mich nicht. Stattdessen half ich manchmal beim Auspacken, und nachdem mein Mann gekocht hatte, er kochte sehr gut, und nachdem wir gegessen hatten, wusch ich häufig das Geschirr ab, jedenfalls dann, wenn ich mitgegessen hatte. Ich aß nicht besonders gerne, und von mir aus hätte überhaupt niemand kochen müssen. Das habe ich aber nicht oft erwähnt, denn ich wollte meinem Mann die Freude nicht nehmen. Gedacht habe ich aber, dass, wenn er unbedingt kochen will, der Abwasch eigentlich auch seine Sache ist. Aber den Kindern habe ich schon gesagt, dass sie ihrem Vater helfen könnten, schließlich warteten sie schon immer aufs Mittagessen, und sie aßen wie die Scheunendrescher. Das gönnte mein Mann ihnen nicht. Wir geben zu viel Geld fürs Essen aus, sagte er immer.           &lt;br /&gt;
Auch der Fernseher war ein Geschenk von meiner Mutter, ein Weihnachtsgeschenk, und sie hat sich neben ihm fotografieren lassen; die linke Hand, unter dem rechten Arm durchgesteckt, berührt ihn mit Zeigefinger und Mittelfinger, diese Geste, die man oft auf Heiligenbildern sieht,  und die andere Hand hat sie großzügig in die Luft gehoben, in die Nähe ihres frisch geschminkten Lächelns. Ich habe das Foto noch, zusammen mit vielen anderen Fotos. Meine Mutter hat sich immer mit den Geschenken fotografieren lassen, die sie uns machte. Am Schlimmsten ist das hier vor dem blauen Wandbehang mit dem gestickten Mond und den gestickten Eulen auf dem gestickten Zweig. Den hat sie uns in dem Jahr geschenkt, als wir noch nicht einmal das Geld hatten, um den Kleinen Winterjacken zu kaufen, da froren sie, und meine Mutter besuchte uns über Weihnachten für zwei Wochen und schenkte ihnen diesen Wandbehang fürs Kinderzimmer. Neunhundertachtundzwanzig Mark hat er gekostet, vierhundertsechzig Euro also, ich weiß es, weil sie immer vergaß, das Preisschild zu entfernen von ihren Geschenken. Fast tausend Mark, das muss man sich mal vorstellen. Und mein Mann saß da in einem verwaschenen Sweatshirt aus Waffelmusterbaumwolle und in viel zu dünnen, karierten Sommerhosen; ich muss allerdings sagen, dass er sich immer ziemlich schlecht anzog, er interessierte sich eigentlich nicht für Kleidung. Und die Kinder waren natürlich beide erkältet, aber sie mochten den Wandbehang, und ich hängte ihn so auf, dass sie ihn von ihren Betten aus beide sehen konnten. Ich habe immer sehr viel Wert darauf gelegt, niemanden zu benachteiligen, im Gegensatz zu meiner Mutter, die mich ständig von oben bis unten neu einkleidete, ohne jemals an die Kinder oder an meinen Mann zu denken. Ich glaube, es war ihr noch immer eine Genugtuung, dass ich die Sachen trug, die sie für mich ausgesucht hatte und dass wir in einer Wohnung lebten, deren Möbel eigentlich ihr gehörten, weil ich sie mir von ihrem Geld hatte kaufen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war mir ein Trost, als der Gerichtsvollzieher immer öfter kam, weil mein Mann weder meine noch die Arztrechnungen der Kinder bezahlt hatte, denn ich dachte, so könnten wenigstens unsere Möbel nicht gepfändet werden; besonders um ein paar Stücke, die meine Familie hatte anfertigen lassen, wäre es mir sehr leid gewesen, und auch um die Porzellanpanther; ich ließ sie schätzen und es stellte sich heraus, dass sie einen beträchtlichen Wert hatten. Mein Mann verschuldete sich immer weiter, bis es wirklich peinlich für mich wurde, mit den Kindern zum Arzt zu gehen, bei all den unbezahlten Rechnungen, und ich habe heute noch den Verdacht, dass mir bestimmte, teure Behandlungen einfach verweigert wurden. Nicht, dass ich damals etwas gesagt hätte, aber ich habe nächtelang geweint, als mir die Zahnspange für meinen Grossen ausgeredet wurde und als etwas später der Kleine nicht die richtige Behandlung für seine fehlgestellten Füße bekam. Immer wieder fragte ich meinen Mann, ob er die Rechnungen bezahlt und ob er sie bei der Krankenkasse eingereicht hätte. Wenn er mich anlog, glaubte ich ihm. Ich konnte mir einfach nicht denken, dass er sich auf Kosten meiner Kinder ein bequemes Leben machen wollte, und eigentlich war er nur zu faul, dachte ich, um die Rechnungen zur Krankenkasse zu schicken, Zeit hätte er schließlich genug gehabt mit seinem Halbtagsjob, aber natürlich häuften sich die Rechnungen und die Schulden weiter an. Wenn ich davon erfuhr - meist nur, wenn der Gerichtsvollzieher wieder kam - litt ich sehr darunter, und ich wurde krank und musste wieder zum Doktor, so sehr ich auch versuchte, mich zu schonen und so oft ich mich ausruhte und mich hinlegte. Mein Mann war ja zum Glück immer gesund. Nicht, dass ich es ihm geneidet hätte. Und er konnte dadurch ja so viel besser mit den Kindern zum Arzt gehen als ich; mir war es auch langsam peinlich, mich auf offene Rechnungen ansprechen zu lassen, für die ich doch nicht verantwortlich war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann, aus heiterem Himmel, wurde mein Mann krank. Obwohl er mir immer sagte, dass es ihm gut ginge. Obwohl ich ihm jeden Abend gute Besserung wünschte. Mir fehlt doch nichts, sagte er dann. Das waren seine Worte. Ich glaubte ihm, und die Kinder glaubten ihm, und trotz seiner Schulden und meiner anfälligen Gesundheit waren wir eigentlich eine sehr glückliche Familie. Wir haben uns nicht gestritten, höchstens mal übers Fernsehen, denn immer, wenn ich mich gut genug fühlte, um im Wohnzimmer auf dem Sofa zu sitzen, bestand ich natürlich darauf, dass es ausgemacht würde. Schliesslich wollten wir uns ja auch einmal unterhalten! Aber sonst war alles in Ordnung, wie gesagt, bis zu dem Tag, an dem mein Mann sich einen Jogginganzug kaufte. Ein Sonderangebot. Von Aldi. Es war im März, und er kam einfach in diesem Anzug ins Wohnzimmer spaziert, und er freute sich wie ein kleiner Junge, und er sagte, dass es ja nun bald wieder wärmer würde und dann könne er doch mit dem Rad in den Wald fahren. Er beobachtete nämlich gerne Tiere. Früher hatte er sie fotografiert, es war sein kleines Hobby, aber das ging ja nun nicht mehr, wo wir doch die Kamera verkaufen mussten. Sie wäre ja doch nur gepfändet worden, und was für einen Sinn hätte das gehabt? Schließlich hatten wir seine Gewehre auch verkauft, die hatte er noch aus seiner Zeit als Jäger, das Jagen hat er nach unserer Hochzeit aufgegeben, und das hat ja auch niemandem geschadet. Man muss ja die Tiere nicht unbedingt schießen, sage ich immer, um sich an ihnen zu erfreuen. Aber nun dieser Jogginganzug! Er leuchtete in den grellsten Neonfarben, hellgrün und blaugrün, so ein billiges, abscheuliches Plastikding. Ich sah ihn und dachte, in dem Anzug gehst du nirgendwo mehr hin, dachte ich, höchstens ins Krankenhaus, und meine Söhne sagen, ich sei blass geworden wie die Wand, als ich ihn so da stehen sah, in diesem Anzug, und wusste, dass er damit ins Krankenhaus gehen würde und nicht wieder heraus. Ich habe mir natürlich nichts anmerken lassen, damals, er hat sich doch so gefreut. Aber heute glaube ich, dass er es auch gewusst hat. Und unsere Schulden habe ich inzwischen bezahlt.</description>
    <dc:creator>rivka</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://rivka.twoday.net/topics/Kurzgeschichten&quot;&gt;Kurzgeschichten&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 rivka</dc:rights>
    <dc:date>2008-02-28T20:33:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://rivka.twoday.net/stories/4724777/">
    <title>Warnung</title>
    <link>http://rivka.twoday.net/stories/4724777/</link>
    <description>Warnung&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich war tödlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hilf mir, sagte ich&lt;br /&gt;
ich bin klein dein Herz ist mein&lt;br /&gt;
ich krümme mich wie ein Wurm&lt;br /&gt;
ich passe in jeden Schoss&lt;br /&gt;
gern auch unter jeden Schuh&lt;br /&gt;
siehst du&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rette mich, sagte ich&lt;br /&gt;
denn ich verpuppe mich und sauge&lt;br /&gt;
an Mutterbrüsten und Penissen&lt;br /&gt;
ohne Ansehen der Person&lt;br /&gt;
kann ich jeden lieben&lt;br /&gt;
auch dich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beachte mich&lt;br /&gt;
sagte ich und aus den Augen&lt;br /&gt;
lasse mich nicht ich bin blind&lt;br /&gt;
lahm und taub trage&lt;br /&gt;
mich ernähre mich ich bin ein&lt;br /&gt;
Tabernakelschrein&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verehre mich&lt;br /&gt;
sprach ich und versprach&lt;br /&gt;
dass unter meiner Haut mir Flügel wüchsen&lt;br /&gt;
dass mein Hochzeitskleid aus&lt;br /&gt;
weißer, reiner, selbstgespannter Seide&lt;br /&gt;
Unschuld bedeute&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bete mich an&lt;br /&gt;
die ich versponnen dir am Halse hänge&lt;br /&gt;
mein Leben ewig am seidenen Faden&lt;br /&gt;
den ich aus Angst und Liebe fester schlinge &lt;br /&gt;
wärst du ein Mörder nicht, wenn du mich&lt;br /&gt;
nicht ertrügst&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du ertrugst mich nicht.&lt;br /&gt;
Wie gesagt: Ich war tödlich. Zum Glück&lt;br /&gt;
habe ich mich unschädlich &lt;br /&gt;
gemacht. Meinem Kokon bleibe ich fern&lt;br /&gt;
wie jeder. Fände ich mich ich würde&lt;br /&gt;
auferstehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wäre tödlich.</description>
    <dc:creator>rivka</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://rivka.twoday.net/topics/M%C3%B6gliche+Gedichte&quot;&gt;Mögliche Gedichte&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 rivka</dc:rights>
    <dc:date>2008-02-21T17:14:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://rivka.twoday.net/stories/4705584/">
    <title>Frau Frankenstein</title>
    <link>http://rivka.twoday.net/stories/4705584/</link>
    <description>Frau Frankenstein&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wände meiner Räume hinauf reihen&lt;br /&gt;
schmal, gedrängt und verstaubt sich&lt;br /&gt;
Grabsteine&lt;br /&gt;
trügerisch viel-&lt;br /&gt;
farbig wie ihre Inschriften&lt;br /&gt;
die zu lesen man den Kopf neigen muss&lt;br /&gt;
nach rechts oder links&lt;br /&gt;
demütig oder skeptisch ein&lt;br /&gt;
ehrfurchtsvolles Nicken&lt;br /&gt;
hilft dir nichts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Derrida, Eco und Handke stellen sich mir&lt;br /&gt;
leichenteilweise&lt;br /&gt;
zur Verfügung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist Eile geboten&lt;br /&gt;
kein Kühlraum hält sie frisch&lt;br /&gt;
Kafka zum Beispiel&lt;br /&gt;
ist schon geronnen&lt;br /&gt;
zum säuerlichen &lt;br /&gt;
Cliche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich&lt;br /&gt;
öffne die Gräber&lt;br /&gt;
fleddere die Seiten&lt;br /&gt;
mache Versehrungen rückgängig&lt;br /&gt;
scheinbar&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
versätze Glieder&lt;br /&gt;
verkopfe Enthauptete&lt;br /&gt;
nähe zusammen was&lt;br /&gt;
so hoffe ich&lt;br /&gt;
nie zusammen gehörte und warte&lt;br /&gt;
im Übrigen&lt;br /&gt;
auf das belebende&lt;br /&gt;
Gewitter</description>
    <dc:creator>rivka</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://rivka.twoday.net/topics/M%C3%B6gliche+Gedichte&quot;&gt;Mögliche Gedichte&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 rivka</dc:rights>
    <dc:date>2008-02-14T15:04:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://rivka.twoday.net/stories/4696097/">
    <title>Das Mädchen und der Tod</title>
    <link>http://rivka.twoday.net/stories/4696097/</link>
    <description>Das Mädchen und der Tod&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachts vor dem Fernseher&lt;br /&gt;
rege ich meine alten Hände in meinem nackten Schoß&lt;br /&gt;
umkreise die Möglichkeiten&lt;br /&gt;
für Gott oder den Fernsehsprecher.&lt;br /&gt;
Meine exhibitionistischen Damen, sagt er, zur masturbatorischen Euthanasie&lt;br /&gt;
sind Sie leider zu spät gekommen: Keine begehrliche Hand&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
wird der Tod&lt;br /&gt;
nach Ihnen ausstrecken&lt;br /&gt;
keinen unsterblichen Kuss&lt;br /&gt;
ersehenen&lt;br /&gt;
sein Gebiss wird vollständig&lt;br /&gt;
seine Knochen fest&lt;br /&gt;
und sein Schädel faltenlos sein:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wird Sie mitnehmen&lt;br /&gt;
wie ein Müllwerker eine stinkende&lt;br /&gt;
Biotonne - Ihre schöne Seele&lt;br /&gt;
schmiegt sich nicht&lt;br /&gt;
in die Arme&lt;br /&gt;
des Todes. &lt;br /&gt;
Der vergebliche Schmerz&lt;br /&gt;
in Brüsten und Genitalien&lt;br /&gt;
wird durch keine Vereinigung &lt;br /&gt;
getrübt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur Christus Jesus&lt;br /&gt;
der den Lazarus erweckte und Aussätzige liebte&lt;br /&gt;
wird sich Ihrer noch annehmen&lt;br /&gt;
widerwillig&lt;br /&gt;
und wünschend, er sähe sie nicht&lt;br /&gt;
die Auferstehung&lt;br /&gt;
Ihres Fleisches&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
nachts vor dem Fernseher&lt;br /&gt;
den zuckenden&lt;br /&gt;
Schoß</description>
    <dc:creator>rivka</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://rivka.twoday.net/topics/Vettelverse&quot;&gt;Vettelverse&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 rivka</dc:rights>
    <dc:date>2008-02-11T15:38:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://rivka.twoday.net/stories/4686762/">
    <title>Die Frau am Brunnen</title>
    <link>http://rivka.twoday.net/stories/4686762/</link>
    <description>&lt;a href=&quot;http://imageshack.us&quot;&gt;&lt;img src=&quot;http://img219.imageshack.us/img219/433/baum1go2.jpg&quot; border=&quot;0&quot; alt=&quot;Image Hosted by ImageShack.us&quot; /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


