14.03.05, Montag:
In Bad P. stirbt meine Mutter. Das heißt: sie weigert sich zu sterben.
Sie stinkt, ihre Wohnung verkommt, sie gibt ihr Erspartes aus für den Pflegedienst, den sie dreimal nachts anruft, und sie geht nicht mehr ans Telefon.
Aber die Leute vom ambulanten Hospizdienst hat sie wie gewohnt abgefertigt: "Wenn Sie gekommen sind, um den Fußboden zu wischen, können Sie bleiben. Wenn nicht, können Sie gehen."
"Warum stirbt sie nicht einfach", sagt mein Bruder und sitzt zu Hause und weint, was ich mir schwer vorstellen kann, weil er immer größer, älter und stärker war als ich.
Alles Mögliche hatte ich mir ausgemalt über das Sterben meiner Mutter, aber nicht, dass mir der Mut fehlen würde, sie auch nur anzurufen.
Auch nicht, dass ich endlich erfahren würde, dass mein Bruder genauso viel Angst hat vor ihr wie ich.
Ich träume jede Nacht von ihr, seit Wochen. Vielleicht sollten wir einfach hinfahren und sie umbringen.
Freiwillig lässt sie uns ja doch nicht in Ruhe.
26.03.05, Samstag:
Weißt du was, sage ich zu mir selber. Du solltest lieber: lieber einkaufen gehen. Einkaufen für die Feiertage. Sie vorbereiten, die Feiertage.
Weißt du was, sage ich selbst zu mir selbst, sie interessieren mich nicht, deine Feiertage, aber ich sage das ganz leise, und oft höre ich selbst mir selbst nicht so genau zu.
Trotzdem, sage ich zu mir selbst, könntest du wenigstens deine Kinder einladen für die Feiertage.
Welche Kinder? fragt ein Selbst, von dem ich selbst gerne leugne, dass es meins ist oder, wahlweise, ein Selbst.
Oder deine Mutter anrufen! schlage ich mir vor. Falls sie noch lebt. Lebt sie noch? Wenn sie nicht mehr lebt, hätte es ja keinen Sinn, sie anzurufen. Ich bin mir nicht sicher, meiner Selbst nicht sicher, es könnte auch ein anderes sein, das mir jetzt vorschlägt, ich könnte mich wenigstens um meinen Freund kümmern, der krank im Bett liegt und nicht einkaufen kann. Bin ich nicht aufgestanden, gehorsam einem Selbst, das ganz bestimmt nicht meins war, sondern das meines Freundes, und habe sein Telefon klingeln lassen und er hat sein Telefon klingeln lassen und ein Gespräch kam nicht zu Stande?
Warum, sage ich zu mir selbst, sollte ich also für ihn einkaufen gehen, wenn er sich weigert mit mir reden zu wollen? Vielleicht, sage ich selbst zu mir selbst, ist er ja verschwunden.
Man will mich verpflichten, sage ich selbst zu mir selbst, mit Feiertagen und Müttern und Kindern und Freunden.
Es ist schön draußen, die Sonne scheint. Ich kann leider nicht aufstehen und hinausgehen, weil die vielen Verpflichtungen mich an meinen Stuhl fesseln.
Außerdem: warum scheint auf einmal die Sonne? Kannst du ausschließen, frage ich mich selbst, dass das Wetter nicht geradezu will, dass du hinausgehst? Ich antworte, ich könne das keineswegs ausschließen. Aber meine Finger auf den Tasten bewegen sich freiwillig? Ich meine, erkläre ich mir selbst, es ist doch nicht so, dass das Keyboard und der Bildschirm von mir verlangten dass ich schriebe?
Schreiben, sage ich selbst zu mir selbst, schreiben kannst du doch schon lange nicht mehr. Nein, sage ich, weil das Papier es verlangt, voll geschrieben zu werden, und das Leben verlangt es beschrieben und die Geschichte verlangt es, weitergeschrieben zu werden. Siehst du, es ist, wie ich sagte, ich bin gehindert an Allem durch meine Verpflichtungen.
Aber du schreibst doch gerade?
Das musst du mir erst einmal beweisen, sage ich selbst zu mir selbst. Einen Moment lang sieht es so aus, als könne nur die Zauberformel Strg+X mich davor bewahren, zum Befehlsempfänger des Rechners zu werden, aber da hat er sich verrechnet, denn ich kann, was ich nicht geschrieben habe an mich, einfach absenden und verleugnen.
Auf einmal sieht es so aus, als hätte ich alle meine Verpflichtungen erfüllt.
19.04.05, Dienstag
Mittwoch: Telefongespräch mit meiner Mutter. "Du hast so schöne Haare. Bringst du auch deine Haare mit?" "Ja, wir sehen uns dann morgen." "Wenn es kein Gewitter gibt. Hoffentlich gibt es kein Gewitter."
