Schulden
Unsere Wohnung sah schäbig aus. Die Bezüge von Sofa und Sessel hatte meine Mutter bezahlt - für den Preis hätte sie leicht ein neues Sofa und neue Sessel kaufen können - aber jetzt erinnere ich mich schon nicht mehr daran, wie der Stoff hieß oder welche Farben er ursprünglich gehabt hatte. Er sah aus, wie eine verblichene Petit-Point-Stickerei. Unempfindlich. Wegen der Kinder musste alles unempfindlich sein. Und weil wir kein Geld hatten.
Warum wir nie Geld hatten, weiß ich nicht so genau. Mein Mann verdiente als Hauptschullehrer eigentlich gar nicht schlecht. Jedenfalls gut genug, dass ich nicht arbeiten musste. Wegen der Kinder. Solange wir noch dabei waren, unsere Schulden abzuzahlen, kleidete ich die Kinder in Secondhand-Shops ein, saubere, ordentliche und preiswerte Kleidung. Obwohl die dunkelrote Cordhose mir, offen gestanden, auch nicht gefiel. Keiner seiner Spielkameraden trug dunkelrote Cordhosen, und mein Sohn wurde in der Schule gehänselt deswegen. Kinder sind grausam. Zum Glück hatte er nicht so viele Freunde. Dabei war er ein hübscher Junge, ein bisschen dick vielleicht, aber das war nur Babyspeck. Ich erklärte den Kindern, dass es nicht darauf ankomme, gekleidet zu sein wie alle anderen. Aber mein jüngerer Sohn malte sich trotzdem heimlich mit Filzstift das Nike-Logo auf seine billigen Turnschuhe. Schuhe kaufte ich immer neu, und sie wurden ihm schnell zu klein. Aber so lange er nichts darüber sagte, kaufte ich ihm keine größeren. Er sollte lernen, den Mund aufzumachen, wenn ihm etwas nicht passte, das lernt man nicht früh genug, dachte ich mir. So lange niemand etwas sagt, kann man doch davon ausgehen, dass alles in Ordnung ist. Wenn jemand einen Wunsch äußerte, erfüllte ich ihn. Ich wollte immer, dass alle zufrieden waren mit dem, was wir hatten.
Und mein Mann beschwerte sich niemals. Nach der Schule ging er zum Supermarkt, das war Netto, glaube ich, keine zehn Minuten von unserer Wohnung entfernt und kaufte ein. Dann kam er nach Hause, mit zwei gelben Plastiktüten und einer voll gestopften Schulmappe. Dass er die Schulmappe so voll stopfte, ärgerte mich. Ich verlor aber nie ein Wort darüber, obwohl ich sie ihm zum Geburtstag geschenkt hatte, sie war aus weichem Leder, schwarz und teuer, und bald war sie schon ganz formlos und fleckig und schloss nicht mehr richtig, und das nur, weil er darauf bestand, auf dem Heimweg einzukaufen. Weil er am Nachmittag nicht noch einmal losgehen wollte mit Einkaufstaschen in der Hand. Als ob es erniedrigend gewesen wäre, mit Einkaufstaschen herumzulaufen. Frauen tun das dauernd. Manchmal vergaß er auch etwas Wichtiges, er schrieb selten einen Einkaufszettel, und in solchen Fällen schickte ich eines der Kinder, um das Vergessene zu holen, aber ich beklagte mich nicht. Stattdessen half ich manchmal beim Auspacken, und nachdem mein Mann gekocht hatte, er kochte sehr gut, und nachdem wir gegessen hatten, wusch ich häufig das Geschirr ab, jedenfalls dann, wenn ich mitgegessen hatte. Ich aß nicht besonders gerne, und von mir aus hätte überhaupt niemand kochen müssen. Das habe ich aber nicht oft erwähnt, denn ich wollte meinem Mann die Freude nicht nehmen. Gedacht habe ich aber, dass, wenn er unbedingt kochen will, der Abwasch eigentlich auch seine Sache ist. Aber den Kindern habe ich schon gesagt, dass sie ihrem Vater helfen könnten, schließlich warteten sie schon immer aufs Mittagessen, und sie aßen wie die Scheunendrescher. Das gönnte mein Mann ihnen nicht. Wir geben zu viel Geld fürs Essen aus, sagte er immer.