DIE FRAU AM BRUNNEN   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jagababa saß auf dem Rande eines Brunnens und spann Wasser. Feine Fäden zupfte sie aus der Kunkel, denn statt eines Eimers hing ein Rockenstab über dem Brunnenspiegel, der war umwirbelt von dem klarsten Wasser, umsprüht von den feinsten Tröpfchen, die im schwarzen Haar der Spinnerin silbern auffunkelten. Der Wasserfaden aber wickelte sich ganz von selbst auf eine eschene Spindel, und eine lebendige Spinne diente als Wirtel. Mit jeder Umdrehung der Spindel wechselten Tag und Nacht, es funkelte und blitzte um sie herum als blinzele das Licht mit den Augen, und es breitete sich von der Spindel her in aufatmenden Kreisen, als habe man einen Stein in den Himmel geworfen.  Immer neuen Faden zog Jagababa  aus dem Wasservlies heraus mit dünnhäutigen Fingerspitzen, die ihn fein zwirbelten und drehten; doch dann floss die Spindel über und der Faden glitt von der Spindel über den Rücken der Wirtelspinne auf den Boden.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da kam Bruder Wind, das Söhnchen von Jagababa, und er spielte mit den Wasserfäden und blies mit dem Mund Regenbögen zum grauen Himmel. Bringe mir nicht mein Garn durcheinander, Söhnchen!, sagte Jagababa zum Wind. Du kannst dich genau so gut nützlich machen und es aufwickeln! Wind sah sich um, und das Einzige, was es gab, war ein großer Stein, höher als der höchste Berg, von dem du je in einem Märchen gehört hast, breiter als der breite Berg, um den du  im Traum nicht in hundert Jahren herumgehen kannst. Den nahm Söhnchen Wind und wickelte das Wasser darauf. Doch das feine Wassergarn scheuerte sich an den Ecken des Steinwürfels und riss an seinen Kanten, zerriss und fiel zu Boden. Du verdirbst mir ja mein Garn!, sagte die weiße Jagababa. Mache den Stein rund und glatt für die Sinne, so wird es nicht reißen. Denn sie spann immer weiter, und das Garn lag schon schäumend um ihre Füße wie ein Meer.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber so oft Bruder Wind auch um den Stein fuhr, er glättete sich nicht, und Jagababa wurde immer ungeduldiger, denn hatte sie erst nur nasse Füße gehabt, so hatte sie jetzt schon nasse Knie. So schnell kann dir nur rote Magie den Stein schleifen und die Knochen wärmen! sagte Bruder Wind schließlich zornig. Also rief Jagababa ihr anderes Söhnchen, das war Brüderchen Feuer, und Brüderchen Feuer fuhr um Jagababas Beine und in Mütterchen Steins Bauch, und sein Atem glühte und kochte, bis sie so weich war wie Hirsebrei, und Wind drehte die Steinfrau in den frostigen Händen und glättete ihre Haut. Da wurde Mütterchen Stein außen kühl und glatt und fest, und Bruder Feuer konnte nicht mehr heraus. Das sah Brüderchen Wind und wickelte schnell das Wassergarn um den Steinleib, damit Jagababa nicht merken sollte, dass sein kleiner Bruder Feuer in dem Stein gefangen war. Seine Hände waren aber ganz schmutzig von Asche und rau vom Feuer, und als alles Wasser aus dem Brunnentrog gesponnen und auf die Steinriesin gewickelt war, da waren viele Löcher und Flecken in dem Wasserkleid von Steinriesin, kleine und große.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun bekam Söhnchen Wind es erst Recht mit der Angst zu tun und wollte Steinriesin schnell weit forttragen; aber die weiße Spinnerin und ihre Wirtelspinne hatten flugs ein steppengroßes Netz aus den abgerissenen Wasserfäden geknüpft, die noch überall herumgelegen hatten. Damit fingen sie Brüderchen Wind, der die Steinriesin in den Armen hielt. Und auf einmal verliebte sich die kleine Wirtelspinne in die runde Riesin, spann einen Seidenfaden vom Brunnenrand in der Mitte der Welt zum kugeligen Bauch der Riesenfrau und spann so schnell, dass die Wassertropfen, die aus ihrem Pelzchen sprühten, um den langen Brückenfaden tanzten wie schimmernde Perlen um die Kette der Zarin.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch Jagababa sah nicht hin, sondern schielte eifersüchtig durch das Netz auf das Glück von Steinriesin und Spinne und lauschte an der klebrigen Wand und hörte, wie Töchterchen Spinne der Steinriesin den Namen Mütterchen Erde gab, weil sie schwanger war mit Brüderchen Feuer in ihrem Schoß und fruchtbar vom Brunnenwasser; die Löcher im Kleid von Mütterchen Erde aber sind ihre Kontinente, die Ascheflecken sind die Wolken, die Wassertropfen, die in den Maschen des Fangnetzes glitzern, sind ihre Sterne und Brüderchen Wind  mitgehangen, mitgefangen!  fährt noch heute um sie herum. Über der Mitte des Brunnentroges in der Mitte der Welt dreht sich bis morgen noch die Spindel, und in dem Brunnentrog steht Jagababa und bückt sich und stützt sich auf den Wockenstab und sucht mit ihrem gelben Auge am Tag und mit ihrem weißen Auge in der Nacht nach ihrem Wirtelstein, aber wie sie sich auch bückt und wie sie auch blinzelt, sie kann ihn nicht entdecken.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wirtelspinne nämlich hat sich hier unter dem Kleid und dort in  den feinsten Hautfalten von Mütterchen Erde verkrochen, und wer sie findet, der kann von ihr die heilige Zahl aller Spinnerinnen erfahren; für den fängt sie den Wind der Zukunft in einem Netz, und er kann sogar das Schicksal der Menschen bestimmen, wenn die Wirtelspinne ihn über ihre Brücke, die nachts am Himmel leuchtet, zur Jagababa führt; aber das tut sie nicht immer, denn ihr war sehr lange schwindelig.</description>
    <dc:creator>rivka</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://rivka.twoday.net/topics/M%C3%A4rchen&quot;&gt;Märchen&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 rivka</dc:rights>
    <dc:date>2008-02-07T17:34:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://rivka.twoday.net/stories/4668049/">
    <title>FastNachtsMonolog, aschermittwochs</title>
    <link>http://rivka.twoday.net/stories/4668049/</link>
    <description>&lt;a href=&quot;http://imageshack.us&quot;&gt;&lt;img src=&quot;http://img146.imageshack.us/img146/661/clownru0.jpg&quot; border=&quot;0&quot; alt=&quot;Image Hosted by ImageShack.us&quot; /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;


FastNachtsMonolog, aschermittwochs&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du&lt;br /&gt;
Willst das Leben sein?&lt;br /&gt;
Ich lach mich tot. Lass dich versaufen:&lt;br /&gt;
In mein Stundenglas laufen&lt;br /&gt;
um fünfvorzwölf. SterbOderSauf: das&lt;br /&gt;
passt zu dir. Ein volles Leben. Oder&lt;br /&gt;
oder lebensvoll: oder geistvollgottvoll oder:&lt;br /&gt;
voll. Von mir aus: voll. Hier&lt;br /&gt;
zieht es und mein Lebensirrlicht flackert. Schließ die Tür.&lt;br /&gt;
Ich? Angst? Vorwem? Vordir?&lt;br /&gt;
Dem toten Leben? Oder umgekehrt? So oder so&lt;br /&gt;
Bist du doch nur eine bleiche&lt;br /&gt;
Schnapsleiche:&lt;br /&gt;
Die Sanduhrglocken haben zwölf geläutert&lt;br /&gt;
Und Masken fallen über kurzgelogne Beine &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
P.S.:&lt;br /&gt;
Dem Leben&lt;br /&gt;
Hab ich den Totenschädel &lt;br /&gt;
eingeschlagen und&lt;br /&gt;
es musste&lt;br /&gt;
zugeben&lt;br /&gt;
dass eine Pappnase&lt;br /&gt;
immer noch barmherziger ist&lt;br /&gt;
als&lt;br /&gt;
gar keine.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(jetzt weint es aus leeren augenhöhlen : um &lt;br /&gt;
tote seelen)</description>
    <dc:creator>rivka</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://rivka.twoday.net/topics/M%C3%B6gliche+Gedichte&quot;&gt;Mögliche Gedichte&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 rivka</dc:rights>
    <dc:date>2008-02-01T20:34:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://rivka.twoday.net/stories/4653211/">
    <title>Glücklich machen</title>
    <link>http://rivka.twoday.net/stories/4653211/</link>
    <description>Glücklich machen   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bitte?   &lt;br /&gt;
Nein, ich bin kein unglücklicher Mensch. Überhaupt nicht.   &lt;br /&gt;
Was?   &lt;br /&gt;
Wann ich das letzte Mal unglücklich war? Nein, da muss ich nicht nachdenken. Daran erinnere ich mich genau.   &lt;br /&gt;
Es war in der Nacht vor meinem achten Geburtstag.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich reckte den Kopf über den Bettrand und erbrach mich in einen Eimer. Meine Mutter stand auf, nahm den grünen Eimer mit der Magensoße drin und kam mit einem gelben zurück, in dem ein Pfützchen klares Wasser lag, gerade rechtzeitig kam sie, denn ich würgte wieder. So ging das schon die ganze Nacht, und Mutter sagte dauernd, das käme vom rohen Kuchenteig.  &lt;br /&gt;
Es sah auch so aus wie in der Rührschüssel im Eimer, aber es stank wie der faulige Apfel, in den ich einmal gefasst hatte, und ich fühlte mich so verdorben wie mein Magen.   &lt;br /&gt;
Da legte sich mir eine Hand unter die Stirn, und eine Stimme wie ein Kräuterbonbon sagte, ich hätte drei Wünsche frei.   &lt;br /&gt;
Ich möchte bitte, dass es flüsterte ich ohne meine Zunge zu bewegen, aber es half nichts, mir flossen die Tränen aus den Augen und dieser Kuchenteig aus dem Mund.   &lt;br /&gt;
es dir wieder gut geht?   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich setzte mich hin und nickte. Das hätte ich nicht tun sollen.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich will auch immer brav sein, vertraute ich dem Dunkel des Eimers an. Meine Worte sanken in die Pfütze auf dem gelben Plastikboden und kehrten verzerrt in meine Ohren zurück. Es klang mörderisch, aber das lag wirklich bloß an diesem komischen Echo im Eimer.      &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich wieder in den Kissen lehnte, stieg in mir ein grenzenloses Mitleid mit der ganzen Menschheit auf, die irgendwie in meinen Magen geraten war. Trotzdem ging mir durch den Kopf, dass ich mir als Drittes wünschen wollte, immer glücklich zu sein, aber da zwickte die Menschheit in meinem Magen und nannte mich ein egoistisches kleines Biest, und da sagte ich, ich wolle Alle immer glücklich machen.   &lt;br /&gt;
Da dehnte sich mein Magen aus wie ein Ballon über einer Heliumflasche, und ich wurde ganz leicht, und dann war ich auf einmal in dem Ballon und schwamm schwerelos in warmem Wasser.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie?   &lt;br /&gt;
Ja, ich bin seitdem immer brav gewesen. Ich habe elende Menschen glücklich gemacht, ehrenamtlich, Herr Richter, immer ehrenamtlich, als Patientenbesucherin oder als Laienhelferin in psychiatrischen Tagesstätten und zuletzt eben in der Telefonseelsorge. Sie würden nicht glauben, Herr Richter, wie viele Menschen mir erzählt haben, dass sie glücklicher wären, wenn sie tot wären.   &lt;br /&gt;
Der Tod ist nämlich ein großes Glück, Herr Richter. Auch für die Angehörigen.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ob ich was?   &lt;br /&gt;
Ob ich es bereue?   &lt;br /&gt;
Darüber habe ich bis jetzt noch nicht nachgedacht, Herr Richter. Sagen Siewürde es Sie glücklich machen?</description>
    <dc:creator>rivka</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://rivka.twoday.net/topics/Kurzgeschichten&quot;&gt;Kurzgeschichten&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 rivka</dc:rights>
    <dc:date>2008-01-27T18:15:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://rivka.twoday.net/stories/4645750/">
    <title>Leise</title>
    <link>http://rivka.twoday.net/stories/4645750/</link>
    <description>Leise&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leise, ihr Nebelgespenster&lt;br /&gt;
leise, Raureifblatt&lt;br /&gt;
Fluss ruht unter eisigem Fenster&lt;br /&gt;
leise, dunkle Nacht!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leise, ihr Hamadryaden&lt;br /&gt;
im weißen Trauergewand&lt;br /&gt;
leise, ihr Moorgestalten &lt;br /&gt;
wen kümmerts, wer hier verschwand?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leise, ihr Städte und Dörfer&lt;br /&gt;
leise, du Glocke im Turm&lt;br /&gt;
die wilde Jagd schläft leise&lt;br /&gt;
und leise naht der Sturm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leise, ihr Mörder, leise,&lt;br /&gt;
der Dämon der Stille geht um&lt;br /&gt;
der silberne Dämon der Stille&lt;br /&gt;
und niemand dreht sich um&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
nach Sylphe und Salamander, nach Undine und Gnom&lt;br /&gt;
ganz leise glimmt das Feuer, ganz leise steigt der Strom&lt;br /&gt;
die Erde öffnet sich leise, und leis gefriert die Luft&lt;br /&gt;
und es verhallt das Geschrei der Lauten ganz leise&lt;br /&gt;
wenn Echo es leise verruft.</description>
    <dc:creator>rivka</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://rivka.twoday.net/topics/M%C3%B6gliche+Gedichte&quot;&gt;Mögliche Gedichte&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 rivka</dc:rights>
    <dc:date>2008-01-25T01:02:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://rivka.twoday.net/stories/4620560/">
    <title>Das lange Lied vom langen Sterben</title>
    <link>http://rivka.twoday.net/stories/4620560/</link>
    <description>Wer sterbet dem wirt auffgeladen / vil sündt schmertz quaal und schandt&lt;br /&gt;
Der krigt seyn dopelt maaß gemeßen / der ihm nit reicht di hant&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In memoriam R.G.K.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das lange Lied vom langen Sterben&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trommler trommelt&lt;br /&gt;
hör mich an &lt;br /&gt;
Schlagtot heiss ich&lt;br /&gt;
vieles weiß ich&lt;br /&gt;
nichts das dich retten kann&lt;br /&gt;
vor der Teufelsgeige der Satansfiedel&lt;br /&gt;
die geigt dir ein lustiges Sterbeliedel&lt;br /&gt;
kommt durch Haut und Knochen&lt;br /&gt;
ins Mark dir gekrochen&lt;br /&gt;
wenn du erwacht&lt;br /&gt;
heimlich bei Nacht&lt;br /&gt;
singt dir die Rattenfängerpfeife&lt;br /&gt;
niemand begreift den ich nicht ergreife&lt;br /&gt;
drum folgt mir ihr Pfaffen&lt;br /&gt;
ihr Gaffer und Laffen&lt;br /&gt;
spielet die Leier&lt;br /&gt;
das alte Lied&lt;br /&gt;
dreht auf der Feier&lt;br /&gt;
lustig euch mit &lt;br /&gt;
schon tanzen die Schellen&lt;br /&gt;
die gellen, die grellen&lt;br /&gt;
durch Därme und Hirn&lt;br /&gt;
hinter Brust und Stirn&lt;br /&gt;
Schlagetot Satan und Rattenfänger&lt;br /&gt;
die gnadlose Leier die Krähensänger&lt;br /&gt;
Friedhofsgaukler auf Grabsteinbühne&lt;br /&gt;
Saiten auf der Schmerzvioline&lt;br /&gt;
kommt ihr Leut und ratet&lt;br /&gt;
wer im Ofen bratet&lt;br /&gt;
wem der Bogen streichelt Sehnen und Knochen&lt;br /&gt;
kommt geschlichen kommt gekrochen&lt;br /&gt;
Trommler schlägt den Herztottakt&lt;br /&gt;
Gaukeley und Teufelspakt&lt;br /&gt;
aufs Rad geflochten die matten Leiber&lt;br /&gt;
dreht euch Kinder Männer Weiber&lt;br /&gt;
schwarzes Tuch und bunte Fetzen&lt;br /&gt;
Moritat euch zum Ergetzen&lt;br /&gt;
Sündenspiegel Bibelwort&lt;br /&gt;
immerfort immerfort&lt;br /&gt;
hier der Baum und dort die Grube&lt;br /&gt;
Jesuherz und Teufelsbube&lt;br /&gt;
spitzt die Ohren, lauscht und lernt&lt;br /&gt;
gleich ist beides euch entfernt&lt;br /&gt;
auf Kreuzwegmarkt und Marterfest&lt;br /&gt;
eingezäunt und festgesetzt&lt;br /&gt;
Trommler trommelt hör mich an&lt;br /&gt;
Schlagtot heiss ich&lt;br /&gt;
vieles weiß ich&lt;br /&gt;
nichts das dich retten kann&lt;br /&gt;
Bin der Doktor Eisenbarth&lt;br /&gt;
kurier die Leut nach meiner Art&lt;br /&gt;
Salbe Pulver und Phiol&lt;br /&gt;
Opium und Alkohol&lt;br /&gt;
Knochensäge, Messers Schneide&lt;br /&gt;
und die lange, bange Zange&lt;br /&gt;
dass ich euch zwicke und zwacke und fange!&lt;br /&gt;
Fetter Hirt und mag&apos;re Weide&lt;br /&gt;
Jammerschaf und Jammerwelt&lt;br /&gt;
weiches Fleisch und hartes Geld&lt;br /&gt;
Taler, Gulden und Dukaten&lt;br /&gt;
kommt ihr Leut und eilet&lt;br /&gt;
Spießgesell und Höllenbraten&lt;br /&gt;
bald seid ihr geheilet!&lt;br /&gt;
Fiedler auf der Kirchturmspitze&lt;br /&gt;
spielt das Lied vom langen Leid&lt;br /&gt;
singet Ton für Ton das Weh&lt;br /&gt;
weilig Weis euch in die Ohren -&lt;br /&gt;
wehet nicht schon Feuers Hitze&lt;br /&gt;
Sehet! auch auf euer Dach?&lt;br /&gt;
Heulet nicht im Wind der Zeit&lt;br /&gt;
euer eigen Klag&apos; und Ach?&lt;br /&gt;
Wer ruft dem Schwartzen Kesperlin?&lt;br /&gt;
Ein jeder Name heißt mich!&lt;br /&gt;
Bin doch für euch der rechte Mann&lt;br /&gt;
denn manches sah ich, vieles weiß ich&lt;br /&gt;
das dich retten kann -&lt;br /&gt;
Lockt die Geige schweigt die Glocke&lt;br /&gt;
bläht der Wanst und fällt die Locke&lt;br /&gt;
greift den Hals die dürre Hand&lt;br /&gt;
kratzt&apos;s Gebet die wunde Kehle&lt;br /&gt;
tanzert&apos;s euch zum Kirchhof hin?&lt;br /&gt;
Dürres Bein und kurtze Seele -&lt;br /&gt;
gebt&apos;s dem Schwartzen Kesperlin!&lt;br /&gt;
Nahbei kommt des dunklen Ratten-&lt;br /&gt;
fängers nächt&apos;ger Rattenzug&lt;br /&gt;
Rattenschatten Schattenratten&lt;br /&gt;
bunter Narr und Gaukelflug&lt;br /&gt;
zieht mit Nagen, Biss und Pest&lt;br /&gt;
durch dein Hirn am Kirchhofsfest -&lt;br /&gt;
vor dem Aug&apos; für was es seh&apos;&lt;br /&gt;
braucht&apos;s kein Kräutlein, keinen Tee&lt;br /&gt;
naht die Nacht mit Lug und Trug&lt;br /&gt;
kein Engel sich dem Sündennest -&lt;br /&gt;
Trommler trommelt hört die schrille&lt;br /&gt;
Pfeifenstimme in der Stille&lt;br /&gt;
dass sie eure Seelen quäle&lt;br /&gt;
Ton um Ton Sekunden zähle!&lt;br /&gt;
Ist der Festschmaus aufgetragen&lt;br /&gt;
sieben Gänge, sieben Plagen&lt;br /&gt;
lieblich steiget der Geruch!&lt;br /&gt;