Donnerstag: Fahrt nach Bad P. Im Hospizbett meine Mutter. Ich gehe hin und her zwischen Bett + Türschild, vergleiche Namen + Gesicht: Frau H. und dieses offenmündig schlafende kleine Gesicht, dass sie mich nicht erkennt als sie aufwacht, lässt mich noch einmal zurückgehen zur Tür, dann wieder zum Bett, streichle ihr Gesicht, die Arme. "Sie sind so lieb, Schwester, Sie haben so schöne Haare, Schwester."
Ich bleibe eine Stunde, ohne Angst, sie erkennt mich ja nicht, ist freundlich.
Das Wetter: schwül. Gewitter.
Freitag: Diesmal werde ich erkannt. In ihrem dritten Satz fragt sie nach ihrem Portemonnaie, will mich bezahlen: "Ich habe dich ja leider nur ein mal gesehen in den letzten zwei Jahren."
Richtig, das weiß sie genau. "Wo ist J.?" "Wir waren gestern zusammen hier." "Davon weiß ich nichts." "Du hast geschlafen." Dass mein Bruder sie nicht wecken wollte, sage ich nicht. Dann streichelt sie meine Haare.
Wetter: heiß, Gewitter gegen Abend.
Samstag: Sie erkennt mich und mag mich trotzdem. "J. hätte ich so gerne gesehen." "Er kommt zurück." "Wann?" "In einer Woche...zehn Tagen..." "Bis dahin bin ich doch schon zu Hause!" Sie hebt die Hände, mühsam, sie scheinen zu schwer zu sein für die mageren Arme, greift in die Luft zuerst, dann: "Deine Haare..."
"Wo wohnst du?" "In deiner Wohnung." "Das ist schön. Und ich wohne jetzt hier?"
Gewitter.
Sonntag: Ich kann sie nicht wecken. Im Wohnzimmer des Hospizes steht eine Gitarre, die hole ich, setze mich auf das Gästebett, streiche mir das Haar hinters Ohr und spiele ihr die einzige Melodie, an die sich meine Finger noch erinnern, immer wieder. Dann muss ich zum Zug. Abends in WF: Gewitter.
Montag: Vormittags drückend, gewittrig. Anruf: Mutter starb um 12.55, die Hospizschwestern saßen um ihr Bett, die Nonnen, die Pinguine, wie mein Bruder sagte. Ich rufe ihn an: er ist schon wieder auf dem Rückweg von W. nach Bad P.
Dienstag: In einer Stunde geht mein Zug. Zurück nach Bad P. Es ist kühl. Ein Gewitter wird es nicht mehr geben heute. Ich muss mir nur noch die Haare kämmen.
24.04.05, Sonntag
Dienstag: Als ich in Bad P. ankomme - in der Wohnung meiner Mutter, oder ist es jetzt unsere Wohnung? - sitzt mein Bruder am Schreibtisch und tüftelt neben einem Zeitungsblätterstapel mit vielen schwarzgeränderten Rechtecken, die schon von weitem gut zu sehen sind, über einem Text für Mutters Todesanzeige. Er ist erleichtert, dass ich komme: fürs Schreiben bin ich zuständig. Ich streiche den ganzen Text bis auf den letzten Satz: In stiller Trauer nehmen wir Abschied.
Nach einem langen und erfüllten Leben zum Beispiel ist ein sowohl redundanter als überheblicher Satz, denke ich, zwischen Geburts- und Todesdatum liegen fast neunzug Jahre, wozu also lang, und erfüllt, da bin ich gar nicht sicher. Nein. Was soll das überhaupt sein: ein erfülltes Leben? Ein Leben, das keinerlei Wünsche mehr offen lässt?
In die rechte obere Ecke der Anzeige gehört ein Spruch, ich hatte in der vorgehenden Nacht in Büchern geblättert und einen mitgebracht, den will mein Bruder nicht, der ist ihm zu lang, eigentlich will er überhaupt keinen, weil er sich nach dieser ganzen schwarzgekastelten Lektüre nur einen salbungsvoll-dummen vorstellen kann, aber dann findet er etwas Chinesisches in den Geschenkbüchlein unserer Mutter: Wenn du unaufhörlich gibst, wirst du unaufhörlich haben. Ich sehe ihn an, sehe zu meiner Verblüffung, dass er das ganz ernst meint, es ganz passend findet, und ich nicke und stimme zu, während in meinem Kopf ein Grinsekatzen-Grinsen wabert: Wen du unaufhörlich kaufst, wirst du am Ende gar nicht haben wäre passender gewesen. Ich sehe meinen Bruder an: ist ihm nie aufgefallen, dass unsere Mutter eine Krämerseele war? (Später in W. werden meine Söhne lachen aus dem Telefon, den Spruch in seiner passenden Unpassenheit für einen Witz am Rande halten, und ich werde denken, dass mein Bruder vielleicht eine ganz andere Mutter haben wird als ich, jetzt, nachdem sie tot ist. Oder schon vorher, schon immer? Wem gegenüber hat sie sich dann aber verstellt?)