Auch der Fernseher war ein Geschenk von meiner Mutter, ein Weihnachtsgeschenk, und sie hat sich neben ihm fotografieren lassen; die linke Hand, unter dem rechten Arm durchgesteckt, berührt ihn mit Zeigefinger und Mittelfinger, diese Geste, die man oft auf Heiligenbildern sieht, und die andere Hand hat sie großzügig in die Luft gehoben, in die Nähe ihres frisch geschminkten Lächelns. Ich habe das Foto noch, zusammen mit vielen anderen Fotos. Meine Mutter hat sich immer mit den Geschenken fotografieren lassen, die sie uns machte. Am Schlimmsten ist das hier vor dem blauen Wandbehang mit dem gestickten Mond und den gestickten Eulen auf dem gestickten Zweig. Den hat sie uns in dem Jahr geschenkt, als wir noch nicht einmal das Geld hatten, um den Kleinen Winterjacken zu kaufen, da froren sie, und meine Mutter besuchte uns über Weihnachten für zwei Wochen und schenkte ihnen diesen Wandbehang fürs Kinderzimmer. Neunhundertachtundzwanzig Mark hat er gekostet, vierhundertsechzig Euro also, ich weiß es, weil sie immer vergaß, das Preisschild zu entfernen von ihren Geschenken. Fast tausend Mark, das muss man sich mal vorstellen. Und mein Mann saß da in einem verwaschenen Sweatshirt aus Waffelmusterbaumwolle und in viel zu dünnen, karierten Sommerhosen; ich muss allerdings sagen, dass er sich immer ziemlich schlecht anzog, er interessierte sich eigentlich nicht für Kleidung. Und die Kinder waren natürlich beide erkältet, aber sie mochten den Wandbehang, und ich hängte ihn so auf, dass sie ihn von ihren Betten aus beide sehen konnten. Ich habe immer sehr viel Wert darauf gelegt, niemanden zu benachteiligen, im Gegensatz zu meiner Mutter, die mich ständig von oben bis unten neu einkleidete, ohne jemals an die Kinder oder an meinen Mann zu denken. Ich glaube, es war ihr noch immer eine Genugtuung, dass ich die Sachen trug, die sie für mich ausgesucht hatte und dass wir in einer Wohnung lebten, deren Möbel eigentlich ihr gehörten, weil ich sie mir von ihrem Geld hatte kaufen können.
Das war mir ein Trost, als der Gerichtsvollzieher immer öfter kam, weil mein Mann weder meine noch die Arztrechnungen der Kinder bezahlt hatte, denn ich dachte, so könnten wenigstens unsere Möbel nicht gepfändet werden; besonders um ein paar Stücke, die meine Familie hatte anfertigen lassen, wäre es mir sehr leid gewesen, und auch um die Porzellanpanther; ich ließ sie schätzen und es stellte sich heraus, dass sie einen beträchtlichen Wert hatten. Mein Mann verschuldete sich immer weiter, bis es wirklich peinlich für mich wurde, mit den Kindern zum Arzt zu gehen, bei all den unbezahlten Rechnungen, und ich habe heute noch den Verdacht, dass mir bestimmte, teure Behandlungen einfach verweigert wurden. Nicht, dass ich damals etwas gesagt hätte, aber ich habe nächtelang geweint, als mir die Zahnspange für meinen Grossen ausgeredet wurde und als etwas später der Kleine nicht die richtige Behandlung für seine fehlgestellten Füße bekam. Immer wieder fragte ich meinen Mann, ob er die Rechnungen bezahlt und ob er sie bei der Krankenkasse eingereicht hätte. Wenn er mich anlog, glaubte ich ihm. Ich konnte mir einfach nicht denken, dass er sich auf Kosten meiner Kinder ein bequemes Leben machen wollte, und eigentlich war er nur zu faul, dachte ich, um die Rechnungen zur Krankenkasse zu schicken, Zeit hätte er schließlich genug gehabt mit seinem Halbtagsjob, aber natürlich häuften sich die Rechnungen und die Schulden weiter an. Wenn ich davon erfuhr - meist nur, wenn der Gerichtsvollzieher wieder kam - litt ich sehr darunter, und ich wurde krank und musste wieder zum Doktor, so sehr ich auch versuchte, mich zu schonen und so oft ich mich ausruhte und mich hinlegte. Mein Mann war ja zum Glück immer gesund. Nicht, dass ich es ihm geneidet hätte. Und er konnte dadurch ja so viel besser mit den Kindern zum Arzt gehen als ich; mir war es auch langsam peinlich, mich auf offene Rechnungen ansprechen zu lassen, für die ich doch nicht verantwortlich war.