Könnt ihr schon den Braten riechen?&lt;br /&gt;
Ist kein Eck&apos; euch zu verkriechen!&lt;br /&gt;
Kurtzweyl auf der Grabsteinbühne&lt;br /&gt;
zwischen Bier- und Bratwurststand&lt;br /&gt;
künden Pauk&apos; und Violine:&lt;br /&gt;
Die Tafel deckt das weiße Tuch!&lt;br /&gt;
Für die Siechen, Ausgesetzten!&lt;br /&gt;
Für die Krüppel und Gehetzten!&lt;br /&gt;
Seht das Spiel von den Gesunden&lt;br /&gt;
von den Fetten, von den Runden&lt;br /&gt;
schamlos Völlern, bußlos Sündern&lt;br /&gt;
von den Weybern von den Kindern&lt;br /&gt;
von den nimmersatten Ratten &lt;br /&gt;
kunstreych euch ins Bild gesetzet&lt;br /&gt;
dass es euch das Herz zerfetzet&lt;br /&gt;
von des Rattenfängers Hand.&lt;br /&gt;
Braten, Kraut und Erbsentopf&lt;br /&gt;
Klöß&apos; und Sülz&apos; und Schweinekopf&lt;br /&gt;
Süßspeys&apos;, Gerstensaft und Wein -&lt;br /&gt;
greift nur zu, geht&apos;s euch hinein!&lt;br /&gt;
Wo&apos;s nicht geht, könnt ihr nichts haben&lt;br /&gt;
müsst an Gedenk&apos; und Bild euch laben.&lt;br /&gt;
Hält Geschleck, Geschlürf, Geschmatz&lt;br /&gt;
euch nicht seltsam fest am Platz?&lt;br /&gt;
Scheelsucht nagt, den Wanst zu füllen&lt;br /&gt;
Rachgrimm fragt, den Durst zu stillen&lt;br /&gt;
Krähensänger singen&lt;br /&gt;
ein moralisch Lied&lt;br /&gt;
von des Lebens Dingen&lt;br /&gt;
dass euch&apos;s Hirn verzieht:&lt;br /&gt;
Schmaust der Sohn ohn&apos; Reue&lt;br /&gt;
frisst euch Grimm und Gier&lt;br /&gt;
frisst die Leber frisst die Treue -&lt;br /&gt;
Wölfe dort und Ratten hier -&lt;br /&gt;
quälet euch nicht länger!&lt;br /&gt;
Folgt dem Rattenfänger!&lt;br /&gt;
Folgt dem Schwartzen Kesperlin&lt;br /&gt;
folgt dem Krähensänger!&lt;br /&gt;
Folgt der Glocke folgt dem Pfaffen&lt;br /&gt;
folgt der alten Leier!&lt;br /&gt;
Sonne neigt und Tag sich wieder&lt;br /&gt;
dem Ende sich die Feier -&lt;br /&gt;
Gebet Ruh mit Greinen Gaffen&lt;br /&gt;
quälet uns nicht länger!&lt;br /&gt;
Knieet fromm im Beichtstuhl nieder!&lt;br /&gt;
Fallt auf alle Viere?&lt;br /&gt;
Hockt im eigen Schweiß und Koth&lt;br /&gt;
Trommler schlägt den Herztakt tot&lt;br /&gt;
Pfaff weist euch die Türe?&lt;br /&gt;
Schließt mit dem Gejammer!&lt;br /&gt;
Folgt dem Doktor Eisenbarth&lt;br /&gt;
in die stille Kammer!&lt;br /&gt;
Jedes ganz für sich allein&lt;br /&gt;
in sein finster Kämmerlein -&lt;br /&gt;
Her mit Wachsstock, Pfaff und Kirch &lt;br /&gt;
wollen für euch beten&lt;br /&gt;
dass den Kirchhof wollet nicht&lt;br /&gt;
lebend mehr betreten!&lt;br /&gt;
Lang genug habt ihr gestunken&lt;br /&gt;
eklig uns die Zeit vergellt&lt;br /&gt;
Dem Liebchen nicht und nicht dem Liebsten gefällt&lt;br /&gt;
wer den Darmsafft nicht hält.&lt;br /&gt;
Schlagtot giebt den Glocken-Ton&lt;br /&gt;
tief die Augen sinken&lt;br /&gt;
Satan fiedelt Spott und Hohn&lt;br /&gt;
tumb die Schellen plinken;&lt;br /&gt;
Kinder krächzen Krähenlieder -&lt;br /&gt;
hoff&apos; wir seh&apos;n uns nimmer wieder -&lt;br /&gt;
Rattenfänger pfeifet schon.&lt;br /&gt;
Zornig kreischt die alte Leier&lt;br /&gt;
Schleicht euch fort von Tisch und Freier&lt;br /&gt;
sammelt eure bunten Fetzen&lt;br /&gt;
Schmach Verzweiflung und Entsetzen -&lt;br /&gt;
Lang der Weg&lt;br /&gt;
der Weg so lang&lt;br /&gt;
von der letzten Feier -&lt;br /&gt;
Seht den Rattenfänger springen&lt;br /&gt;
rund um den gepfählten Zaun?&lt;br /&gt;
Woll&apos;n ein Kirchenliedlein singen&lt;br /&gt;
und dem lieben Gott vertrau&apos;n!&lt;br /&gt;
Freudlos, freundlos Einsamkeit!&lt;br /&gt;
Wer weist uns den Weg?&lt;br /&gt;
Weit der Weg&lt;br /&gt;
der Weg so weit -&lt;br /&gt;
sind die Köpfe auf dem Zaune&lt;br /&gt;
Rattenfängers Fang?&lt;br /&gt;
Wo der Narr, wo sind die Sänger, wo der Teufelsbube?&lt;br /&gt;
Wo der Doktor Eisenbarth in der dunklen Stube?&lt;br /&gt;
Wo die Leier, wo die Feier, wo das Festgeraune?&lt;br /&gt;
Fort sind Pfaff&apos; und Glock&apos; und Gott&lt;br /&gt;
nur der alte Schlagetot&lt;br /&gt;
schlägt die dumpfe Trommel -&lt;br /&gt;
schlägt und schlaget immer fort&lt;br /&gt;
einzig an dem Letzten Ort -&lt;br /&gt;
gantze Nacht, baldt in den Tag&lt;br /&gt;
schlaget uns der Pauke Schlag&lt;br /&gt;
haltet uns gefangen&lt;br /&gt;
wo all&apos; Mensch&apos; gegangen -&lt;br /&gt;
Saite würgt die Kehle&lt;br /&gt;
Pfeife drängt ins Ohr&lt;br /&gt;
Nagzahn reißt die Därme -&lt;br /&gt;
Und es kriecht das Kalte aus den Winkeln vor&lt;br /&gt;
und es dunsten Träume von dem Bett empor&lt;br /&gt;
und es geht die Wärme&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trommler trommelt&lt;br /&gt;
hör mich an&lt;br /&gt;
bis zum Morgenrot&lt;br /&gt;
weiß nichts das dich retten kann&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ferne steht der Todt</description>
    <dc:creator>rivka</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://rivka.twoday.net/topics/Unm%C3%B6gliche+Gedichte&quot;&gt;Unmögliche Gedichte&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 rivka</dc:rights>
    <dc:date>2008-01-16T15:35:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://rivka.twoday.net/stories/4617322/">
    <title>Robinie</title>
    <link>http://rivka.twoday.net/stories/4617322/</link>
    <description>Robinie &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sieh dir mal meinen Arm an!, sagte mein Mann vom Frühstückstisch her. Das machte mir Angst, wie er es sagte. So ehrfürchtig. So leise. So leise, dass ich es überhören könnte, wenn ich wollte. Ich stand vor dem Spiegel im Flur und war in Gedanken auf dem Weg zu meinem Geliebten. Nun hielt diese leise Stimme mich zurück.&lt;br /&gt;
Hatte sie nicht sogar etwas weinerlich geklungen? Verdammt. Wahrscheinlich war es gar nicht so schlimm. Wahrscheinlich hatte sich nur diese Allergie weiter ausgebreitet, die er seit einigen Wochen hatte. Wahrscheinlich war er nur wieder wehleidig. So sind Männer eben. Der Teufel musste mich geritten haben, mir einen zweiten anzuschaffen. Wusste er, was ich vorhatte, und wollte er mich zwingen, bei ihm zu bleiben? Mein Spiegelbild schüttelte den Kopf. Er war nicht missgünstig, nein, das nicht. Ich wartete und lauschte und starrte in den Spiegel, und nachdem er nichts weiter sagte und auch nicht aufstand, ging ich der Stille nach ins Wohnzimmer. Er saß im Sonnenschein am Esstisch und hatte seinen linken Hemdsärmel aufgekrempelt. Ich erschrak.    &lt;br /&gt;
An sein gedunsenes, rundes, rotes Gesicht hatte ich mich schon beinah gewöhnt, aber jetzt war der Arm auch geschwollen und ganz lila und der Zwilling der schmalen, rechten Hand so unförmig wie ein aufgepusteter Gummihandschuh. Das sah ganz und gar nicht so aus, als ob ich heute noch weg könnte, jedenfalls nicht, wenn ich nicht schnell etwas unternahm. Heute war Freitag, und falls ich ihn nicht ins Krankenhaus bekäme, wäre mein ganzes Wochenende im Eimer.&lt;br /&gt;
Du musst ins Krankenhaus, sagte ich also, und erwartungsgemäß schüttelte er ein wenig den Kopf. Nein, sagte er nur. Ich fand, seine Stimme höre sich an, als habe er Tränen in den Augen, aber die Mitleidsmasche zieht bei mir nicht. Außerdem musste man den Tatsachen ins Auge sehen: Händchenhalten würde nicht viel helfen. Selbst dann nicht, wenn ich mit dem Gedanken gespielt hätte, ein so schönes Maiwochenende wie dieses an einem Krankenbett zu verbringen. Behutsam berührte ich seine Schulter und dann sein Handgelenk, oder das, was gestern noch sein Handgelenk gewesen war; jetzt wölbte sich das aufgequollene Fleisch über dem elastischen Stahlarmband der Armbanduhr. Ich versuchte, das Zifferblatt abzulesen. Wir waren auf dem besten Weg, uns zu streiten, und ich fand, das sei eine der dümmsten Arten, Zeit zu verschwenden. Inzwischen war es schon nach drei. Eigentlich sollte ich gar nicht mehr hier sein. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, sagte ich. Vielleicht reicht es, wenn du zu Doktor Helmstett gehst!&lt;br /&gt;
Mein Mann sah mich an, und auf einmal drückte sein Gesicht so etwas wie Hoffnung aus. Meinst du wirklich? fragte er und sah mit seinen Augen in meine Augen. So viel Vertrauen! Wie konnte er in einer solchen Situation so viel Vertrauen zu mir haben? Und was erwartete er von mir? Ich wusste es nicht. Geh zum Arzt, wiederholte ich, am Ende ist es wirklich nicht so schlimm. Dann bist du in ein, zwei Stunden schon wieder zu Hause, wirst sehen! sagte ich und hoffte inständig, dass ich Recht hätte. Aber ich könnte doch bis Montag warten, und... Bis Montag warten? Allmählich verlor ich die Geduld. Es war Freitag, es wurde immer später, bald würde er Doktor Helmstett gar nicht mehr in der Praxis erreichen, die Kinder waren wer weiß wo und ich würde endgültig festsitzen. Das Wort endgültig gefiel mir überhaupt nicht. Erst Kinderpflege, dann Krankenpflege. Ich versuchte, nicht zu schreien. Ich wollte ihn nicht anschreien, bestimmt nicht. Bis Montag warten, ja? sagte ich etwas lauter, denn ich befürchtete, dass er das wirklich tun könnte, und was willst du bis Montag machen? Hier auf dem Teppich zusammenbrechen, womöglich noch in Gegenwart der Kinder? Hast du eigentlich eine Ahnung, wie rücksichtslos du bist? In dem Moment ging es mir durch den Kopf, dass es vielleicht das Beste wäre, auf dem Teppich zusammenbrechen und aus. Das Beste für uns beide, wahrscheinlich. Jahrelanges Siechtum kam in meiner Lebensplanung nicht vor. Er würde zum Arzt gehen, und zwar jetzt. Es war schon nach halb vier.&lt;br /&gt;
Und was, glaubst du, wird der Arzt mit mir machen?&lt;br /&gt;
So langsam reichte es mir. Mein Mann war dieser Typ, der immer so lange wie möglich den Kopf in den Sand steckt, und so langsam reichte es mir. Er konnte sich nicht im Ernst seinen Arm ansehen und sein von hohem Blutdruck und Ödemen entstelltes Gesicht, und noch an die Allergie glauben, die ihm irgendein dämlicher Facharzt eingeredet hatte. Wahrscheinlich hatte er es sorgfältig vermieden, zu unserem Hausarzt zu gehen, weil er genau wusste, dass der ein guter Diagnostiker war, dafür war er schließlich stadtbekannt, und dass er bei ihm mit seinem Allergie-Wunschtraum nicht durchkäme, keine Minute.&lt;br /&gt;
Was wird er denn tun? Ich beugte mich nach vorne und stützte mich auf den Tisch. Meine silbernen Armreifen rutschten von den sanft gebräunten, gecremten Unterarmen und knallten auf die Tischplatte. Dich ins Krankenhaus einweisen, was sonst? Es hatte mir Genugtuung bereitet, das zu sagen, auf eine Tatsache hinzuweisen, für die ich jedenfalls nichts konnte, aber als ich sah, wie mein Mann zusammenzuckte, tat er mir wieder Leid. Es wird ihm gar nichts anderes übrig bleiben. Ich setzte mich auf den Stuhl gegenüber. Ich war schon oft im Krankenhaus. Ja, dachte ich, und habe ich etwa so ein Theater darum gemacht? Es wird schon nicht so schlimm werden, sagte ich und sah über seine Schulter zur Wohnzimmeruhr. Das Zimmer war L-förmig geschnitten, die Uhr hing ziemlich weit weg und ich musste die Augen zusammenkneifen, eine Geste, die mich unweigerlich an den Sommerurlaub an der Nordsee erinnerte, als ich noch ein Kind war und wie mein großer Bruder, der Seemann werden wollte, nach den Schiffen Ausschau hielt oder nach dem Horizont; gleichzeitig wehte von der offenen Balkontür hinter mir der Wind herein und strich mir über den Rücken und über meine Füße. Es war der erste Tag in diesem Jahr, an dem ich Sandalen angezogen hatte, und meine Beine waren lang und braun und eingecremt und ich saß hier und hielt sie unter den Tisch und konnte zusehen, wie Draußen langsam die Sonne sank. Wenn mein Freund überhaupt noch vor der Eisdiele saß, dann sicher nicht mehr allein.Und wenn mein Mann nicht bald zum Arzt ging, dann würde es wirklich zu spät sein, und da er immer noch schwieg, stand ich auf und sagte, ich würde jetzt Doktor Helmstett anrufen und eine Taxe.&lt;br /&gt;
Auf dem Flur stand er auf einmal hinter mir und nahm mir den Telefonhörer aus der Hand. Ich sah seinen Ehering. Ich trug meinen schon lange nicht mehr. Entweder hatte ihm das nie etwas ausgemacht, oder er hatte es überhaupt nicht bemerkt. Lass nur, sagte er, es sind ja nur zehn Minuten, und nahm die Schlüssel. Du kannst doch nicht... Ich machte irgendso eine hilflose Geste mit den Armen. Er sah mich freundlich an. Doch, sagte er. Für einen Moment stellte ich mir vor, wie es wäre, mit ihm vor der Eisdiele verabredet zu sein und nicht mit Don. Ich komme mit, sagte ich, aber dann ging er doch allein und ich sah ihm vom Balkon aus hinterher. Unser Haus lag etwas von der Strasse zurückgesetzt. Er ging unendlich langsam. Zweimal dachte ich, er würde umfallen.Ich hielt mich am Balkongeländer fest und beobachtete, wie er die Strasse erreichte und um die Ecke bog und hinter den Fichten verschwand. &lt;br /&gt;
Und dann wusste ich nicht, was ich tun sollte. Zuerst stand ich auf dem Balkon, blieb einfach so stehen und wartete auf Don. Natürlich bestand nicht die geringste Aussicht, dass er kommen würde. Darauf zu hoffen, dass er sich Sorgen machte, weil ich nicht aufgetaucht war, war absurd. Der einzige Mensch, um den Don sich gewöhnlich Sorgen machte, war er selbst. Trotzdem starrte ich auf die mickrigen Fichten am Straßenrand und schloss kleine Wetten mit mir ab: Wenn es mir gelänge, zehn Minuten lang nicht zu blinzeln, dann würde er da um die Ecke kommen. Leider hatte ich keine Uhr. Ich starrte, bis mir die Tränen übers Gesicht liefen. Dann schloss ich die Augen und stellte mir vor, wie er von seinem Tisch vor dem Eiscafe aufstünde, durch die Fußgängerzone schlenderte bis zur Bahnhofsstrasse, wie er vor der geschlossenen Schranke wartete und dann an der nächsten Ampel, wie er weiter die Strasse hinaufginge bis zum Supermarkt, wie er um die Ecke liefe und weiter am Kindergarten vorbei und dann wieder um die Ecke in unsere Strasse, am Zaun mit den weißen Winden entlang, an den Fliederbüschen, an den Fichten, und dann blinzelte ich ein bisschen und öffnete endlich die Augen ganz. Nichts. Da war überhaupt niemand. Wenn man wartet, dachte ich, klappt es einfach nicht. Also setzte ich mich im Wohnzimmer in den Sessel gegenüber der Wanduhr. Das war nicht viel besser als warten. Darum stand ich wieder auf und setzte mich aufs Sofa. Jetzt hing die Uhr unsichtbar hinter mir an der Wand. Ich steckte mir eine Zigarette an und wartete, dass es klingelte. Ich konnte einfach nicht aufhören, zu warten. Die Luft im Wohnzimmer war voller Sonnenlicht und Staub. Ich rauchte langsam, um der Zigarettenlänge Zeit so viele Chancen wie möglich zu geben, etwas passieren zu lassen. Unerlöst kroch der Zigarettenrauch durch die Staubpartikel. Das war ziemlich qualvoll anzusehen, und mir fiel auf, wie schmutzig das Wohnzimmer war. Ich holte ein Staubtuch und eine Flasche Pronto und wischte zuerst den Couchtisch, und dann brachte ich die Kaffeetassen in die Küche und wischte auch noch den Esstisch. Die Krümel fielen auf den Boden. Bevor ich die Tischläufer wieder zurück auf die Tischflächen legte, schlug ich sie über der Balkonbrüstung aus. Die Sonne stand schon ziemlich tief, und noch immer war niemand zu sehen.&lt;br /&gt;
Als ich mich gerade umgedreht hatte und auf dem Weg über den dunklen Flur in die Küche war, um den Staubsauger zu holen, fiel mir auf, dass ich bestimmt nicht länger in der Wohnung bleiben wollte. Während ich mir die Hände wusch und das Haar kämmte, überlegte ich, wo ich hingehen könnte. Weil ich nicht sicher war, pickte ich sorgfältig ein paar lange Haare und ziemlich viele Fusseln von meinem engen schwarzen T-Shirt und den schmalen Siebenachtel-Hosen. Dann wusste ich nicht, ob ich eine Jacke nehmen sollte, oder nicht, denn ich hatte diese dünne Seidenbluse im Pantherdruck ja nicht angezogen, um sie zu verstecken. Vielleicht würde Don mir entgegenkommen. Ich entschied mich gegen die Jacke.&lt;br /&gt;