Mittwoch: Da es eine seiner Lieblingstätigkeiten bezeichnet, ist es eines seiner Lieblingswörter geworden: abwickeln. Mein Bruder ist immer glücklich, wenn er etwas abwickeln kann. Jetzt müssen wir erst mal unsere Mutter abwickeln sagt er beim Morgenkaffee, und wir fahren zum Beerdigungsunternehmer und haben tatsächlich, in nur drei Stunden, von neun bis zwölf, unsere Mutter abgewickelt. (Ich staune, wie viel man tun kann, wenn man um sieben aufsteht: normalerweise kenne ich diese Tageszeit nicht und sie kennt mich nicht.)
Eine Abwicklung, die meine Mutter selbst vorbereitet hatte allerdings, denn weder dem Zufall noch ihrem Sohn noch gar mir - ich habe ausdrücklich keine Vollmacht für gar nichts - hätte sie die Organisation ihres letzten Auftritts überlassen. Der war ursprünglich in einem Mahagonisarg geplant, aber den haben wir an ihrem 85. Geburtstag versoffen, sie hat ihn rückgängig gemacht, umgetauscht gegen den billigsten und hässlichsten Sarg im Institut, ich höre ihre Stimme schräg hinter meinem rechten Ohr, als ich auf das Bild der kackbraunen Holzkiste im Sargkatalog starre: Das reicht schon für mich. Sicher, Mutter, denke ich, reichen würde es vollkommen, aber es sieht einfach beschissen aus, und dann nehmen wir einen teureren, hellen Sarg, passend zum pastellfarbenen Gesteck: Rosen und Gerbera und weißer Flieder. Wenn der weisse Flieder wieder blüht. Meine Mutter, Sternzeichen Waage, Aszendent Waage, hatte ein etwas entgleistes Verhältnis zur Harmonie. Ein paar Birkenzweige noch, die Birke war ihr Lieblingsbaum, seines hellen Stammes und lichten Laubes wegen. Seiner Leichtigkeit des Seins wegen. Konnte sie eine gewisse Leichtigkeit des Seins erreichen, indem sie das Sein anderer beschwerte? Dann wäre ich wohl zu etwas Nutze gewesen, Nütze, nützlich. Als Eingangslied für die Trauerfeier suche ich das Ave Maria aus. Maria, das bin ich.
Donnerstag: Gestern wollte mein Bruder noch mitkommen, heute nicht mehr: Mir hat schon gereicht, wie sie im Hospiz geröchelt hat. Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass ein Röcheln nicht mehr zu befürchten ist, aber er will sie nicht noch einmal sehen: Den Anblick würde ich nie mehr aus meinem Kopf bekommen. Ich muss ihn erst einmal hineinbekommen, den Anblick.
Ich habe nämlich noch nie eine Leiche gesehen. Eine aufgebahrte Leiche, stelle ich mir vor, ist zwar keine richtige Leiche, aber das Nächstbeste. Ich nehme meinen gerade geerbten Fotoapparat mit.
Sie ist nicht besonders geschminkt, sie lächelt ein wenig aasig, es ist gar nichts dabei. Ich fotografiere sie en face, von der linken Seite, mit dem blauen Fleck an der Schläfe, der ist da, weil sie aus dem Hospizbett fiel, und dann gehe ich zur andern, unbefleckten Seite und da surrt auf einmal die Kamera, beinahe lasse ich sie fallen, und der Film ist alle. Mist. Immer hat sie Wert darauf gelegt, von ihrer Schokoladenseite her fotografiert zu werden.
Ich streiche ihr mit dem Zeigefinger übers Haar, das fühlt sich warm an, und als ich mich über sie beuge, meine Nase ganz dicht an ihrer, da macht sie ihre Augen nicht auf, aber wegen des falschen Fotos traue ich ihr nicht mehr so recht und gehe.
DIE SELBSTVERWIRKLICHUNG GOTTES
Das Schöpfungswerk in der Kabbala
Geboren aus der Leere
erschienen die zehn Sefirot
wie ein leuchtender Blitz,
und ihre Bestimmung ist jenseits aller Begrenzung.
Und der Name Gottes ist in ihnen,
wenn sie aufsteigen und wenn sie zurückkehren.
Auf Sein Wort eilen sie wie ein Wirbelwind
Und verneigen sich vor seinem Thron.