Und dann, aus heiterem Himmel, wurde mein Mann krank. Obwohl er mir immer sagte, dass es ihm gut ginge. Obwohl ich ihm jeden Abend gute Besserung wünschte. Mir fehlt doch nichts, sagte er dann. Das waren seine Worte. Ich glaubte ihm, und die Kinder glaubten ihm, und trotz seiner Schulden und meiner anfälligen Gesundheit waren wir eigentlich eine sehr glückliche Familie. Wir haben uns nicht gestritten, höchstens mal übers Fernsehen, denn immer, wenn ich mich gut genug fühlte, um im Wohnzimmer auf dem Sofa zu sitzen, bestand ich natürlich darauf, dass es ausgemacht würde. Schliesslich wollten wir uns ja auch einmal unterhalten! Aber sonst war alles in Ordnung, wie gesagt, bis zu dem Tag, an dem mein Mann sich einen Jogginganzug kaufte. Ein Sonderangebot. Von Aldi. Es war im März, und er kam einfach in diesem Anzug ins Wohnzimmer spaziert, und er freute sich wie ein kleiner Junge, und er sagte, dass es ja nun bald wieder wärmer würde und dann könne er doch mit dem Rad in den Wald fahren. Er beobachtete nämlich gerne Tiere. Früher hatte er sie fotografiert, es war sein kleines Hobby, aber das ging ja nun nicht mehr, wo wir doch die Kamera verkaufen mussten. Sie wäre ja doch nur gepfändet worden, und was für einen Sinn hätte das gehabt? Schließlich hatten wir seine Gewehre auch verkauft, die hatte er noch aus seiner Zeit als Jäger, das Jagen hat er nach unserer Hochzeit aufgegeben, und das hat ja auch niemandem geschadet. Man muss ja die Tiere nicht unbedingt schießen, sage ich immer, um sich an ihnen zu erfreuen. Aber nun dieser Jogginganzug! Er leuchtete in den grellsten Neonfarben, hellgrün und blaugrün, so ein billiges, abscheuliches Plastikding. Ich sah ihn und dachte, in dem Anzug gehst du nirgendwo mehr hin, dachte ich, höchstens ins Krankenhaus, und meine Söhne sagen, ich sei blass geworden wie die Wand, als ich ihn so da stehen sah, in diesem Anzug, und wusste, dass er damit ins Krankenhaus gehen würde und nicht wieder heraus. Ich habe mir natürlich nichts anmerken lassen, damals, er hat sich doch so gefreut. Aber heute glaube ich, dass er es auch gewusst hat. Und unsere Schulden habe ich inzwischen bezahlt.
DIE FRAU AM BRUNNEN
Jagababa saß auf dem Rande eines Brunnens und spann Wasser. Feine Fäden zupfte sie aus der Kunkel, denn statt eines Eimers hing ein Rockenstab über dem Brunnenspiegel, der war umwirbelt von dem klarsten Wasser, umsprüht von den feinsten Tröpfchen, die im schwarzen Haar der Spinnerin silbern auffunkelten. Der Wasserfaden aber wickelte sich ganz von selbst auf eine eschene Spindel, und eine lebendige Spinne diente als Wirtel. Mit jeder Umdrehung der Spindel wechselten Tag und Nacht, es funkelte und blitzte um sie herum als blinzele das Licht mit den Augen, und es breitete sich von der Spindel her in aufatmenden Kreisen, als habe man einen Stein in den Himmel geworfen. Immer neuen Faden zog Jagababa aus dem Wasservlies heraus mit dünnhäutigen Fingerspitzen, die ihn fein zwirbelten und drehten; doch dann floss die Spindel über und der Faden glitt von der Spindel über den Rücken der Wirtelspinne auf den Boden.