Draußen war es sehr warm, wärmer, als ich gedacht hatte, und auch die Sonne schien wieder höher zu stehen. Ich war froh, aus der Wohnung heraus zu sein, so froh, dass ich beschloss, einen kleinen Umweg zu machen auf dem Weg in die Stadt und in Doktor Helmstetts Praxis vorbei zu sehen. Auf dem Umweg schnupperte ich an den ersten geöffneten Fliederknospen und blieb mitten unter der weitläufigen Duftglocke einer Scheinakazie stehen; dann drehte ich wieder um, pflückte eine Fliederdolde, rannte wieder zur Scheinakazie zurück, legte den Kopf in den Nacken, und während ich nach einem Zweig mit möglichst vielen weißen Blüten suchte, schnüffelte und atmete ich, bis ich ganz high wurde von diesem erstaunlichen Duft. Als hätte jemand einen großen Kübel voller Duftöl über den Baum geschüttet, eine Mischung aus Jasminöl und Rosenöl und Ylang-Ylang. Endlich fand ich einen Zweig, der zu der Fliederdolde passte. Ich zwirbelte die Zweige zwischen den Fingern. Nichts würde schlimm werden, wirklich nicht. Ich begriff auf einmal überhaupt nicht mehr, worüber ich mir eigentlich Sorgen gemacht hatte. Ich lehnte mich an die  Scheinakazie und sah mich im Wartezimmer sitzen und aus dem Sprechzimmer kamen der weißhaarige Doktor Helmstett und mein Mann, und Doktor Helmstett sagte zu mir, ich habe ihm eine Spritze gegeben, das wird schon wieder, und zu meinem Mann sagte er, hier ist Ihr Rezept, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, und alles, was wir tun mussten war, ein Rezept in der Apotheke abzugeben, und als wir aus der Apotheke kamen, sagte mein Mann, ich geh jetzt nach Hause, wolltest du nicht noch in die Stadt? Ich kümmere mich um die Kinder. Und grüß Don von mir.&lt;br /&gt;
Ich wäre an Doktor Helmstetts Haus vorbei gegangen, wenn da nicht dieser Krankenwagen gestanden hätte; ich roch ihn, bevor ich ihn sah. Und beinahe wäre ich gegen die Bahre gelaufen, die von zwei orangefarbenen Rettungssanitätern über den Fußweg getragen wurde. Hallo du, sagte mein Mann mit der gleichen Stimme, mit der er gesagt hatte, sieh dir mal meinen Arm an. Ich konnte gar nicht gleich sehen, woher die Stimme kam, ich hatte Tränen in den Augen und stand am falschen Ende der Trage, am Fußende der grauen Decke, und dann schoben sie ihn auch schon in den Krankenwagen, es blieb mir kaum Zeit, zu sagen, dass ich seine Frau sei und dass ich mitfahren wolle, Vorne oder hinten? fragte einer der Orangenen, ich begriff nicht gleich, und dann stieg ich vorne ein, beim Fahrer, und erst, als er die Tür zu machte, dachte ich, ich sollte lieber bei meinem Mann sitzen, aber das wollte ich nicht denken, und so dachte ich als Nächstes, dass es am Ende auch egal sei und dass ihn vielleicht der Duft der Blüten stören könnte, Blumen sind immer unerwünscht in Krankenhäusern. Wir fuhren ohne Blaulicht, an der Fußgängerzone vorbei, ich hätte nach dem Eiscafe Ausschau halten können, wenn ich nicht auf der falschen Seite gesessen hätte. Dann wusste ich auf einmal überhaupt nicht mehr, wo wir waren oder wohin wir fuhren, und ich erkundigte mich beim Fahrer, und er sagte, wir führen ins Stadtkrankenhaus. Nur ins Stadtkrankenhaus, dachte ich, und ohne Blaulicht, und fühlte mich plötzlich ganz dankbar, und in diese Dankbarkeit hinein sagte der Fahrer, Nun weinen Sie mal nicht. Das wird schon!, und er gab mir ein Tempotaschentuch aus dem Handschuhfach. Im Autoradio spielten sie ein Lied, dass mich an irgendetwas erinnerte, das mit unglücklicher Liebe zu tun hatte, und ich heulte ziemlich haltlos in mein Taschentuch, aber als der Fahrer fragte, ob er eine andere Kassette einwerfen oder das Radio abstellen solle, schüttelte ich den Kopf. Einwerfen! Ich sah auf meine Handtasche und auf meine Zweige und aus dem Fenster. Von mir aus hätte die Fahrt ewig dauern können. Eine Reise. Es war wie ein Zweiminutenausschnitt aus einer langen Reise. Ich dachte: Das Fenster ist ein wenig offen und ihr Haar flatterte im Fahrtwind. Noch während ich diesen Satz dachte, kam er mir kitschig vor. Ich dachte ihn trotzdem.&lt;br /&gt;
Als wir an der Notaufnahme hielten, zögerte ich, auszusteigen, weil ich Angst hatte. Wie sollte ich wieder nach Hause kommen? Nach Hause. Und dann fiel mir auch noch ein, dass ich vergessen hatte, den Kindern einen Zettel hinzulegen, wo ich wäre. Hatten sie mir überhaupt gesagt, wo sie hingegangen waren? Wann sie wiederkommen wollten? Hatten sie überhaupt Schlüssel mitgenommen? Hatte sich irgendjemand darum gekümmert, ob sie heute schon etwas gegessen hatten? Ich musste unbedingt meinen Mann fragen. Ich lief nach hinten zum Wagen, aber sie waren mit der Trage schon unterwegs zum Eingang. Ich rannte hinterher und schrie, wo die Kinder sind? und die Träger, die gerade dabei waren, die Trage durch die Tür zu manövrieren, drehten sich erstaunt um. Ich quetschte mich am Türrahmen vorbei und beugte mich zu meinem Mann. Was ist mit den Kindern? fragte ich. Er nahm meine Hand. Robinie, sagte er.&lt;br /&gt;
Daran musste ich denken, als ich in der Cafeteria des Krankenhauses saß. Es gab einen Kaffeeautomaten. An der Wand hing eine Uhr. Die Tür zum Garten stand offen. Ich saß da und hatte das Gefühl, dass jemand mir die Hand hielt, den ich nie wieder sehen würde. Ich versuchte, herauszufinden, wer es war. Es konnte mein Mann sein. Oder Don. Oder eins meiner Kinder.Oder eins nach dem anderen. Draußen auf dem grünen Gang drehte sich ein grüngekleideter Arzt um und winkte. Es wird schon nicht so schlimm werden! rief er. Seine Stimme klang munter. Ich sah wieder in die Sonne und zupfte an den welken Blüten von Flieder und Robinie. Mich konnte er nicht gemeint haben.</description>
    <dc:creator>rivka</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://rivka.twoday.net/topics/Kurzgeschichten&quot;&gt;Kurzgeschichten&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 rivka</dc:rights>
    <dc:date>2008-01-15T14:57:00Z</dc:date>
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    <title>Bad P., 2005</title>
    <link>http://rivka.twoday.net/stories/4614223/</link>
    <description>14.03.05, Montag:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Bad P. stirbt meine Mutter. Das heißt: sie weigert sich zu sterben.&lt;br /&gt;
Sie stinkt, ihre Wohnung verkommt, sie gibt ihr Erspartes aus für den Pflegedienst, den sie dreimal nachts anruft, und sie geht nicht mehr ans Telefon.&lt;br /&gt;
Aber die Leute vom ambulanten Hospizdienst hat sie wie gewohnt abgefertigt: &quot;Wenn Sie gekommen sind, um den Fußboden zu wischen, können Sie bleiben. Wenn nicht, können Sie gehen.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Warum stirbt sie nicht einfach&quot;, sagt mein Bruder und sitzt zu Hause und weint, was ich mir schwer vorstellen kann, weil er immer größer, älter und stärker war als ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alles Mögliche hatte ich mir ausgemalt über das Sterben meiner Mutter, aber nicht, dass mir der Mut fehlen würde, sie auch nur anzurufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch nicht, dass ich endlich erfahren würde, dass mein Bruder genauso viel Angst hat vor ihr wie ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich träume jede Nacht von ihr, seit Wochen. Vielleicht sollten wir einfach hinfahren und sie umbringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freiwillig lässt sie uns ja doch nicht in Ruhe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
26.03.05, Samstag:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weißt du was, sage ich zu mir selber. Du solltest lieber: lieber einkaufen gehen. Einkaufen für die Feiertage. Sie vorbereiten, die Feiertage.&lt;br /&gt;
Weißt du was, sage ich selbst zu mir selbst, sie interessieren mich nicht, deine Feiertage, aber ich sage das ganz leise, und oft höre ich selbst mir selbst nicht so genau zu.&lt;br /&gt;
Trotzdem, sage ich zu mir selbst, könntest du wenigstens deine Kinder einladen für die Feiertage.&lt;br /&gt;
Welche Kinder? fragt ein Selbst, von dem ich selbst gerne leugne, dass es meins ist oder, wahlweise, ein Selbst.&lt;br /&gt;
Oder deine Mutter anrufen! schlage ich mir vor. Falls sie noch lebt. Lebt sie noch? Wenn sie nicht mehr lebt, hätte es ja keinen Sinn, sie anzurufen. Ich bin mir nicht sicher, meiner Selbst nicht sicher, es könnte auch ein anderes sein, das mir jetzt vorschlägt, ich könnte mich wenigstens um meinen Freund kümmern, der krank im Bett liegt und nicht einkaufen kann. Bin ich nicht aufgestanden, gehorsam einem Selbst, das ganz bestimmt nicht meins war, sondern das meines Freundes, und habe sein Telefon klingeln lassen und er hat sein Telefon klingeln lassen und ein Gespräch kam nicht zu Stande?&lt;br /&gt;
Warum, sage ich zu mir selbst, sollte ich also für ihn einkaufen gehen, wenn er sich weigert mit mir reden zu wollen? Vielleicht, sage ich selbst zu mir selbst, ist er ja verschwunden.&lt;br /&gt;
Man will mich verpflichten, sage ich selbst zu mir selbst, mit Feiertagen und Müttern und Kindern und Freunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist schön draußen, die Sonne scheint. Ich kann leider nicht aufstehen und hinausgehen, weil die vielen Verpflichtungen mich an meinen Stuhl fesseln. &lt;br /&gt;
Außerdem: warum scheint auf einmal die Sonne? Kannst du ausschließen, frage ich mich selbst, dass das Wetter nicht geradezu will, dass du hinausgehst? Ich antworte, ich könne das keineswegs ausschließen. Aber meine Finger auf den Tasten bewegen sich freiwillig? Ich meine, erkläre ich mir selbst, es ist doch nicht so, dass das Keyboard und der Bildschirm von mir verlangten dass ich schriebe?&lt;br /&gt;
Schreiben, sage ich selbst zu mir selbst, schreiben kannst du doch schon lange nicht mehr. Nein, sage ich, weil das Papier es verlangt, voll geschrieben zu werden, und das Leben verlangt es beschrieben und die Geschichte verlangt es, weitergeschrieben zu werden. Siehst du, es ist, wie ich sagte, ich bin gehindert an Allem durch meine Verpflichtungen.&lt;br /&gt;
Aber du schreibst doch gerade?&lt;br /&gt;
Das musst du mir erst einmal beweisen, sage ich selbst zu mir selbst. Einen Moment lang sieht es so aus, als könne nur die Zauberformel Strg+X mich davor bewahren, zum Befehlsempfänger des Rechners zu werden, aber da hat er sich verrechnet, denn ich kann, was ich nicht geschrieben habe an mich, einfach absenden und verleugnen.&lt;br /&gt;
Auf einmal sieht es so aus, als hätte ich alle meine Verpflichtungen erfüllt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
19.04.05, Dienstag&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mittwoch: Telefongespräch mit meiner Mutter. &quot;Du hast so schöne Haare. Bringst du auch deine Haare mit?&quot; &quot;Ja, wir sehen uns dann morgen.&quot; &quot;Wenn es kein Gewitter gibt. Hoffentlich gibt es kein Gewitter.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Donnerstag: Fahrt nach Bad P. Im Hospizbett meine Mutter. Ich gehe hin und her zwischen Bett + Türschild, vergleiche Namen + Gesicht: Frau H. und dieses offenmündig schlafende kleine Gesicht, dass sie mich nicht erkennt als sie aufwacht, lässt mich noch einmal zurückgehen zur Tür, dann wieder zum Bett, streichle ihr Gesicht, die Arme. &quot;Sie sind so lieb, Schwester, Sie haben so schöne Haare, Schwester.&quot;&lt;br /&gt;
Ich bleibe eine Stunde, ohne Angst, sie erkennt mich ja nicht, ist freundlich.&lt;br /&gt;
Das Wetter: schwül. Gewitter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freitag: Diesmal werde ich erkannt. In ihrem dritten Satz fragt sie nach ihrem Portemonnaie, will mich bezahlen: &quot;Ich habe dich ja leider nur ein mal gesehen in den letzten zwei Jahren.&quot;&lt;br /&gt;
Richtig, das weiß sie genau. &quot;Wo ist J.?&quot; &quot;Wir waren gestern zusammen hier.&quot; &quot;Davon weiß ich nichts.&quot; &quot;Du hast geschlafen.&quot; Dass mein Bruder sie nicht wecken wollte, sage ich nicht. Dann streichelt sie meine Haare.&lt;br /&gt;
Wetter: heiß, Gewitter gegen Abend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Samstag: Sie erkennt mich und mag mich trotzdem. &quot;J. hätte ich so gerne gesehen.&quot; &quot;Er kommt zurück.&quot; &quot;Wann?&quot; &quot;In einer Woche...zehn Tagen...&quot; &quot;Bis dahin bin ich doch schon zu Hause!&quot; Sie hebt die Hände, mühsam, sie scheinen zu schwer zu sein für die mageren Arme, greift in die Luft zuerst, dann: &quot;Deine Haare...&quot;&lt;br /&gt;
&quot;Wo wohnst du?&quot; &quot;In deiner Wohnung.&quot; &quot;Das ist schön. Und ich wohne jetzt hier?&quot;&lt;br /&gt;
Gewitter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sonntag: Ich kann sie nicht wecken. Im Wohnzimmer des Hospizes steht eine Gitarre, die hole ich, setze mich auf das Gästebett, streiche mir das Haar hinters Ohr und spiele ihr die einzige Melodie, an die sich meine Finger noch erinnern, immer wieder. Dann muss ich zum Zug. Abends in WF: Gewitter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Montag: Vormittags drückend, gewittrig. Anruf: Mutter starb um 12.55, die Hospizschwestern saßen um ihr Bett, die Nonnen, die Pinguine, wie mein Bruder sagte. Ich rufe ihn an: er ist schon wieder auf dem Rückweg von W. nach Bad P.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dienstag: In einer Stunde geht mein Zug. Zurück nach Bad P. Es ist kühl. Ein Gewitter wird es nicht mehr geben heute. Ich muss mir nur noch die Haare kämmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
24.04.05, Sonntag&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dienstag: Als ich in Bad P. ankomme - in der Wohnung meiner Mutter, oder ist es jetzt unsere Wohnung? - sitzt mein Bruder am Schreibtisch und tüftelt neben einem Zeitungsblätterstapel mit vielen schwarzgeränderten Rechtecken, die schon von weitem gut zu sehen sind, über einem Text für Mutters Todesanzeige. Er ist erleichtert, dass ich komme: fürs Schreiben bin ich zuständig. Ich streiche den ganzen Text bis auf den letzten Satz: In stiller Trauer nehmen wir Abschied.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einem langen und erfüllten Leben zum Beispiel ist ein sowohl redundanter als überheblicher Satz, denke ich, zwischen Geburts- und Todesdatum liegen fast neunzug Jahre, wozu also lang, und erfüllt, da bin ich gar nicht sicher. Nein. Was soll das überhaupt sein: ein erfülltes Leben? Ein Leben, das keinerlei Wünsche mehr offen lässt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In die rechte obere Ecke der Anzeige gehört ein Spruch, ich hatte in der vorgehenden Nacht in Büchern geblättert und einen mitgebracht, den will mein Bruder nicht, der ist ihm zu lang, eigentlich will er überhaupt keinen, weil er sich nach dieser ganzen schwarzgekastelten Lektüre nur einen salbungsvoll-dummen vorstellen kann, aber dann findet er etwas Chinesisches in den Geschenkbüchlein unserer Mutter: Wenn du unaufhörlich gibst, wirst du unaufhörlich haben. Ich sehe ihn an, sehe zu meiner Verblüffung, dass er das ganz ernst meint, es ganz passend findet, und ich nicke und stimme zu, während in meinem Kopf ein Grinsekatzen-Grinsen wabert: Wen du unaufhörlich kaufst, wirst du am Ende gar nicht haben wäre passender gewesen. Ich sehe meinen Bruder an: ist ihm nie aufgefallen, dass unsere Mutter eine Krämerseele war? (Später in W. werden meine Söhne lachen aus dem Telefon, den Spruch in seiner passenden Unpassenheit für einen Witz am Rande halten, und ich werde denken, dass mein Bruder vielleicht eine ganz andere Mutter haben wird als ich, jetzt, nachdem sie tot ist. Oder schon vorher, schon immer? Wem gegenüber hat sie sich dann aber verstellt?)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mittwoch: Da es eine seiner Lieblingstätigkeiten bezeichnet, ist es eines seiner Lieblingswörter geworden: abwickeln. Mein Bruder ist immer glücklich, wenn er etwas abwickeln kann. Jetzt müssen wir erst mal unsere Mutter abwickeln sagt er beim Morgenkaffee, und wir fahren zum Beerdigungsunternehmer und haben tatsächlich, in nur drei Stunden, von neun bis zwölf, unsere Mutter abgewickelt. (Ich staune, wie viel man tun kann, wenn man um sieben aufsteht: normalerweise kenne ich diese Tageszeit nicht und sie kennt mich nicht.) &lt;br /&gt;