(Sefer Jetzirah 1,6)
1. ATZILUT ODER DER SEINSGRUND
Am Anfang war die Wandlung: Vor Beginn aller Schöpfung war Gott die Leere, das Nichts, Ejn, und wo das Nichts war, konnte nicht Etwas sein. Also wandelte sich das Nichts, das Ejn, zog sich zusammen in einem Prozess der Gnade, den die Kabbala Zimzum nennt, die Selbstbeschränkung Gottes zu Gunsten der Schöpfung, und so wurde in einem ersten Schritt aus dem Ejn-Nichts das Ejn Sof, das „Keine- Grenze“, das Grenzenlose, und in einer weiteren Transformation wandelte sich das Grenzenlose zum Ejn Sof Or, zum grenzenlosen Licht, und aus diesem grenzenlosen Licht, das weder hell war noch dunkel, löste sich und löste sich doch nicht ein erster Lichtpunkt, eine erste Emanation des grenzenlosen Lichts, es fand, nach drei Wandlungen, eine Ver-Wandlung statt, aus dem Nichts war, durch drei Transformationen und eine Metamorphose, Etwas geworden: die Sefira Keter oder auch Keter Eljon, die von der höchsten kabbalistischen Welt aus gesehen tiefste Wurzel des Etz Chajim, des Baumes, der in Himmel und Erde wurzelt, in der höchsten der vier kabbalistischen Welten, in Atzilut (hebr.: atzol, ausgehen, fortgehen), der göttlichen Welt, der Welt der Emanationen, der Welt des Willens, einer Welt ohne Idee, Gestalt oder gar Materie, einer Welt der reinen Absicht, in der von der Schöpfung unserer Welt noch keine Rede sein konnte.
Aus Keter, der Krone von Atzilut auf der mittleren Säule des Bewusstseins entwickelten sich, durch den Vorgang zunehmender Einschränkung, weitere neun Aspekte des Willens Gottes, und zwar, in dieser Reihenfolge, die Sefirot Chokmah, das ist Weisheit, als oberste Sefira auf der rechten Säule der Güte oder Säule der Gnade, und ihr gegenüber Binah, das ist Verstehen als oberste Sefira auf der Säule der Strenge und des Gerichts.
Manche sagen auch, Chokmah, die Weisheit, und Binah, das Verstehen, emanierten gleichzeitig aus Keter; zusammen bilden Keter, Chokmah und Binah die drei Überirdischen, die durch einen Abgrund, den Abyssos, von den restlichen sieben Sefirot des Baumes potenziell getrennt sind, potenziell deshalb, weil es aus der Sicht des Höchsten diesen Abgrund (noch) nicht gibt.
Diese sieben Sefirot jenseits und doch nicht jenseits des Abyssos sind: Chesed oder Gedulah, die Barmherzigkeit auf der rechten Säule der Gnade; ihr gegenüber Geburah, auch Pachad oder Din genannt, Stärke, Furcht und Gericht, auf der Säule der Strenge, dann die zweite Sefira auf der mittleren Säule des Gleichgewichts, Tif’eret, Pracht und Schönheit.
Die Sefira Tif’eret ist der Mittelpunkt aller Pfade oder Zinnorot des Baumes, denn von hier aus führt je ein Weg unmittelbar zu jeder anderen Sefira, alle sind von hier aus erreichbar, außer Malchut, ein Umstand, der der zwischen Tif’eret und Malchut liegenden Sefira Jesod die etwas unheilvolle Bedeutung eines Hindernisses verleihen kann – wir kommen in einer anderen, der vierten kabbalistischen Welt, der Welt des natürlichen Menschen, darauf zurück.
In der göttlichen Welt Atzilut emaniert nun aus Tif’eret die Sefira Netzach, Ewigkeit im Sinne von wiederholen, sich endlos drehen; aus dieser, auch Sieg genannten Sefira auf der Säule der Güte emaniert, gegenüber auf der Säule der Strenge, die Sefira Hod, Herrlichkeit oder Widerhall; aus dieser die dritte Sefira auf der mittleren Säule des Bewusstseins, die schon erwähnte Sefira Jesod, das Fundament, und aus dieser schließlich die zehnte und letzte Sefira, ebenfalls auf der mittleren Säule gelegen: Malchut, das Königreich.
Mit der Sefira Malchut in Atzilut ist der Baum in der Welt des göttlichen Willens vollendet. Nichts existiert in dieser Welt als der Wille Gottes selbst, der sich durch Einschränkung gewandelt hat, vom reinen Willen zur Weisheit, von der Weisheit zum Verstehen, vom Verstehen zur Barmherzigkeit, von der Barmherzigkeit zur Gerechtigkeit, von der Gerechtigkeit zur Schönheit, von der Schönheit zur Ewigkeit, von der Ewigkeit zum Widerhall, vom Widerhall zum Fundament und vom Fundament zum Königreich.