Da kam Bruder Wind, das Söhnchen von Jagababa, und er spielte mit den Wasserfäden und blies mit dem Mund Regenbögen zum grauen Himmel. „Bringe mir nicht mein Garn durcheinander, Söhnchen!“, sagte Jagababa zum Wind. „Du kannst dich genau so gut nützlich machen und es aufwickeln!“ Wind sah sich um, und das Einzige, was es gab, war ein großer Stein, höher als der höchste Berg, von dem du je in einem Märchen gehört hast, breiter als der breite Berg, um den du im Traum nicht in hundert Jahren herumgehen kannst. Den nahm Söhnchen Wind und wickelte das Wasser darauf. Doch das feine Wassergarn scheuerte sich an den Ecken des Steinwürfels und riss an seinen Kanten, zerriss und fiel zu Boden. „Du verdirbst mir ja mein Garn!“, sagte die weiße Jagababa. „Mache den Stein rund und glatt für die Sinne, so wird es nicht reißen.“ Denn sie spann immer weiter, und das Garn lag schon schäumend um ihre Füße wie ein Meer.
Aber so oft Bruder Wind auch um den Stein fuhr, er glättete sich nicht, und Jagababa wurde immer ungeduldiger, denn hatte sie erst nur nasse Füße gehabt, so hatte sie jetzt schon nasse Knie. „So schnell kann dir nur rote Magie den Stein schleifen und die Knochen wärmen!“ sagte Bruder Wind schließlich zornig. Also rief Jagababa ihr anderes Söhnchen, das war Brüderchen Feuer, und Brüderchen Feuer fuhr um Jagababas Beine und in Mütterchen Steins Bauch, und sein Atem glühte und kochte, bis sie so weich war wie Hirsebrei, und Wind drehte die Steinfrau in den frostigen Händen und glättete ihre Haut. Da wurde Mütterchen Stein außen kühl und glatt und fest, und Bruder Feuer konnte nicht mehr heraus. Das sah Brüderchen Wind und wickelte schnell das Wassergarn um den Steinleib, damit Jagababa nicht merken sollte, dass sein kleiner Bruder Feuer in dem Stein gefangen war. Seine Hände waren aber ganz schmutzig von Asche und rau vom Feuer, und als alles Wasser aus dem Brunnentrog gesponnen und auf die Steinriesin gewickelt war, da waren viele Löcher und Flecken in dem Wasserkleid von Steinriesin, kleine und große.
Nun bekam Söhnchen Wind es erst Recht mit der Angst zu tun und wollte Steinriesin schnell weit forttragen; aber die weiße Spinnerin und ihre Wirtelspinne hatten flugs ein steppengroßes Netz aus den abgerissenen Wasserfäden geknüpft, die noch überall herumgelegen hatten. Damit fingen sie Brüderchen Wind, der die Steinriesin in den Armen hielt. Und auf einmal verliebte sich die kleine Wirtelspinne in die runde Riesin, spann einen Seidenfaden vom Brunnenrand in der Mitte der Welt zum kugeligen Bauch der Riesenfrau und spann so schnell, dass die Wassertropfen, die aus ihrem Pelzchen sprühten, um den langen Brückenfaden tanzten wie schimmernde Perlen um die Kette der Zarin.
Doch Jagababa sah nicht hin, sondern schielte eifersüchtig durch das Netz auf das Glück von Steinriesin und Spinne und lauschte an der klebrigen Wand und hörte, wie Töchterchen Spinne der Steinriesin den Namen Mütterchen Erde gab, weil sie schwanger war mit Brüderchen Feuer in ihrem Schoß und fruchtbar vom Brunnenwasser; die Löcher im Kleid von Mütterchen Erde aber sind ihre Kontinente, die Ascheflecken sind die Wolken, die Wassertropfen, die in den Maschen des Fangnetzes glitzern, sind ihre Sterne und Brüderchen Wind – mitgehangen, mitgefangen! – fährt noch heute um sie herum. Über der Mitte des Brunnentroges in der Mitte der Welt dreht sich bis morgen noch die Spindel, und in dem Brunnentrog steht Jagababa und bückt sich und stützt sich auf den Wockenstab und sucht mit ihrem gelben Auge am Tag und mit ihrem weißen Auge in der Nacht nach ihrem Wirtelstein, aber wie sie sich auch bückt und wie sie auch blinzelt, sie kann ihn nicht entdecken.
Die Wirtelspinne nämlich hat sich hier unter dem Kleid und dort in den feinsten Hautfalten von Mütterchen Erde verkrochen, und wer sie findet, der kann von ihr die heilige Zahl aller Spinnerinnen erfahren; für den fängt sie den Wind der Zukunft in einem Netz, und er kann sogar das Schicksal der Menschen bestimmen, wenn die Wirtelspinne ihn über ihre Brücke, die nachts am Himmel leuchtet, zur Jagababa führt; aber das tut sie nicht immer, denn ihr war sehr lange schwindelig.