Eine Abwicklung, die meine Mutter selbst vorbereitet hatte allerdings, denn weder dem Zufall noch ihrem Sohn noch gar mir - ich habe ausdrücklich keine Vollmacht für gar nichts - hätte sie die Organisation ihres letzten Auftritts überlassen. Der war ursprünglich in einem Mahagonisarg geplant, aber den haben wir an ihrem 85. Geburtstag versoffen, sie hat ihn rückgängig gemacht, umgetauscht gegen den billigsten und hässlichsten Sarg im Institut, ich höre ihre Stimme schräg hinter meinem rechten Ohr, als ich auf das Bild der kackbraunen Holzkiste im Sargkatalog starre: Das reicht schon für mich. Sicher, Mutter, denke ich, reichen würde es vollkommen, aber es sieht einfach beschissen aus, und dann nehmen wir einen teureren, hellen Sarg, passend zum pastellfarbenen Gesteck: Rosen und Gerbera und weißer Flieder. Wenn der weisse Flieder wieder blüht. Meine Mutter, Sternzeichen Waage, Aszendent Waage, hatte ein etwas entgleistes Verhältnis zur Harmonie. Ein paar Birkenzweige noch, die Birke war ihr Lieblingsbaum, seines hellen Stammes und lichten Laubes wegen. Seiner Leichtigkeit des Seins wegen. Konnte sie eine gewisse Leichtigkeit des Seins erreichen, indem sie das Sein anderer beschwerte? Dann wäre ich wohl zu etwas Nutze gewesen, Nütze, nützlich. Als Eingangslied für die Trauerfeier suche ich das Ave Maria aus. Maria, das bin ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Donnerstag: Gestern wollte mein Bruder noch mitkommen, heute nicht mehr: Mir hat schon gereicht, wie sie im Hospiz geröchelt hat. Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass ein Röcheln nicht mehr zu befürchten ist, aber er will sie nicht noch einmal sehen: Den Anblick würde ich nie mehr aus meinem Kopf bekommen. Ich muss ihn erst einmal hineinbekommen, den Anblick. &lt;br /&gt;
Ich habe nämlich noch nie eine Leiche gesehen. Eine aufgebahrte Leiche, stelle ich mir vor, ist zwar keine richtige Leiche, aber das Nächstbeste. Ich nehme meinen gerade geerbten Fotoapparat mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie ist nicht besonders geschminkt, sie lächelt ein wenig aasig, es ist gar nichts dabei. Ich fotografiere sie en face, von der linken Seite, mit dem blauen Fleck an der Schläfe, der ist da, weil sie aus dem Hospizbett fiel, und dann gehe ich zur andern, unbefleckten Seite und da surrt auf einmal die Kamera, beinahe lasse ich sie fallen, und der Film ist alle. Mist. Immer hat sie Wert darauf gelegt, von ihrer Schokoladenseite her fotografiert zu werden.&lt;br /&gt;
Ich streiche ihr mit dem Zeigefinger übers Haar, das fühlt sich warm an, und als ich mich über sie beuge, meine Nase ganz dicht an ihrer, da macht sie ihre Augen nicht auf, aber wegen des falschen Fotos traue ich ihr nicht mehr so recht und gehe.</description>
    <dc:creator>rivka</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://rivka.twoday.net/topics/Verzeitungen&quot;&gt;Verzeitungen&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 rivka</dc:rights>
    <dc:date>2008-01-14T15:12:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://rivka.twoday.net/stories/4611522/">
    <title>Die Selbstverwirklichung Gottes</title>
    <link>http://rivka.twoday.net/stories/4611522/</link>
    <description>DIE SELBSTVERWIRKLICHUNG GOTTES&lt;br /&gt;
Das Schöpfungswerk in der Kabbala &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geboren aus der Leere&lt;br /&gt;
erschienen die zehn Sefirot&lt;br /&gt;
wie ein leuchtender Blitz,&lt;br /&gt;
und ihre Bestimmung ist jenseits aller Begrenzung.&lt;br /&gt;
Und der Name Gottes ist in ihnen,&lt;br /&gt;
wenn sie aufsteigen und wenn sie zurückkehren.&lt;br /&gt;
Auf Sein Wort eilen sie wie ein Wirbelwind&lt;br /&gt;
Und verneigen sich vor seinem Thron.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(Sefer Jetzirah 1,6)   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1. ATZILUT ODER DER SEINSGRUND     &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Anfang war die Wandlung: Vor Beginn aller Schöpfung war Gott die Leere, das Nichts, Ejn, und wo das Nichts war, konnte nicht Etwas sein. Also wandelte sich das Nichts, das Ejn, zog sich zusammen in einem Prozess der Gnade, den die Kabbala Zimzum nennt, die Selbstbeschränkung Gottes zu Gunsten der Schöpfung, und so wurde in einem ersten Schritt aus dem Ejn-Nichts das Ejn Sof, das Keine- Grenze, das Grenzenlose, und in einer weiteren Transformation wandelte  sich das Grenzenlose zum Ejn Sof Or, zum grenzenlosen Licht, und aus diesem  grenzenlosen Licht, das weder hell war noch dunkel, löste sich und löste sich doch nicht ein erster Lichtpunkt, eine erste Emanation des grenzenlosen Lichts, es fand, nach drei Wandlungen, eine Ver-Wandlung statt, aus dem Nichts war, durch drei Transformationen und eine Metamorphose, Etwas geworden: die Sefira Keter oder auch Keter Eljon, die von der höchsten kabbalistischen Welt aus gesehen tiefste Wurzel des Etz Chajim, des Baumes, der in Himmel und Erde wurzelt, in der höchsten der vier kabbalistischen Welten, in Atzilut (hebr.: atzol, ausgehen, fortgehen), der göttlichen Welt, der Welt der Emanationen, der Welt des Willens, einer Welt ohne Idee, Gestalt oder gar Materie, einer Welt der reinen Absicht, in der von der Schöpfung unserer Welt noch keine Rede sein konnte.   &lt;br /&gt;
Aus Keter, der Krone von Atzilut auf der mittleren Säule des Bewusstseins entwickelten sich, durch den Vorgang zunehmender Einschränkung, weitere neun Aspekte des Willens Gottes, und zwar, in dieser Reihenfolge, die Sefirot Chokmah, das ist Weisheit, als oberste Sefira auf der rechten Säule der Güte oder Säule der Gnade, und ihr gegenüber Binah, das ist Verstehen als oberste Sefira auf der Säule der Strenge und des Gerichts. &lt;br /&gt;
Manche sagen auch, Chokmah, die Weisheit, und Binah, das Verstehen, emanierten gleichzeitig aus Keter; zusammen bilden Keter, Chokmah und Binah die drei Überirdischen, die durch einen Abgrund, den Abyssos,  von den restlichen sieben Sefirot des Baumes potenziell getrennt sind, potenziell deshalb, weil es aus der Sicht des Höchsten diesen Abgrund (noch) nicht gibt.   &lt;br /&gt;
Diese sieben Sefirot jenseits und doch nicht jenseits des Abyssos sind: Chesed oder Gedulah, die Barmherzigkeit auf der rechten Säule der Gnade; ihr gegenüber Geburah, auch Pachad oder Din genannt, Stärke, Furcht und Gericht, auf der Säule der Strenge, dann die zweite Sefira auf der mittleren Säule des Gleichgewichts, Tiferet, Pracht und  Schönheit.   &lt;br /&gt;
Die Sefira Tiferet ist der Mittelpunkt aller Pfade oder Zinnorot  des Baumes, denn von hier aus führt je ein Weg unmittelbar zu jeder anderen Sefira, alle sind von hier aus erreichbar, außer Malchut, ein Umstand, der der zwischen Tiferet und Malchut liegenden Sefira Jesod die etwas unheilvolle Bedeutung eines Hindernisses verleihen kann  wir kommen in einer anderen, der vierten kabbalistischen Welt, der Welt des natürlichen Menschen, darauf zurück.   &lt;br /&gt;
In der göttlichen Welt Atzilut emaniert nun aus Tiferet die Sefira Netzach, Ewigkeit im Sinne von wiederholen, sich endlos drehen; aus dieser, auch Sieg genannten Sefira auf der Säule der Güte emaniert, gegenüber auf der Säule der Strenge, die Sefira Hod, Herrlichkeit oder Widerhall; aus dieser die dritte Sefira auf der mittleren Säule des Bewusstseins, die schon erwähnte Sefira Jesod, das Fundament, und aus dieser schließlich die zehnte und letzte Sefira, ebenfalls auf der mittleren Säule gelegen: Malchut, das Königreich.    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Sefira Malchut in Atzilut ist der Baum in der Welt des göttlichen Willens vollendet. Nichts existiert in dieser Welt als der Wille Gottes selbst, der sich durch Einschränkung gewandelt hat, vom reinen Willen zur Weisheit, von der Weisheit zum Verstehen, vom Verstehen zur Barmherzigkeit, von der Barmherzigkeit zur Gerechtigkeit, von der Gerechtigkeit zur Schönheit, von der Schönheit zur Ewigkeit, von der Ewigkeit zum Widerhall, vom Widerhall zum Fundament und vom Fundament zum Königreich.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So umhüllt sich jede Sefira mit der ihr folgenden und aus ihr entstandenen wie mit einem Mantel: Wille hüllt sich in Weisheit, Weisheit in Verstehen und so weiter, bis sich schließlich unter dem Königsmantel von Malchut die Mäntel aller darüberliegenden Sefirot genauso verbergen wie der ursprüngliche, attributlose Wille.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Seinsgrund selbst ist verborgen hinter den Schleiern der Negativen Existenz, und die Welt von Atzilut scheint, da sie jenseits des menschlichen Geisteshorizonts liegt, paradoxe Qualität zu haben: Einschränkung bedeutet hier gleichzeitig Ausarbeitung, Differenzierung, Komplexität; eine paradoxe Qualität, die wir auch der Entwicklung Gottes durch alle vier Welten zuschreiben können. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Gottesnamen   &lt;br /&gt;
Der Baum von Atzilut, der Welt des Seinsgrundes und der transformatorischen Entwicklung des göttlichen Willens vor Beginn aller Schöpfung ist nun vollständig. Jeder Sefira dieses Baumes ist ein Gottesname zugeordnet, und jeder Gottesname beschreibt das Stadium der Transformation Seines Willens im Energiefeld der betreffenden Sefira. Der erste, der Sefira Keter zugeordnete Gottesname, Ehjeh oder, vollständiger, Ehjeh Ascher Ehjeh bedeutet Ich Bin, der Ich Bin. Dieser Feststellung der eigenen Existenz folgt in der zweiten Sefira, Chokmah, der Gottesname JHWH, der kaum übersetzbar ist  und keinesfalls als Jahweh oder Jehovah vokalisiert werden sollte. In der hebräischen Liturgie und Literatur bleibt der geheime Name Gottes, ha schem, unvokalisiert und kann, da das Hebräische eine reine Konsonantensprache ist, weder ausgesprochen noch in seiner Bedeutung genau bestimmt werden. (Das ist an sich nicht weiter bedauerlich, wenn man bedenkt, dass der Name Gottes, korrekt vokalisiert und richtig ausgesprochen, die Welt zusammenstürzen ließe.)   &lt;br /&gt;
Der Name JHWH setzt sich zusammen aus den Worten Hajah, Er war, Jijeh, Er wird sein und HoWeh, Er ist; in der zweiten Sefira des Baumes in Atzilut wandelt sich die, die eine ewige Gegenwart betreffende, Selbstauskunft des göttlichen Willens, Ich Bin, der Ich Bin, in eine Selbsterklärung, die eine Vergangenheit (Keter) und eine mögliche Zukunft einschließt und die damit den Begriff der Ewigkeit von Keter in den der Unvergänglichkeit in Chokmah, Weisheit, verwandelt, einen paradoxer Anfang der Zeit:    &lt;br /&gt;
Das Ich Bin, der Ich Bin Keters wandelt sich in das Der immer war, ist und sein wird in Chokmah. Schon in diesem ersten Schritt von Keter nach Chokmah sehen wir das Prinzip der Einschränkung und das der Umhüllung, der Verunreinigung, wie es auch genannt wird, am Werk: die Ewigkeit der ersten Sefira Keter hüllt sich in die Unvergänglichkeit  der zweiten Sefira Chokmah, das Sein der ersten Emanation kleidet sich in der zweiten Emanation in die Gewänder von (unvergänglicher!) Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Chokmah ist die Sefira der Gegenwart Gottes, die ohne Vergangenheit und Zukunft nicht denkbar wäre. Sie ist auch die Sefira der Dreieinigkeit, denn da wir uns, immer noch in Atzilut, in einer ungeschaffenen Welt aufhalten, existieren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig.    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So, wie die Sefira Chokmah die rechte Säule der Barmherzigkeit ins Leben ruft, so bildet die aus ihr entstandene und ihr gegenüberliegende Sefira Binah die höchste auf der linken Säule der Strenge. Mit der Entstehung des Sefirotpaares Chokmah  Binah und der Säulen Boaz und Jachin tritt das Prinzip der Dualität ins Sein, denn die einander auf den äußeren Säulen gegenüberliegenden Sefirot stehen im Verhältnis der Ergänzung und des Ausgleichs.&lt;br /&gt;
Ist also Keter die Sefira der unwandelbaren Einheit, Chokmah die der unvergänglich- wandelbaren Einheit, so erscheint mit der dritten Sefira Binah die Zweiheit und die Vielheit, die sich in dem dieser Sefira zugehörenden Gottesnamen ausdrückt: nach dem der Ich Bin, der Ich Bin sich in den Der War, Ist und Sein Wird gewandelt hat, entfaltet er nun in seiner Einheit das Potenzial der Vielfalt als Elohim, ein Gottesname, der aus der weiblichen Singularform Elah, Göttin, und der männlichen Pluralendung im gebildet wird und der sich am ehesten übersetzen lässt mit Göttinnen und Götter.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den drei überirdischen Sefirot der göttlichen Welt von Atzilut zeigt sich (und zeigt sich doch nicht) Gott als Seinsgrund, als ewige Einheit, ewiger Wandel und ewige Vielzahl, als das Prinzip der in der Ganzheit aufgehobenen Zweiheit und zwar, wie wir nicht vergessen wollen, vor aller Schöpfung.   &lt;br /&gt;
Obwohl die Triade der Überirdischen in sich selbst vollendet ist und keiner Ergänzung, also auch keiner weiteren Entfaltung bedarf, wirken die Sefirot Chokmah und Binah nun als Abba, der Große Vater  und Ima, die Große Mutter (buchstäblich übersetzt: Papa und Mama); der Blitz der Schöpfung, der seinen Ursprung in Keter hat, zeugt aus Chokmah, empfängt in Binah, überquert den (noch nicht vorhandenen) Abyssos, der die Überirdischen von den Irdischen trennt und erschafft die zweite Sefira auf der Säule der Milde, Chesed, auch Gedulah genannt; aus dieser entsteht Geburah auf der Säule der Härte. Die zugeordneten Gottesnamen, El für Chesed und Jah für Geburah werden gewöhnlich beide mit Gott übersetzt, wobei El eine grammatisch maskuline, Jah eine grammatisch feminine Form darstellt und eigentlich Göttin übersetzt werden sollte; entsprechend finden wir den Gottesaspekt El auf der männlichen, den Aspekt Jah auf der weiblichen Säule.   &lt;br /&gt;