So umhüllt sich jede Sefira mit der ihr folgenden und aus ihr entstandenen wie mit einem Mantel: Wille hüllt sich in Weisheit, Weisheit in Verstehen und so weiter, bis sich schließlich unter dem Königsmantel von Malchut die Mäntel aller darüberliegenden Sefirot genauso verbergen wie der ursprüngliche, attributlose Wille.
Der Seinsgrund selbst ist verborgen hinter den Schleiern der Negativen Existenz, und die Welt von Atzilut scheint, da sie jenseits des menschlichen Geisteshorizonts liegt, paradoxe Qualität zu haben: Einschränkung bedeutet hier gleichzeitig Ausarbeitung, Differenzierung, Komplexität; eine paradoxe Qualität, die wir auch der Entwicklung Gottes durch alle vier Welten zuschreiben können.
Die Gottesnamen
Der Baum von Atzilut, der Welt des Seinsgrundes und der transformatorischen Entwicklung des göttlichen Willens vor Beginn aller Schöpfung ist nun vollständig. Jeder Sefira dieses Baumes ist ein Gottesname zugeordnet, und jeder Gottesname beschreibt das Stadium der Transformation Seines Willens im Energiefeld der betreffenden Sefira. Der erste, der Sefira Keter zugeordnete Gottesname, Ehjeh oder, vollständiger, Ehjeh Ascher Ehjeh bedeutet Ich Bin, der Ich Bin. Dieser Feststellung der eigenen Existenz folgt in der zweiten Sefira, Chokmah, der Gottesname JHWH, der kaum übersetzbar ist – und keinesfalls als „Jahweh“ oder „Jehovah“ vokalisiert werden sollte. In der hebräischen Liturgie und Literatur bleibt der geheime Name Gottes, ha schem, unvokalisiert und kann, da das Hebräische eine reine Konsonantensprache ist, weder ausgesprochen noch in seiner Bedeutung genau bestimmt werden. (Das ist an sich nicht weiter bedauerlich, wenn man bedenkt, dass der Name Gottes, korrekt vokalisiert und richtig ausgesprochen, die Welt zusammenstürzen ließe.)
Der Name JHWH setzt sich zusammen aus den Worten Hajah, Er war, Jijeh, Er wird sein und HoWeh, Er ist; in der zweiten Sefira des Baumes in Atzilut wandelt sich die, die eine ewige Gegenwart betreffende, Selbstauskunft des göttlichen Willens, Ich Bin, der Ich Bin, in eine Selbsterklärung, die eine Vergangenheit (Keter) und eine mögliche Zukunft einschließt und die damit den Begriff der Ewigkeit von Keter in den der Unvergänglichkeit in Chokmah, Weisheit, verwandelt, einen paradoxer Anfang der Zeit:
Das Ich Bin, der Ich Bin Keters wandelt sich in das Der immer war, ist und sein wird in Chokmah. Schon in diesem ersten Schritt von Keter nach Chokmah sehen wir das Prinzip der Einschränkung und das der Umhüllung, der Verunreinigung, wie es auch genannt wird, am Werk: die Ewigkeit der ersten Sefira Keter hüllt sich in die Unvergänglichkeit der zweiten Sefira Chokmah, das Sein der ersten Emanation kleidet sich in der zweiten Emanation in die Gewänder von (unvergänglicher!) Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Chokmah ist die Sefira der Gegenwart Gottes, die ohne Vergangenheit und Zukunft nicht denkbar wäre. Sie ist auch die Sefira der Dreieinigkeit, denn da wir uns, immer noch in Atzilut, in einer ungeschaffenen Welt aufhalten, existieren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig.
So, wie die Sefira Chokmah die rechte Säule der Barmherzigkeit ins Leben ruft, so bildet die aus ihr entstandene und ihr gegenüberliegende Sefira Binah die höchste auf der linken Säule der Strenge. Mit der Entstehung des Sefirotpaares Chokmah – Binah und der Säulen Boaz und Jachin tritt das Prinzip der Dualität ins Sein, denn die einander auf den äußeren Säulen gegenüberliegenden Sefirot stehen im Verhältnis der Ergänzung und des Ausgleichs.
Ist also Keter die Sefira der unwandelbaren Einheit, Chokmah die der unvergänglich- wandelbaren Einheit, so erscheint mit der dritten Sefira Binah die Zweiheit und die Vielheit, die sich in dem dieser Sefira zugehörenden Gottesnamen ausdrückt: nach dem der Ich Bin, der Ich Bin sich in den Der War, Ist und Sein Wird gewandelt hat, entfaltet er nun in seiner Einheit das Potenzial der Vielfalt als Elohim, ein Gottesname, der aus der weiblichen Singularform Elah, Göttin, und der männlichen Pluralendung –im gebildet wird und der sich am ehesten übersetzen lässt mit Göttinnen und Götter.