FastNachtsMonolog, aschermittwochs
Du
Willst das Leben sein?
Ich lach mich tot. Lass dich versaufen:
In mein Stundenglas laufen
um fünfvorzwölf. SterbOderSauf: das
passt zu dir. Ein volles Leben. Oder
oder lebensvoll: oder geistvollgottvoll oder:
voll. Von mir aus: voll. Hier
zieht es und mein Lebensirrlicht flackert. Schließ die Tür.
Ich? Angst? Vorwem? Vordir?
Dem toten Leben? Oder umgekehrt? So oder so
Bist du doch nur eine bleiche
Schnapsleiche:
Die Sanduhrglocken haben zwölf geläutert
Und Masken fallen über kurzgelogne Beine –
P.S.:
Dem Leben
Hab ich den Totenschädel
eingeschlagen und
es musste
zugeben
dass eine Pappnase
immer noch barmherziger ist
als
gar keine.
(jetzt weint es aus leeren augenhöhlen : um
tote seelen)
Glücklich machen
Wie bitte?
Nein, ich bin kein unglücklicher Mensch. Überhaupt nicht.
Was?
Wann ich das letzte Mal unglücklich war? Nein, da muss ich nicht nachdenken. Daran erinnere ich mich genau.
Es war in der Nacht vor meinem achten Geburtstag.
Ich reckte den Kopf über den Bettrand und erbrach mich in einen Eimer. Meine Mutter stand auf, nahm den grünen Eimer mit der Magensoße drin und kam mit einem gelben zurück, in dem ein Pfützchen klares Wasser lag, gerade rechtzeitig kam sie, denn ich würgte wieder. So ging das schon die ganze Nacht, und Mutter sagte dauernd, das käme vom rohen Kuchenteig.
Es sah auch so aus wie in der Rührschüssel im Eimer, aber es stank wie der faulige Apfel, in den ich einmal gefasst hatte, und ich fühlte mich so verdorben wie mein Magen.
Da legte sich mir eine Hand unter die Stirn, und eine Stimme wie ein Kräuterbonbon sagte, ich hätte drei Wünsche frei.
„Ich möchte bitte, dass es…“ flüsterte ich ohne meine Zunge zu bewegen, aber es half nichts, mir flossen die Tränen aus den Augen und dieser Kuchenteig aus dem Mund.
„…es dir wieder gut geht?“
Ich setzte mich hin und nickte. Das hätte ich nicht tun sollen.
„Ich will auch immer brav sein“, vertraute ich dem Dunkel des Eimers an. Meine Worte sanken in die Pfütze auf dem gelben Plastikboden und kehrten verzerrt in meine Ohren zurück. Es klang mörderisch, aber das lag wirklich bloß an diesem komischen Echo im Eimer.
Als ich wieder in den Kissen lehnte, stieg in mir ein grenzenloses Mitleid mit der ganzen Menschheit auf, die irgendwie in meinen Magen geraten war. Trotzdem ging mir durch den Kopf, dass ich mir als Drittes wünschen wollte, immer glücklich zu sein, aber da zwickte die Menschheit in meinem Magen und nannte mich ein egoistisches kleines Biest, und da sagte ich, ich wolle Alle immer glücklich machen.
Da dehnte sich mein Magen aus wie ein Ballon über einer Heliumflasche, und ich wurde ganz leicht, und dann war ich auf einmal in dem Ballon und schwamm schwerelos in warmem Wasser.
Wie?
Ja, ich bin seitdem immer brav gewesen. Ich habe elende Menschen glücklich gemacht, ehrenamtlich, Herr Richter, immer ehrenamtlich, als Patientenbesucherin oder als Laienhelferin in psychiatrischen Tagesstätten und zuletzt eben in der Telefonseelsorge. Sie würden nicht glauben, Herr Richter, wie viele Menschen mir erzählt haben, dass sie glücklicher wären, wenn sie tot wären.
Der Tod ist nämlich ein großes Glück, Herr Richter. Auch für die Angehörigen.
Ob ich was?
Ob ich es bereue?
Darüber habe ich bis jetzt noch nicht nachgedacht, Herr Richter. Sagen Sie…würde es Sie glücklich machen?