Die im Gottesnamen Elohim ungeschieden vorhandenen männlichen und weiblichen Elemente haben sich also in einer weiteren Transformation (und Differenzierung) gleichsam getrennt, werden mit El, Gott und Jah, Göttin benannt und als, einander ergänzendes, Paar auf gegenüberliegende Plätze der äußeren Säulen gestellt, bevor sich in einem nächsten Wandlungsschritt das Männliche und das Weibliche, das Eine und das Viele, das Wandelbare und das Unwandelbare in der zweiten Sefira auf der mittleren Säule des Ausgleichs wieder vereinen, in der Sefira Tiferet, Schönheit, auch der Sohn genannt, dem allerdings der doppelgeschlechtliche  Gottesname JHWH Elohim zugeordnet wird: Ich werde als Mann und Frau da sein. (Wie der paradiesische Adam wird diese Sefira oft im Symbol des Hermaphroditen dargestellt.)    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier, an diesem zentralen Ort des Baumes, der Sefira Tiferet, die auch der leuchtende Spiegel genannt wird, der quinta essentia der fünf vorangegangenen Sefirot, hüllt sich das introvertierte Leuchten des Gottesnamens Ehjeh der ersten Sefira, derjenigen, die direkt über Tiferet auf der mittleren Säule des Bewusstseins liegt, in das extrovertierte Strahlen des Gottesnamens JHWH Elohim, der das Wesen des göttlichen Willens einerseits erläutert, differenziert und andererseits in erweiterter Form zusammenfasst: wir dürfen uns Tiferet als einen Spiegel vorstellen, der das Licht Keters transformiert und auffächert.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann wird, den Strahlen des Lichtes und dem Weg des Zündenden Blitzes folgend, der Gottesname des leuchtenden Spiegels auf die rechte und linke Säule unterhalb Tiferets in die Sefirot Netzach und Hod reflektiert, Sieg beziehungsweise Ewigkeit und Herrlichkeit oder Widerhall, die die Gottesnamen JHWH und Elohim tragen, beide mit dem Zusatz  Zebaot:  JHWH Zebaot auf der Säule der Barmherzigkeit, entsprechend dem Gottesnamen JHWH der ersten Sefira dieser Säule, Chesed; und Elohim Zebaot auf der Säule der Strenge, entsprechend dem Gottesnamen der obersten Sefira Binah auf dieser Säule.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da der Prozess der Entwicklung Gottes, auch Involution genannt, vom Einen (Höre, Israel! Er, Er Einer!) zum Vielen stattfindet, überrascht es nicht, in den Sefirot Netzach und Hod nun erstmals zusammengesetzte Gottesnamen vorzufinden, die auf den Willen zu einer Existenz außerhalb (und nicht außerhalb) Gottes hindeuten: JHWH Zebaot heißt Herr der Heerscharen, und Elohim Zebaot heißt Gott der Heerscharen; zumindest haben sich diese Übersetzungen eingebürgert. Es bleibt allerdings darauf hinzuweisen, dass JHWH auf den Herrn als den Einen (der da war, ist und sein wird) verweist, während Elohim die Ideen der Dualität und Vielfalt impliziert, denn eigentlich müsste das Wort Elohim ja mit Gott und Göttinnen übersetzt werden; der duale Charakter ist sowohl der Sefira Hod als auch der Sefira Binah eigen, die uns als dunkle und helle Mutter (Ama und Aima) entgegentritt, während Hod als reflektierende Sefira (Widerhall) die Sefira der Unterscheidung ist.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So gelangen wir vom Herrn der Heerscharen über die Götter und Göttinnen der Heerscharen zu El Chaj Schaddaj, Gott dem Lebendigen Allmächtigen in der dritten Sefira auf der mittleren Säule, Jesod, dem Fundament, auch nichtleuchtender Spiegel genannt. Hier werden dem Gottesnamen El, der uns aus der Sefira Chesed bekannt ist und der somit den gütigen Aspekt Gottes betont, erstmals zwei Eigenschaften hinzugefügt: lebendig und allmächtig. Da wir uns allerdings immer noch in der Welt von Atzilut befinden, sollten wir nicht daran denken, uns einen lebendigen und allmächtigen Gott vorzustellen; wenn wir an die Transformation des ursprünglichen Willens Gottes zu Sein in den Willen zum Leben und den Willen zur Allmacht denken, sind wir wahrscheinlich besser beraten. Leben und Allmacht aber, als dem nichtleuchtenden Spiegel zugeschrieben, wären Kelipot, Huren des Bösen, ohne das Licht der über Jesod liegenden Sefira Tiferet, die als leuchtender Spiegel ihren Impuls zu strahlen vom Urlicht in Keter erhält.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Seinsgrund der Schöpfung, in den der göttliche Wille sich in neun Transformationsstufen gewandelt hat, emaniert nun noch eine weitere Sefira, Malchut, das Königreich, dem der Gottesname Adonai Melech zugehört, Mein (!) Herr und König. Mein Herr und König ist nun ganz offensichtlich eine Anredeform: in Malchut, dem Königreich, begegnet Gott sich selbst in seiner Form als (weibliche) welteinwohnende Herrlichkeit, als Braut, als Schechinah im Exil, denn die gefallene Sefira Malchut hat, als einzige im Baum des Lebens, keine direkte Verbindung zur zentralen Sefira Tiferet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2. BERIAH ODER DER ERKENNTNISGRUND    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im leuchtenden Spiegel, in dem der Seinsgrund des Seins zur Er-Scheinung gebracht wird, wurzelt der Baum der zweiten kabbalistischen Welt, Olam ha Beriah (von hebr. bora, Schöpfer, Erschaffer), der Welt der Schöpfung, hier auch die Welt des schöpferischen Geistes oder einfach die Welt des Geistes genannt.   &lt;br /&gt;
Der Baum von Beriah wurzelt also nicht, wie man vielleicht erwarten könnte, in Malchut, sondern in Tiferet von Atzilut. Durch diese Überschneidung der Bäume werden sie durch eine, die Sefira Tiferet querende, Horizontale in der Mitte geteilt; der jeweils obere Teil des Baumes, eine drachenähnliche Figur, die durch die die Sefirot Keter-Chokmah-Tiferet-Binah-Keter verbindende Linie gebildet wird, heißt das das große Gesicht, und die entsprechende untere Figur mit den Eckpunkten Tiferet-Netzach-Malchut-Hod-Tiferet das kleine Gesicht, Himmel und Erde der betreffenden Welt.    &lt;br /&gt;
Schieben wir also die Bäume so übereinander, dass Keter des jeweils folgenden Baumes (es folgen, nach dem von Beriah, noch zwei) auf Tiferet des jeweils vorangegangenen zu liegen kommt, so erkennen wir, dass nur das obere Gesicht von Atzilut ein rein göttliches ist. Im unteren Gesicht von Atzilut wird die Welt des Willens von der des Geistes überlagert, denn das untere Gesicht von Atzilut bildet gleichzeitig das obere Gesicht von Beriah, das damit zum Janusgesicht wird, wie auch alle in absteigender Linie folgenden Gesichter, mit einer Ausnahme: das letzte Gesicht, das untere Gesicht von Assiah ist, als die Schale aller Schalen, die materiellste aller Ebenen, nur durch seine Sefira Tiferet mit dem über ihm liegenden Baum verbunden, als unteres Spiegelbild des großen Gesichts von Atzilut, des Allerheiligsten aller Gesichter. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erzengel   &lt;br /&gt;
Die Sefira Tiferet, zu der in der Welt des Willens der Gottesname JHWH Elohim gehört, die summa summarum aller Gottesnamen, ist also auch die Sefira Keter, der höchste Punkt der Welt der Schaffung und des Geistes, des Erkenntnisgrunds; ist der Thron Gottes, dem der Erzengel Metatron zugeordnet wird, meta ton tronos, Nahe Deinem Thron. Wie seine neun Kollegen ist Metatron nichts als ein Exekutivorgan, ein Ausführender des Willens Gottes in der Welt des Geistes, ein Umstand, der zu einem Aufstand führen sollte, als sich späterhin die erstgeschaffenen Engel dem mit einem Eigenwillen ausgestatteten Menschen unterordnen sollten (Preisfrage an alle Rätselfreunde: Wie zettelt man eine Revolution an, wenn man über keinen anderen Willen verfügt als den des Herrschers?), und ein Umstand auch, der Rilke zu der Zeile Ein jeder Engel ist schrecklich inspiriert haben mag, denn gerade weil die Engel nichts tun können als den Willen Gottes, sind sie notwendigerweise unerbittlich und zuweilen unbarmherzig.   &lt;br /&gt;
Ihr eigentlicher Auftrag aber enthüllt sich in ihren Namen. Metatron, als der Sefira Tiferet zugehörig scheint, wie diese, keine andere Funktion zu haben, als einfach da zu sein; als gleichzeitig der Sefira Keter zugeordnet, ist er der Fürst der Erzengel, ist deren unumgänglicher Vorgesetzter, ist der Bote Gottes  Engel heißt auf hebräisch maleach, das ist: Bote  der den Willen Gottes aus der Welt von Atzilut in die Welt von Beriah hinüberträgt, der den Geist über die Absichten des Willens informiert, ohne jedoch seinen Platz in der Nähe des höchsten Thrones (Beriah wird auch Kursija, die Welt der Throne, genannt) zu verlassen, denn sein Auftrag lautet, wir erinnern uns: meta ton tronos.   &lt;br /&gt;
Der Zusammenhang zwischen Namen und Auftrag ist bei den Erzengeln der anderen Sefirot leichter ersichtlich, vielleicht mit Ausnahme des Erzengels von Tiferet, denn auch Tiferet von Beriah scheint eigenartig funktionslos.   &lt;br /&gt;
In der Weisheit (Chokmah) der Schöpfung (Beriah) finden wir das Geheimnis Gottes als den Erzengel Raziel; im Verstehen der Schöpfung kommen wir zur Anbetung Gottes, dem Erzengel Zafkiel in Binah; in der Größe (Gedulah) und dem Erbarmen (Chesed) des Schöpfers finden wir den Trost Gottes, Zadkiel; in der Stärke, dem Gericht und der Furcht (Geburah, Din, Pachad) des göttlichen Geistes erleben wir Kamael, die Strenge Gottes  die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang  und Wer ist wie Gott? jubelt der Erzengel der Sefira Tiferet, der Schönheit der Schöpfung, Michael.             &lt;br /&gt;
Der Sieg und die Ewigkeit (Netzach) des göttlichen Geistes (Beriah) bringt die Heilung durch den Erzengel Rafael, den Heiler Gottes; in Hod, dem Widerhall, der Herrlichkeit der Schöpfung leuchtet Uriel, das Licht Gottes; in Jesod, dem Fundament der Schaffung und des Geistes erscheint uns Gabriel, die Stärke Gottes, und in Malchut, der gefallenen Sefira, dem schon weit entfernten Königreich der Schöpfung hören wir immerhin noch Sandalphon, den Klang der Sandalen des Erzengels, der auch Metatron heißt und der in Malchut von Beriah zum Gärtner Gottes wird.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Baum der Schöpfung, der Baum von Beriah, wendet sein oberes Gesicht Atzilut zu, dem Seinsgrund Gottes; die Schöpfung selbst, Beriah, ist der Erkenntnisgrund Gottes, und sein unteres Gesicht wendet sich hin zum Baum von Jetzirah, dem Grund des Werdens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erschaffung der Welt   &lt;br /&gt;
Jeder kennt die Schöpfungsgeschichte. Sie findet in Beriah statt, der kreativen Welt, und ist nachzulesen im ersten Buch Genesis, dass auf Hebräisch das Buch Bereschit heißt: Im Anfang. Sein erster Satz lautet im Original: Bereschit bria elohim et haschamajim wet haaretz. Betrachten wir die Wörter im Einzelnen.   &lt;br /&gt;
Bereschit: Be reschit, von rosch, Kopf; also nicht eigentlich im Anfang, sondern vom Kopf her, im Geiste: der Kopf der geistigen Welt aber ist Keter von Beriah, gleichzeitig (obwohl von Zeit im profanen Sinne hier nicht gesprochen werden kann) die Sefira Tiferet von Atzilut, die die Gottesnamen JHWH und Elohim trägt.   &lt;br /&gt;
Bria: schuf, das gleiche Wort wie Beriah, Schaffung, Schöpfung: in Keter von Beriah (beziehungsweise in Tiferet von Atzilut) liegt also der Anfang.   &lt;br /&gt;
Elohim, der männlich-weibliche Aspekt Gottes erscheint als Schöpfergott.   &lt;br /&gt;
Haschamajim, die Himmel, die Sefirot des oberen Gesichts von Beriah oder, in einer anderen Lesart, die Himmel der oberen Gesichter aller Welten, sieben an der Zahl, nur das letzte, untere Gesicht der Welt von Assiah gehört nicht zu ihnen, und   &lt;br /&gt;
Haaretz, die Erde, die besagte Welt von Assiah, beziehungsweise das untere Gesicht von Beriah, das auch das obere Gesicht von Jetzirah ist.   &lt;br /&gt;
Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal  das obere Gesicht von Jetzirah, die Erde von Beriah noch nicht erdacht  Finsternis über Urwirbels Antlitz  die Sefira Binah, Finsternis, fiel noch in Eins mit der Sefira Chokmah, dem Urwirbel, und Braus Gottes (ruach elohim) schwingend über dem Antlitz der Wasser  über dem Abyssos, über der noch nicht erdachten unteren Welt von Beriah, der als (alchimistisches) Element das Wasser zugeordnet wird, so wie der Welt Atzilut das Feuer, Olam ha Jetzirah die Luft und dem Reich Assiah die Erde.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der noch nicht erdachten Welt von Beriah fallen - wie bereits am Beispiel von Binah und Chokmah angedeutet - die jeweils sich gegenüberliegenden Sefirot der rechten und der linken Säule noch auf der mittleren zusammen; so erhalten wir sieben untereinander liegende Sefirot, acht, wenn man die Sefira Daat mitrechnet, die zwischen Keter und Tiferet genau auf dem Abyssos, dem Abgrund liegt und die durch ein Durchscheinen der Sefira Jesod von Atzilut her entstanden ist  oder eigentlich nicht entstanden ist; sie ist als Nicht-Sefira berühmt geworden, die geheimste und geheimnisvollste aller Sefirot, Wissen, der Ort der Erkenntnis, die Brücke, die den Abgrund zwischen dem Irdischen und dem Überirdischen überspannt.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch wie geht es nun weiter mit der Schöpfung?   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gott sprach: Licht werde! Licht ward. Gott sah das Licht: dass es gut ist (Keter von Beriah).&lt;br /&gt;
Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis:  teilte die zweite Sefira auf der mittleren Säule in Chokmah (Licht) und Binah (Finsternis), und Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht! und schuf so die beiden äußeren Säulen, die schwarze der Form und die weiße der Kraft: Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gott sprach: Gewölb werde inmitten der Wasser und sei Scheide von Wasser und Wasser (der Abyssos; Daat)! Gott machte das Gewölb und schied zwischen dem Wasser das unterhalb des Gewölbs war und dem Wasser das oberhalb des Gewölbs war. (Die Trennung der drei Überirdischen von den sieben Irdischen.) Es ward so. Dem Gewölb rief Gott: Himmel! Abend ward und Morgen ward: zweiter Tag.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Abyssos ist jetzt überwunden, wir erreichen die vierte (wenn wir Daat mitzählen) Doppelsefira auf der mittleren Säule: Gott sprach: Das Wasser unterm Himmel staue sich an einem Ort (Chesed auf der Säule der Kraft), und das Trockene lasse sich sehn (Geburah auf der Säule der Form)! Es ward so. Dem Trockenen rief Gott: Erde! Und der Stauung der Wasser rief er: Meere! Gott sah, dass es gut ist.   &lt;br /&gt;
Und jetzt werden die Auswirkungen der Kräfte der Sefira Chesed und Geburah, Überfluss und Stärke, Energie und Form, noch einmal zusammen geschaut, zusammen gerufen: Sprießen lasse die Erde Gespross, Kraut, das Samen samt, Fruchtbaum, der nach seiner Art Frucht macht drin sein Same ist, auf der Erde! Es ward so. Die Erde trieb Gespross, Kraut, das nach seiner Art Samen samt, Baum, der nach seiner Art Frucht macht darin sein Same ist. Gott sah, dass es gut ist. Abend ward und Morgen ward: Dritter Tag.    &lt;br /&gt;
(Das wiederholte: Abend ward und Morgen ward weist auf die fortlaufende Existenz der äußeren Säulen.)   &lt;br /&gt;
Am vierten Tag, in Tiferet von Beriah, der Schönheit und dem leuchtenden Spiegel, werden Sonne und Mond geschaffen, die beiden Lichter, die zusammen Tag und Nacht erhellen, und die Sterne; am fünften Tag, in der Doppelsefira Netzach-Hod die Tiere des Meeres und die Ungeheuer (Netzach) und die Tiere der Luft, die Vögel (Hod) bis am sechsten Tag endlich, im Fundament Jesod des Baumes von Beriah, der Mensch geschaffen wird: Gott sprach: Machen wir den Menschen in unserm Bild (Keter) nach unserm Gleichnis (Tiferet)!    &lt;br /&gt;
Gott sprach zu ihnen: Fruchtet und mehrt euch und füllet die Erde und bemächtigt euch ihrer! Schaltet über das Fischvolk des Meeres, den Vogel des Himmels und alles Lebendige, das auf Erden sich regt! Das heißt: indem Gott den Menschen als kleinen Gott der Welt, als Herrscher und Verwalter einsetzt, wird die Sefira Jesod von Beriah in einem Akt der Metamorphose zur (deckungsgleichen) Sefira Daat des nächstniederen Baumes in der Welt Jetzirah, der Welt der Formung, und damit der Mensch zum Wissen(den) vom Grund des Werdens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