In den drei überirdischen Sefirot der göttlichen Welt von Atzilut zeigt sich (und zeigt sich doch nicht) Gott als Seinsgrund, als ewige Einheit, ewiger Wandel und ewige Vielzahl, als das Prinzip der in der Ganzheit aufgehobenen Zweiheit und zwar, wie wir nicht vergessen wollen, vor aller Schöpfung.
Obwohl die Triade der Überirdischen in sich selbst vollendet ist und keiner Ergänzung, also auch keiner weiteren Entfaltung bedarf, wirken die Sefirot Chokmah und Binah nun als Abba, der Große Vater und Ima, die Große Mutter (buchstäblich übersetzt: Papa und Mama); der Blitz der Schöpfung, der seinen Ursprung in Keter hat, zeugt aus Chokmah, empfängt in Binah, überquert den (noch nicht vorhandenen) Abyssos, der die Überirdischen von den Irdischen trennt und erschafft die zweite Sefira auf der Säule der Milde, Chesed, auch Gedulah genannt; aus dieser entsteht Geburah auf der Säule der Härte. Die zugeordneten Gottesnamen, El für Chesed und Jah für Geburah werden gewöhnlich beide mit Gott übersetzt, wobei El eine grammatisch maskuline, Jah eine grammatisch feminine Form darstellt und eigentlich Göttin übersetzt werden sollte; entsprechend finden wir den Gottesaspekt El auf der männlichen, den Aspekt Jah auf der weiblichen Säule.
Die im Gottesnamen Elohim ungeschieden vorhandenen männlichen und weiblichen Elemente haben sich also in einer weiteren Transformation (und Differenzierung) gleichsam getrennt, werden mit El, Gott und Jah, Göttin benannt und als, einander ergänzendes, Paar auf gegenüberliegende Plätze der äußeren Säulen gestellt, bevor sich in einem nächsten Wandlungsschritt das Männliche und das Weibliche, das Eine und das Viele, das Wandelbare und das Unwandelbare in der zweiten Sefira auf der mittleren Säule des Ausgleichs wieder vereinen, in der Sefira Tif’eret, Schönheit, auch der Sohn genannt, dem allerdings der doppelgeschlechtliche Gottesname JHWH Elohim zugeordnet wird: Ich werde als Mann und Frau da sein. (Wie der paradiesische Adam wird diese Sefira oft im Symbol des Hermaphroditen dargestellt.)
Hier, an diesem zentralen Ort des Baumes, der Sefira Tif’eret, die auch der leuchtende Spiegel genannt wird, der quinta essentia der fünf vorangegangenen Sefirot, hüllt sich das introvertierte Leuchten des Gottesnamens Ehjeh der ersten Sefira, derjenigen, die direkt über Tif’eret auf der mittleren Säule des Bewusstseins liegt, in das extrovertierte Strahlen des Gottesnamens JHWH Elohim, der das Wesen des göttlichen Willens einerseits erläutert, differenziert und andererseits in erweiterter Form zusammenfasst: wir dürfen uns Tif’eret als einen Spiegel vorstellen, der das Licht Keters transformiert und auffächert.
Dann wird, den Strahlen des Lichtes und dem Weg des Zündenden Blitzes folgend, der Gottesname des leuchtenden Spiegels auf die rechte und linke Säule unterhalb Tif’erets in die Sefirot Netzach und Hod reflektiert, Sieg beziehungsweise Ewigkeit und Herrlichkeit oder Widerhall, die die Gottesnamen JHWH und Elohim tragen, beide mit dem Zusatz Zebaot: JHWH Zebaot auf der Säule der Barmherzigkeit, entsprechend dem Gottesnamen JHWH der ersten Sefira dieser Säule, Chesed; und Elohim Zebaot auf der Säule der Strenge, entsprechend dem Gottesnamen der obersten Sefira Binah auf dieser Säule.
Da der Prozess der Entwicklung Gottes, auch Involution genannt, vom Einen („Höre, Israel! Er, Er Einer!) zum Vielen stattfindet, überrascht es nicht, in den Sefirot Netzach und Hod nun erstmals zusammengesetzte Gottesnamen vorzufinden, die auf den Willen zu einer Existenz außerhalb (und nicht außerhalb) Gottes hindeuten: JHWH Zebaot heißt Herr der Heerscharen, und Elohim Zebaot heißt Gott der Heerscharen; zumindest haben sich diese Übersetzungen eingebürgert. Es bleibt allerdings darauf hinzuweisen, dass JHWH auf den Herrn als den Einen (der da war, ist und sein wird) verweist, während Elohim die Ideen der Dualität und Vielfalt impliziert, denn eigentlich müsste das Wort Elohim ja mit Gott und Göttinnen übersetzt werden; der duale Charakter ist sowohl der Sefira Hod als auch der Sefira Binah eigen, die uns als dunkle und helle Mutter (Ama und Aima) entgegentritt, während Hod als reflektierende Sefira (Widerhall) die Sefira der Unterscheidung ist.