3. JETZIRAH ODER DER GRUND DES WERDENS    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus dem Nichts, Ejn, durch die drei Schleier der negativen Existenz kommend, hatte der Verborgene der Verborgenen sich zum Ich Bin, Ehjeh, ausgerufen (Atzilut); hat in Beriah, der Welt des Geistes, der Ideen und Archetypen (Doch Vorsicht! Beriah ist eine Welt, in der Form noch nicht existiert  Ideen und Archetypen sind also nicht als Formal-Gegenständliches zu verstehen!) den Menschen geschaffen, das heißt: erdacht (Beriah) und ihn schließlich in Jetzirah (hebr. jazor: sich gestalten, nachbilden), der Welt der Formung, in den Garten Eden gestellt  ein anderer Name für den Baum von Jetzirah. Sein oberes Gesicht (von Keter bis Tiferet) wird der obere, sein unteres Gesicht (von Tiferet bis Malchut) der untere Garten Eden genannt, der Platz der Erschaffung Adams, dessen Name rot und Erde bedeutet, und Evas, deren Name Chawwa, Leben heißt, ist, wie wir gesehen haben, in Daat von Jetzirah, im Angesicht Gottes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Paradies   &lt;br /&gt;
Das Paradies, dargestellt im Baum von Jetzirah, war Gottes Erde, und die Erzengelwelt Beriah Gottes Himmel; im Paradies lebte der erste Mensch, von dem es im Buch Bereschit heißt: männlich, weiblich schuf er sie, weswegen er/sie in der Kabbala auch gerne als Hermaphrodit dargestellt wird; und im Paradies, also im Baum von Jetzirah, lebten auch die Engelchöre, jeder einer Sefira zugeordnet; zu den bekanntesten unter ihnen gehören wohl die Chajot Hakodesch, die Geheiligten Kreaturen, vier an der Zahl, der Sefira Keter, die formenden Hände Metatrons, des Herrn der Gilgulim, der Zyklen der Wiedergeburt.(Als Erzengel von Keter in allen vier Welten kam er in Keter von Assiah zu diesem Job, denn ein Mensch, dem es in seiner Entwicklung nicht gelingt, Keter von Assiah  Tiferet von Jetzirah - zu überwinden, bleibt den Zyklen der Wiedergeburt verhaftet.)    &lt;br /&gt;
In Chokmah finden wir die Ofanim, die Räder, in Binah die Aralim, die Mächtigen und in Chesed die Haschamalim, die Funkelnden, bevor wir in der Sefira Geburah wieder in vertrautere Gesellschaft geraten, der Serafim nämlich, der Flammenden.   &lt;br /&gt;
Tiferet ist die Sefira der Maleachim, der Könige. Hier verlassen wir den oberen Garten Eden und kommen zu den Elohim, den Göttern und Göttinnen in Netzach, den Bnej Elohim, den Söhnen derselben, in Hod; zu den, neben den Serafim, im himmlischen Chorwesen populären Cherubim, den Stützen der Kinder und Darreichern des astralen Feuers in Jesod, und in Malchut des jetzirahschen Paradieses zu den Ischim, den Feuerseelen, den Seeligen und Heiligen der Kabbala, im unteren Garten Eden.   &lt;br /&gt;
Jeder dieser zehn Engelscharen steht ein Erzengel vor, der wiederum einen, durch den Namen zum Ausdruck gebrachten, Befehl des Willens Gottes zur Ausführung oder Ausformung an die Engel von Jetzirah weitergibt: die kabbalistische Welt der vier Bäume ist streng hierarchisch geordnet, und sie entwickelt sich in der Involution, in der Selbstentfaltung Gottes, vom Einfachen zum Komplexen, von der Leerheit zur Fülle. Aus dem Ejn des Anfangs ist eine ganze Welt mit Himmel und Erde, Gestirnen, Pflanzen, Tieren, Engeln, Menschen und Gott geworden: die Welt von Jetzirah, die Welt der körperlosen Formen.   &lt;br /&gt;
Natürlich ist es noch nicht die Welt, wie wir sie kennen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Sündenfall   &lt;br /&gt;
Wieso sich das untere Gesicht von Jetzirah in das obere Gesicht von Assiah verwandelte und dann, um eine Stufe, in das untere Gesicht von Assiah in die Welt der Verkörperung und Materie fiel weiß, auch unter Kabbalisten, niemand. Die Welt in Jetzirah, im Garten Eden, schien perfekt zu sein, die Erschaffung einer materiellen Welt  Assiah  nicht notwendig.   &lt;br /&gt;
Doch werfen wir einen Blick auf die Jakobsleiter, wie sie sich uns darstellte, bestünde sie nur aus drei Welten, deren jeweils folgende mit Malchut in Tiferet der je vorhergehenden wurzelt, und wir erkennen, dass es sich um einen unausgewogenen Zustand handelte: Die erste Welt, Atzilut, dem Buchstaben Jud und dem Feuer entsprechend, ist männlich; die zweite Welt, Beriah, dem Wasser und dem Buchstaben He verbunden, weiblich und die dritte, Jetzirah, durch den Buchstaben Waw und die Luft repräsentiert, wiederum männlich: der vierte Buchstabe des Schem, des geheiligten Gottesnamens, würde fehlen.   &lt;br /&gt;
Und zählen wir die Sefirot auf der mittleren Säule des Gleichgewichts, so zählen wir acht (Daat wird nicht mitgezählt); jeder einzelne der drei Bäume hat aber, für sich genommen, zehn Sefirot. Der scheinbar so vollkommene Zustand im Paradies entpuppt sich als unausgewogen: wir haben einen Baum zu wenig. Das muss auch Gott aufgefallen sein, denn in der Tora, im Buch Bereschit, lesen wir:   &lt;br /&gt;
Er, Gott, pflanzte einen Garten in Eden, Üppigland, ostwärts, und legte darein den Menschen, den er gebildet hatte. Er, Gott, ließ aus dem Acker allerlei Bäume schießen, reizend zu sehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens (etz chajim) mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.    &lt;br /&gt;
Mitten im Garten, das ist: in Tiferet von Jetzirah, und tatsächlich wurzelt der Baum von Assiah in Tiferet von Jetzirah, ebenso der Baum von Atzilut, denn Tiferet von Jetzirah  die Mitte des Gartens Eden  ist sowohl Keter von Assiah als auch Malchut von Atzilut: sollten wir hier den Baum des Lebens, den von Atzilut, vor uns haben, und den Baum der Erkenntnis, den von Assiah?   &lt;br /&gt;
Von allen Bäumen des Gartens magst essen du, essen, aber vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, von dem sollst du nicht essen, denn an dem Tag, da du von ihm issest, musst sterben du, sterben.   &lt;br /&gt;
Natürlich, wie jeder weiß, sind Adam und Eva nicht, wie Schneewittchen, tot umgefallen, als sie vom Baum der Erkenntnis aßen; jedoch wurden sie sterblich. Hat Gott also gelogen? Nein. Was aber war, statt eines plötzlichen Todes, das Ergebnis des unerlaubten Apfelessens? Sie, die paradiesischen Menschen, deren göttlicher Leib Neschamah in den mentalen Leib Ruach und den astralen Leib Nefesch (entsprechend den Welten Atzilut, Beriah und Jetzirah) gehüllt war und von denen es hieß: Die beiden aber, der Mensch und sein Weib, waren nackt und sie schämten sich nicht heißt es nun: Die Augen klärten sich ihnen beiden, und sie erkannten, dass sie nackt waren.   &lt;br /&gt;
Hier befinden wir uns in der zweiten Schöpfungsgeschichte der Genesis, in der Gott Eva aus Adams Rippe schuf und in der er Erde vom Ackerboden (Adamah) nahm, um Adams Körper zu formen  den Astral- oder Wunschkörper von Jetzirah. Aber was bedeutet nun die Erkenntnis ihrer Nacktheit?   &lt;br /&gt;
Als Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis aßen, verwandelte sich die Sefira Tiferet von Jetzirah in die Sefira Keter von Assiah, der einzigen Welt, in der ein Unterschied zwischen Gut und Böse existiert, weil es die getrennten Körper des irdische Leben sind, die ihn schaffen, und indem Adam und Chawwa, Acker und Leben, durch das Essen des Apfels, Anteil an der Welt der Materie nahmen, wurden sie gewahr, dass sie keinen fleischlichen Körper, keinen Guf hatten  dass sie nackt waren.   &lt;br /&gt;
Und Gott machte Adam und seinem Weibe Röcke aus Fell und kleidete sie  in das, was hier symbolisch als Fell dargestellt wird, in einen Körper nämlich, und vertrieb sie aus dem Paradies, aus der körper- und materielosen Welt von Jetzirah; jedoch nicht etwa nur, weil sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, sondern  aber belauschen wir ein Selbstgespräch Gottes:   &lt;br /&gt;
Er, Gott, sprach: Da, der Mensch ist geworden wie unser einer im Erkennen von Gut und Böse. Und nun könnte er gar seine Hand ausschicken und auch vom Baum des Lebens nehmen und essen und in Weltzeit leben!   &lt;br /&gt;
Mit anderen Worten: nachdem Adam und Eva ein Verbot übertreten und sich des Baumes von Assiah bemächtigt hatten, wäre es nicht möglich, dass sie sich auch des Baumes von Atzilut bemächtigen würden? Und würden sie dann nicht, inkarniert und unsterblich, dem Bösen zu ewiger Existenz verhelfen?    &lt;br /&gt;
So liegt die Vollendung der Schöpfung in der sterblichen Welt von Assiah.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der irdische Mensch als Ebenbild Gottes   &lt;br /&gt;
Der Baum von Jetzirah ist der am meisten verwendete in der populären kabbalistischen Literatur, denn er gibt uns ein Bild des Menschen in der Welt der Seele als des (potenziellen) Ebenbildes Gottes. Als Mikrokosmos wird der Mensch hier vorgestellt, mit einem physischen Körper in Malchut, der im Makrokosmos der Welt Assiah und dem Buchstaben He entspricht, einem mentalen Körper im Sefirot-Dreieck Jesod-Hod-Netzach, der makrokosmischen Welt Jetzirah und dem Buchstaben Waw analog, einem emotionalen Körper mit den Sefirot Tiferet-Geburah-Chesed, entsprechend der Beriah-Welt und wiederum dem Buchstaben He, und einem höchsten, dem spirituellen Körper, der mikrokosmischen Spiegelung des kosmischen Atzilut, des Adam Kadmon als Idee des höchsten Menschen, durch die supernale Triade Binah-Chokmah-Keter und den Buchstaben Jud repräsentiert: so wird der gottesebenbildliche Mensch zum JHWH, zum Ich bin, der ich bin, war und sein werde.   &lt;br /&gt;
Den vier Welten entsprechen in der Darstellung des inkarnierten Menschen drei Seelen und ein Körper: Neschamah, die göttliche Seele, mit der Adam, der zweiten Version der Schöpfungsgeschichte zu Folge, durch Mund-zu-Nase-Beatmung belebt wurde; Neschamah Chajim, den Hauch des Lebens, empfing er direkt von Gott aus der Welt von Atzilut; Ruach, als Ruach Elohim und Ruach Hakadosch, letzterer besser bekannt als Heiliger Geist, den er als Mentalleib in der Beriah -Welt erhielt;  Nefesch, die natürliche Seele, der Astralleib, den der Mensch im Paradies von Jetzirah mit allen anderen geschaffenen Wesen teilt und zum Schluss Guf, der physische Leib, die härteste Schale, die die drei Seelen(körper) in Assiah, der irdischen Welt, umschließt.   &lt;br /&gt;
Die makrokosmischen Welten spiegeln sich auch in vier Bewusstseinsstufen des Menschen. Sie erscheinen zunächst in einer Zweiteilung in den beiden Gesichtern des Baumes von Jetzirah: Katlut (von hebr. katan, klein) im unteren Gesicht zwischen Malchut und Tiferet mit Jesod als Mittelpunkt (und auch in der höheren und niederen Welt von Assiah; die höhere Erde ist deckungsgleich mit dem unteren Gesicht von Jetzirah) und Gadlut (von hebr. gadol, groß) im oberen Gesicht zwischen Tiferet und Keter.    &lt;br /&gt;
Zu Katlut, der kleinen Bewusstseinsstufe, gehören zwei Bewusstseinszustände, das vegetabile, nur auf die Bedürfnisse des (Über)Lebens gerichtete Bewusstsein im unteren Assiah (in dem, nach nicht sehr schmeichelhafter kabbalistischer Meinung, ungefähr neunzig Prozent der Menschen ihr Dasein fristen), und das animale, im Gegensatz zum vegetabilen mit einem Willen ausgestattete Bewusstsein, das im Reich der Könige von Edom (Edom ist, nur anders vokalisiert, Adam; durch die weiteren Bedeutungen rot und Erde sind beide Namen mit den Ideen der Herrschaft, des Ackers, des Blutes und des (sterblichen) Lebens verbunden) in der materiellen Welt im oberen Gesicht von Assiah zu finden ist und für deren Krone dem Kabbalisten weltliche Herrscher ebenso stehen wie Josef als Statthalter des Pharao in Ägypten. Katlut ist die Bewusstseinsstufe, die zwischen dem oberen Gesicht von Assiah und dem unteren Gesicht von Jetzirah liegt, die Stufe zwischen dem natürlichen und dem übernatürlichen Bewusstsein.   &lt;br /&gt;
Die Basis zum Sprung in die große Bewusstseinsstufe Gadlut ist die Sefira Jesod, das Ego das, im Gegensatz zum Körperwissen in Daat von Assiah, Anteil hat am unteren Gesicht von Jetzirah und damit einen Weg eröffnet zur Sefira Tiferet, dem Selbst, in dem Malchut von Beriah liegt, das Tor zum höheren Garten Eden. Es heißt: Wenn der Mensch in Tiferet ist, ist er sich Gottes bewusst.   &lt;br /&gt;
Katlut führt also vom Körper-Bewusstsein (Assiah von Jetzirah in Malchut) zum Ego-Bewusstsein (Jetzirah von Jetzirah in der dritten Triade Jesod-Hod-Netzach) und Gadlut über das Ego-Bewusstsein zum Selbst-Bewusstsein (Beriah von Jetzirah in der zweiten Triade Tiferet-Geburah-Chesed) und zum Gottesbewusstsein oder Erleuchtungsbewusstsein in Atzilut von Jetzirah in der Triade Binah-Chokmah-Keter. Das Gottes- oder Erleuchtungsbewusstsein ist mit der irdischen Existenz in einem Körper nicht mehr vereinbar. Der höchste Punkt, den der inkarnierte Mensch im Baum von Jetzirah erreichen kann, ist Daat, der Ort des Wissens im höheren Garten Eden, denn hier ist er gleichzeitig in Jesod, dem Fundament von Beriah, der Welt der Schöpfung.   &lt;br /&gt;
(Um das Körperwissen von Assiah in das Ego-Bewusstsein von Jetzirah umzuwandeln, ebenso wie für die Verwandlung des Selbstbewusstseins ins Erleuchtungsbewusstsein ist die Sefira Jesod unumgänglich. Da sie zur Verhaftung an der Form neigt, einerseits, und Daat der nächst höheren Welt ist, andererseits, kann sie tatsächlich zum Hindernis auf dem Weg werden. Die Kombination Verhaftung an der Form plus höheres Wissen hat schon manchen zu Fall gebracht  davon, dass Jesod als Daat auch noch über einem Abgrund, dem Abyssos, liegt, gar nicht zu reden)  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
4. ASSIAH ODER DER GRUND DES HANDELNS   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der natürliche Mensch aber lebt  wie der aus dem Garten Eden vertriebene Adam - in der Welt von Assiah (von hebr. assah, verfertigen, machen), der Welt der Verfertigung. Hier ist der Mensch, wenn wir den Baum der Reiche der Natur betrachten, tatsächlich die Krone der Schöpfung in Keter von Assiah; in Tiferet finden wir das Tier-, in Jesod das Pflanzen- und in Malchut das Mineralreich.   &lt;br /&gt;
Wir können das Schema des Baumes aber auch auf die psychosomatischen Zusammenhänge im Menschen selbst anwenden: dann finden wir die elementare Basis des Körpers in Malchut, das vegetative Nervensystem in Jesod, das zentrale Nervensystem in Tiferet, das Ego in Daat  an alle Ego-Verächter: auch das Ego ist Wissen - und das Selbst in Tiferet.   &lt;br /&gt;
Auch die Zuordnung der Planeten zu den Sefirot ist möglich: zu Malchut gehört die Erde (Olam ha Jesodot, die Welt der Fundamente) als Sphäre der vier Elemente, zu Jesod (Levanah, die Weiße) der Mond, zu Hod Merkur (Kokab), zu Netzach die Venus (Nogah), zu Tiferet die Sonne (Schemesch, das Dienerlicht), zu Geburah der Mars (Maadim), zu Chesed Jupiter (Tzedek, von Zadik, der Gerechte) und zu Binah Saturn (Schabatai, der über die Einhaltung des Schabat wacht). Der Sefira Chokmah wird in der klassischen Kabbala der Tierkreis (Mazalot) zugeordnet, der Sefira Keter überhaupt kein irdisches Phänomen, sondern die Idee des primum mobile als erster Bewegung; auch das Reschit Hagilgulim, das Prinzip des zyklischen Werdens und Vergehens des Kosmos und der auf das Rad der Wiedergeburt geflochtenen Seele Nefesch des natürlichen Menschen. Diese alten Zuordnungen mussten allerdings überdacht werden, als die drei äußeren Planeten Uranus, Neptun und Pluto entdeckt wurden. Da man sich noch auf kein verbindliches Resultat geeinigt hat, überlassen wir es dem Leser, diesen drei Planeten ihren Platz auf dem Etz Chajim zuzuweisen: der Möglichkeiten sind fast so viele wie Bäume in Assiah.   &lt;br /&gt;