So gelangen wir vom Herrn der Heerscharen über die Götter und Göttinnen der Heerscharen zu El Chaj Schaddaj, Gott dem Lebendigen Allmächtigen in der dritten Sefira auf der mittleren Säule, Jesod, dem Fundament, auch nichtleuchtender Spiegel genannt. Hier werden dem Gottesnamen El, der uns aus der Sefira Chesed bekannt ist und der somit den gütigen Aspekt Gottes betont, erstmals zwei Eigenschaften hinzugefügt: lebendig und allmächtig. Da wir uns allerdings immer noch in der Welt von Atzilut befinden, sollten wir nicht daran denken, uns einen lebendigen und allmächtigen Gott vorzustellen; wenn wir an die Transformation des ursprünglichen Willens Gottes zu Sein in den Willen zum Leben und den Willen zur Allmacht denken, sind wir wahrscheinlich besser beraten. Leben und Allmacht aber, als dem nichtleuchtenden Spiegel zugeschrieben, wären Kelipot, Huren des Bösen, ohne das Licht der über Jesod liegenden Sefira Tif’eret, die als leuchtender Spiegel ihren Impuls zu strahlen vom Urlicht in Keter erhält.
Der Seinsgrund der Schöpfung, in den der göttliche Wille sich in neun Transformationsstufen gewandelt hat, emaniert nun noch eine weitere Sefira, Malchut, das Königreich, dem der Gottesname Adonai Melech zugehört, Mein (!) Herr und König. Mein Herr und König ist nun ganz offensichtlich eine Anredeform: in Malchut, dem Königreich, begegnet Gott sich selbst in seiner Form als (weibliche) welteinwohnende Herrlichkeit, als Braut, als Schechinah im Exil, denn die „gefallene“ Sefira Malchut hat, als einzige im Baum des Lebens, keine direkte Verbindung zur zentralen Sefira Tif’eret.
2. BERIAH ODER DER ERKENNTNISGRUND
Im leuchtenden Spiegel, in dem der Seinsgrund des Seins zur Er-Scheinung gebracht wird, wurzelt der Baum der zweiten kabbalistischen Welt, Olam ha Beriah (von hebr. bora, Schöpfer, Erschaffer), der Welt der Schöpfung, hier auch die Welt des schöpferischen Geistes oder einfach die Welt des Geistes genannt.
Der Baum von Beriah wurzelt also nicht, wie man vielleicht erwarten könnte, in Malchut, sondern in Tif’eret von Atzilut. Durch diese Überschneidung der Bäume werden sie durch eine, die Sefira Tif’eret querende, Horizontale in der Mitte geteilt; der jeweils obere Teil des Baumes, eine drachenähnliche Figur, die durch die die Sefirot Keter-Chokmah-Tif’eret-Binah-Keter verbindende Linie gebildet wird, heißt das das große Gesicht, und die entsprechende untere Figur mit den Eckpunkten Tif’eret-Netzach-Malchut-Hod-Tif’eret das kleine Gesicht, Himmel und Erde der betreffenden Welt.
Schieben wir also die Bäume so übereinander, dass Keter des jeweils folgenden Baumes (es folgen, nach dem von Beriah, noch zwei) auf Tif’eret des jeweils vorangegangenen zu liegen kommt, so erkennen wir, dass nur das obere Gesicht von Atzilut ein rein göttliches ist. Im unteren Gesicht von Atzilut wird die Welt des Willens von der des Geistes überlagert, denn das untere Gesicht von Atzilut bildet gleichzeitig das obere Gesicht von Beriah, das damit zum Janusgesicht wird, wie auch alle in absteigender Linie folgenden Gesichter, mit einer Ausnahme: das letzte Gesicht, das untere Gesicht von Assiah ist, als die „Schale aller Schalen“, die materiellste aller Ebenen, nur durch seine Sefira Tif’eret mit dem über ihm liegenden Baum verbunden, als unteres Spiegelbild des großen Gesichts von Atzilut, des Allerheiligsten aller Gesichter.