Den Baum von Assiah gibt es nämlich nicht, es gibt nur ungezählte Möglichkeiten, alle Phänomene der Natur, von kernphysikalischen (E=mc² lässt sich wunderbar den drei Überirdischen im physikalischen Baum zuordnen: E gehört natürlich zu Chokmah auf die Säule der Energie, m zu Binah auf die Säule der Form, und die etwas esoterisch anmutende Größe c² - immerhin das Quadrat einer Geschwindigkeit (!) - zu Keter) über biologische bis hin zu astronomischen, auf den Baum zu legen; in der Tat hat der Etz Chajim in der Welt der Materie seine fraktale Struktur offenbart; aus dem Gott des Anfangs, Ehjeh, Ich Bin, ist in Assiah der deus sive naturae, der Gott der kleinen Dinge, wie die indische Schriftstellerin Arundhati Roy es ausdrückt, geworden, der Ehjeh Ascher Ehjeh, der auch als: Ich-werde-da-sein-als-was-ich-da-sein-werde übersetzt werden kann; als was, nicht als wer.   &lt;br /&gt;
Lebt der Mensch in Assiah also in der Gottesferne? Ja. Werfen wir noch einen Blick auf den Baum von Assiah: Die Mehrheit der Menschen, so sagten wir, lebt eine vegetabile Existenz im unteren Gesicht von Assiah, als Teil eines Ganzen ohne eigene Individualität und erst recht ohne Verbindung zu einer anderen Ebene als der materiellen; so lebt, wer in drei verschiedenen Jobs arbeiten muss und die Zeit zwischen Arbeitsende und Schlaf vor dem Fernseher totschlägt, ohne Ambitionen außer der, vielleicht einmal sein Häuschen abbezahlen zu können. Er hat im Grunde keinen eigenen Willen außer dem, anderen zu gleichen: sein Wille ist der der Masse.   &lt;br /&gt;
Anders der animale Mensch, der über einen Eigenwillen, Tatkraft, Ausdauer und Zielstrebigkeit verfügt. Er lebt im oberen Gesicht von Assiah, ohne jemals zu bemerken, dass dieses obere Gesicht von Assiah gleichzeitig und am selben Ort, jetzt und hier, auch das untere Gesicht von Jetzirah ist, der niedere Garten Eden. So ist der animale Mensch fast genauso weit von seinem spirituellen Ursprung entfernt wie der vegetabile Mensch, obwohl der animale Mensch fast überall zu den Erfolgreichen (und, wie es sich denn so trifft, zu den Reichen) gehört: in der Wirtschaft, der Kunstszene, dem Literaturbetrieb, den Wissenschaften und, last but not least, als selbsternannter Guru in der Esoterikszene. Selbst wenn der animale Mensch Keter von Assiah erreicht, lebt er, weil ihm nicht bewusst wird, dass es sich bei Keter von Assiah auch um Tiferet von Jetzirah handelt, ein rein irdisches, in der Materie gefangenes Leben, und seine Seele Nefesch, die Tierseele, wird ihn in den Kreislauf der Wiedergeburten zwingen. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass der natürliche Mensch die Geistseele Ruach und die göttliche Seele Neschamah nicht habe; es bedeutet nur, dass diese Seelen unter den materiellen Hüllen von Guf und Nefesch ein Leben im Exil verbringen, im Exil des Unbewussten nämlich.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Exil befindet sich auch die Herrlichkeit Gottes, die Schechinah. In Malchut  oder als Malchut, als Braut Gottes - leistet sie dem natürlichen Adam Gesellschaft, der sie nicht einmal wahrnimmt, und wartet darauf, dass er den Aufstieg beginnt in das Land Israel, wie der Garten Eden in der Kabbala auch genannt wird, denn die Schechinah, die untere Mutter, kann erst dann heimkehren, wenn ganz Israel heimgekehrt ist  wenn die ganze Menschheit im wahrsten Sinne des Wortes zu sich Selbst gekommen ist.   &lt;br /&gt;
Nach menschlichen (Zeit-)Maßstäben ist die Lage also ziemlich hoffnungslos. Im Exil herrschen Tod, Gewalt, Krieg, Umweltzerstörung und Krankheit. Das kann nicht das Ziel der Selbstverwirklichung Gottes gewesen sein. (Natürlich war es auch nicht sein Ziel, dass der Mensch seinem in Jesod von Jetzirah beheimateten Ego-Willen folgt; das war nur eine Option, für den Menschen und für Gott. Ohne diesen egozentrischen Eigenwillen  wie hätte sich das Geschöpf vom Schöpfer trennen können? Und ohne diese Trennung  wie hätte Gott jemals außer sich geraten können?)   &lt;br /&gt;
Das Ziel der Selbstentwicklung Gottes war es, so könnten wir vermuten, Mensch zu werden. Nicht ein bestimmter Mensch, sondern jeder Mensch. In jedem Menschen wohnt ein Funke des Urlichts als Ziw, jenes Licht (Paul Celan) und dieses Licht in den Menschen erlaubt es Gott, hier zu sein und nicht da  denn jede Erfahrung, die ein in Assiah oder Jetzirah hier in der Welt lebendes Geschöpf macht, ist eine (neue) Erfahrung Gottes, aber nur der Mensch, der in der und für die Welt von Assiah die mittlere Säule des Bewusstseins verkörpert, kann sie zur Sprache bringen. Die Schöpfung Gottes ist ein erkenntnisgewinnender Prozess. Das Ziel Gottes war die Zerstreuung des Urlichts. Die Sefirot werden auch Otiot, Lichter, genannt, aber niemand hindert uns daran, sie uns als Prismen vorzustellen: durch vierzig Prismen in vier Welten wurde das Licht zerstreut, bis es sich in der untersten Sefira, Malchut von Assiah, wieder sammelte. Jeder von uns trägt ein Stück dieser Sammlung mit sich herum. Niemand (außer uns selbst, wie gewöhnlich) hindert uns daran, es zu seinem Ursprung zurückzubringen. Gott ist alle Menschen geworden. Gut. Machen wir uns auf den Rückweg. Werden wir ein Gott.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Literatur:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Buch Jezira, Jüdische Quellen, Akademie-Verlag Berlin, 1993&lt;br /&gt;
Der Sohar, Das heilige Buch der Kabbala, Diederichs Gelbe Reihe,1986&lt;br /&gt;
Die fünf Bücher der Weisung, Verdeutscht von Martin Buber und Franz Rosenzweig, Verlag Lambert Schneider, Heidelberg, 1976&lt;br /&gt;
Der Weg der Kabbala, Zev ben Shimon Halevi, Knaur 1993&lt;br /&gt;
Die Kabbala als jüdisch-christlicher Einweihungsweg Bd.2, Heinrich Elijah Benedikt, Bauer, 1995&lt;br /&gt;
Die mystische Kabbala, Dion Fortune, Bauer, 1990&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anmerkung zu den Illustrationen: In diesem Artikel wurde der Sefirot-Baum nach Isaak Luria verwendet. Er unterscheidet sich von der gebräuchlicheren Version dadurch, dass es keine Pfade gibt, die einen Umweg um Jesod erlauben. Da dieser Umweg tatsächlich nicht möglich ist (kleiner Tipp: Jesod liegt auf der Säule des Bewusstseins) ziehe ich die lurianische Form der christlichen vor  und schließe mich damit Benedikt an.</description>
    <dc:creator>rivka</dc:creator>
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  <item rdf:about="http://rivka.twoday.net/stories/4611494/">
    <title>Zeit</title>
    <link>http://rivka.twoday.net/stories/4611494/</link>
    <description>Zeit? Bloß so Zeit? Nein, mein Guter, das ist keine Teufelsware. Dafür verdienen wir nicht den Preis, dass das Ende uns gehöre. Was für ne Sorte Zeit, darauf kommts an!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(Thomas Mann, Doktor Faustus)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ZEIT? BLOSS SO ZEIT?&lt;br /&gt;
Kurze Polemik gegen den Missbrauch der modernen Physik   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bloß so Zeit? Nein, natürlich nicht. Mit Zeit, bloß so Zeit, vor allem der Zeit nach Newtonscher Manier, die sich geradlinig durch einen unerbittlich dreidimensionalen Raum bewegte, geben wir uns schon längst nicht mehr zufrieden. Überhaupt Newton! Steht er uns nicht für ein hoffnungslos mechanistisches Weltbild, mit unabänderlich festgelegten Bewegungsabläufen, für eine vertrackte Vorstellbarkeit der Enge des Raumes und der Zeit, für unzeitgemäße Unflexibilität, erscheint unseren flinken Mäuseaugen Newtons Universum nicht wie ein massiver Käse ohne Schlupflöcher?   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das sieht nach Einstein, sagen wir und nicken uns getröstet zu, doch ganz anders aus. Die Schlupflöcher sind zahlreich und haben sogar einen Namen, Wurmlöcher heißen sie und wir, die Schiffsratten der Enterprise, sind bestens darüber informiert, dass es sich dabei um Expressrouten von einem Universum ins andere  und zum Glück auch immer wieder zurück  handelt. Mitleidig erinnern wir uns an die Altvorderen, die sich mit nur einem Universum zufrieden geben mussten, denn wir mögen die Endlichkeit nicht, empfinden sie als Zumutung, es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn murmeln wir auf nächtlicher Straße vor uns hin, richten den Blick zum gestirnten Himmel über uns und wissen: ein Blinzeln zu den Sternen ist ein Blinzeln in die Vergangenheit des Universums, die Spur aller Sterne, die wir sehen, ist nicht in Äonen untergegangen, fällt nach Millionen oder Milliarden von Lichtjahren (jedenfalls nach sehr langer Zeit) in unsere Augen, und obwohl viele der Sterne, die es aussandten, vielleicht gar nicht mehr dauern, verdanken sie dem Verständnis der modernen Physik doch eine Art ewiger Existenz. Und muss nicht, was für die Sterne gilt, auch für uns gelten? Sind wir nicht, je nachdem, von welchem fernen Stern in welcher fernen Galaxis aus uns jemand beobachtet, sichtbar von nun an bis in alle Ewigkeit  oder wenigstens bis ans Ende des Universums?   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verzeihung, was heißt hier überhaupt Ende des Universums? Erstens gibt es ja, zumindest in der Theorie, nicht nur eines  wer weiß, in wie vielen Paralleluniversen wir ein vervielfältigtes Dortsein führen?  sondern es kann auch von einem altmodischen Ende keine Rede sein; das Universum, haben wir irgendwo gelesen, explodiert und implodiert und explodiert, und ein Ende ist nicht nur nicht abzusehen, sondern es gibt gar keines; kein schwarzes Loch, dem der Kosmos nicht schließlich wieder entkommt.    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur flüchtig geht uns der Gedanke durch den Kopf, dass ein mögliches Ende des Universums ob seines Stattfindens in postanthropischer Zukunft uns nicht weiter zu beunruhigen bräuchte; allen potenziellen Vergänglichkeiten zum Trotz jedoch tröstet uns der Gedanke, dass uns die Welt, wie wir sie kennen, die Option zu ewigem Fortleben, wenigstens im Prinzip, zu bieten scheint; wir brauchen keine außerweltlichen, numinosen, okkulten, beängstigenden Perspektiven mehr zu bemühen, alles, von unserem höchstpersönlichen und endgültigen Verschwinden abgesehen, scheint möglich in diesem unserem Kosmos, und alles irgendwie jetzt und irgendwie hier.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wie gut, seufzen wir erleichtert auf und schalten den Fernseher ab nach der Alpha-Centauri-Sendung, dass wir in der Post-Newton-Ära jeder unser eigenes Jetzt und unser eigenes Hier zu gefälliger Verfügung bekommen haben! Es soll sich nur niemand unterstehen, zu glauben, er wisse etwas über unseren Raum und unsere Zeit! Non datur. Mit dem Beweis sind wir schnell bei der Hand: Erstens, so belehren wir den antiindividualistischen Fünfjahresplaner im Internetforum, gibt es Zeit und Raum nur im Doppelpack, als Raumzeit nämlich, und zweitens ist diese abhängig sowohl vom Standort als auch von der Geschwindigkeit des Beobachters: Eine gegenüber einem System bewegte Uhr geht gegenüber dessen Uhren, an denen sie vorbeizieht, langsamer, zitieren wir Einstein und klären diesen Netz-Hinterwäldler darüber auf, dass wir als biologische Entität ja nun wirklich und wahrhaftig  nämlich theoretisch genau genommen - nichts anderes sind als bewegte Systeme. Also, tippen wir abschließend und nicht ohne Triumph in den Fingerspitzen, ist die neue Raumzeit etwas dezidiert Individuelles und wir für unseren Teil sind froh, dass wir die kollektiven Räume und Zeiten der Prä-Einsteinzeit ein für allemal verlassen haben.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Will der Kerl uns etwa festnageln? No way, postwenden wir und funken ihm als missing link die Heisenbergsche Unschärferelation unter die Nase: überhaupt und besonders quantenphysikalisch gesehen, mein Lieber, kannst du nicht nur nichts über meine Zeit und meinen Raum wissen, sondern auch nicht, ob ich es bin zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort, nicht wahr, denn entweder, sagt Heisenberg, man kennt den Ort eines Systems oder seinen Zustand, aber niemals beides zugleich. Was? Ja, eines Elektrons. Na und? Ein Elektron ist doch auch eine Art System, oder?   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, für uns physikalisch Aufgeklärte sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nichts als hartnäckige Illusion, wir sind weder der Zeit unterworfen, noch dem Raum, noch dieser öden Idee einer bestimmten Existenz an einem bestimmten Ort. Wir nennen unsere Hauskatze selbstverständlich Schrödinger, und wir haben jeden Abend, wenn Schrödinger in seiner Katzenkiste zu Bett geht die Gelegenheit festzustellen, dass Schrödinger, in seiner Kiste verharrend, in einem Zustand zwischen tot und lebendig schwebt. Beweisen allerdings können wir das nur, indem wir nicht nachschauen, denn wenn wir jetzt die Klappe öffnen und in den Kasten sehen, dann beeinflussen wir das System dahingehend, dass es seinen Schwebezustand verlässt und sich entweder als tot oder als lebendig und hungrig herausstellt.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir belassen es also bei der Telepathie, zumal ja auch die Magie neuerdings physikalisch bewiesen ist. Wir kramen, die Augen fest auf den paradoxen Zustand Schrödingers-in-der-Kiste gerichtet, in unserem Gedächtnis nach dem Namen jenes anderen Paradoxons, das beweist, dass zwei aus dem selben Molekül entfernte Elektronen auch über größte Entfernung miteinander kommunizieren, indem sie in ungetrennter astraler Verbindung im Gleichschritt weitertanzen und ihren gemeinsamen Spin beibehalten, ihren Drehimpuls also, und mit dem, und jetzt fällt es uns endlich ein, dem Einstein-Podolsky-Rosen-Paradox kann man jedem Zweifler an Magie und Synchronizität den Mund stopfen, denn schließlich handelt es sich bei den Antworten der zeitgenössischen Teilchenphysik nicht um irgendwelche Dogmen und Glaubenssätze, nicht wahr, sondern um experimentell überprüfbare wissenschaftliche Theorien, ach was, um Fakten.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und erklärt uns die Physik die Welt in Zeit und Raum nicht viel überzeugender als die alten Religionen? Hebt sie nicht die Beschränkungen des Raumes, der Zeit und der Moral auf, in denen wir zu leben glaubten? Und dabei beweist sie uns die Nichtexistenz dieser Beschränkungen! Nichts müssen wir unbewiesen hinnehmen. Wir brauchen nur noch zu glauben, was wir nicht sehen, weil es einfach zu klein ist. Das physikalische Universum ist begrenzt, denken wir, und fühlen uns geborgen als wir endlich ins Bett gehen. Aber es ist auch unendlich, das Universum. Dies bedenkend, knipsen wir die Nachttischlampe aus und fühlen uns so ganz de profundis als freie Quantensingularität, die wir in diesem Moment des Dämmerschlafs nur noch verschwommen als etwas sehr Einzigartiges begreifen, als Mittel- und Ursprungspunkt einer Galaxie in einer flexiblen Raumzeit, in der für jeden die Uhren anders ticken, in denen uns im Makrokosmischen alle Wurmlöcher offen stehen und in der wir im Mikrokosmischen unscharfe Relationen eingehen. Reinkarnation? Kein Problem, denken wir und werfen ein müdes Auge auf den Kater Schrödinger, der gerade seine Kiste verlässt. In einem geschlossenen System geht nichts verloren, gar nichts, den Gesetzen der Thermodynamik sei Dank. Falls wir einmal sterben sollten, werden wir auf die eine oder andere Art und Weise wiederkehren, so viel ist sicher, in einer von ungefähr siebenundzwanzig Dimensionen  oder waren es neunundzwanzig?   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und, beim Chaos! vielleicht sterben wir zufällig gar nicht erst, denken wir noch im Einschlafen, aber daran, dass wir als Geschöpfe des Mesokosmos von den Bedingungen der astronomisch-makrokosmischen Dimensionen ebenso weit entfernt sind wie von denen der mikrokosmisch-subatomaren, denken wir nicht einmal im Traum  oder höchstens in jenem immer wiederkehrenden Alptraum, in dem wir uns in einem Zimmer mit schier 