Die Erzengel
Die Sefira Tif’eret, zu der in der Welt des Willens der Gottesname JHWH Elohim gehört, die summa summarum aller Gottesnamen, ist also auch die Sefira Keter, der höchste Punkt der Welt der Schaffung und des Geistes, des Erkenntnisgrunds; ist der Thron Gottes, dem der Erzengel Metatron zugeordnet wird, meta ton tronos, Nahe Deinem Thron. Wie seine neun Kollegen ist Metatron nichts als ein Exekutivorgan, ein Ausführender des Willens Gottes in der Welt des Geistes, ein Umstand, der zu einem Aufstand führen sollte, als sich späterhin die erstgeschaffenen Engel dem mit einem Eigenwillen ausgestatteten Menschen unterordnen sollten (Preisfrage an alle Rätselfreunde: Wie zettelt man eine Revolution an, wenn man über keinen anderen Willen verfügt als den des Herrschers?), und ein Umstand auch, der Rilke zu der Zeile „Ein jeder Engel ist schrecklich“ inspiriert haben mag, denn gerade weil die Engel nichts tun können als den Willen Gottes, sind sie notwendigerweise unerbittlich und zuweilen unbarmherzig.
Ihr eigentlicher Auftrag aber enthüllt sich in ihren Namen. Metatron, als der Sefira Tif’eret zugehörig scheint, wie diese, keine andere Funktion zu haben, als einfach da zu sein; als gleichzeitig der Sefira Keter zugeordnet, ist er der Fürst der Erzengel, ist deren unumgänglicher Vorgesetzter, ist der Bote Gottes – Engel heißt auf hebräisch maleach, das ist: Bote – der den Willen Gottes aus der Welt von Atzilut in die Welt von Beriah hinüberträgt, der den Geist über die Absichten des Willens informiert, ohne jedoch seinen Platz in der Nähe des höchsten Thrones (Beriah wird auch Kursija, die Welt der Throne, genannt) zu verlassen, denn sein Auftrag lautet, wir erinnern uns: meta ton tronos.
Der Zusammenhang zwischen Namen und Auftrag ist bei den Erzengeln der anderen Sefirot leichter ersichtlich, vielleicht mit Ausnahme des Erzengels von Tif’eret, denn auch Tif’eret von Beriah scheint eigenartig funktionslos.
In der Weisheit (Chokmah) der Schöpfung (Beriah) finden wir das Geheimnis Gottes als den Erzengel Raziel; im Verstehen der Schöpfung kommen wir zur Anbetung Gottes, dem Erzengel Zafkiel in Binah; in der Größe (Gedulah) und dem Erbarmen (Chesed) des Schöpfers finden wir den Trost Gottes, Zadkiel; in der Stärke, dem Gericht und der Furcht (Geburah, Din, Pachad) des göttlichen Geistes erleben wir Kamael, die Strenge Gottes – die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang – und Wer ist wie Gott? jubelt der Erzengel der Sefira Tif’eret, der Schönheit der Schöpfung, Michael.
Der Sieg und die Ewigkeit (Netzach) des göttlichen Geistes (Beriah) bringt die Heilung durch den Erzengel Rafael, den Heiler Gottes; in Hod, dem Widerhall, der Herrlichkeit der Schöpfung leuchtet Uriel, das Licht Gottes; in Jesod, dem Fundament der Schaffung und des Geistes erscheint uns Gabriel, die Stärke Gottes, und in Malchut, der gefallenen Sefira, dem schon weit entfernten Königreich der Schöpfung hören wir immerhin noch Sandalphon, den Klang der Sandalen des Erzengels, der auch Metatron heißt und der in Malchut von Beriah zum Gärtner Gottes wird.
Der Baum der Schöpfung, der Baum von Beriah, wendet sein oberes Gesicht Atzilut zu, dem Seinsgrund Gottes; die Schöpfung selbst, Beriah, ist der Erkenntnisgrund Gottes, und sein unteres Gesicht wendet sich hin zum Baum von Jetzirah, dem Grund des Werdens.
Die Erschaffung der Welt
Jeder kennt die Schöpfungsgeschichte. Sie findet in Beriah statt, der kreativen Welt, und ist nachzulesen im ersten Buch Genesis, dass auf Hebräisch das Buch Bereschit heißt: Im Anfang. Sein erster Satz lautet im Original: Bereschit bria elohim et haschamajim wet haaretz. Betrachten wir die Wörter im Einzelnen.
Bereschit: Be reschit, von rosch, Kopf; also nicht eigentlich im Anfang, sondern vom Kopf her, im Geiste: der Kopf der geistigen Welt aber ist Keter von Beriah, gleichzeitig (obwohl von Zeit im profanen Sinne hier nicht gesprochen werden kann) die Sefira Tif’eret von Atzilut, die die Gottesnamen JHWH und Elohim trägt.
Bria: schuf, das gleiche Wort wie Beriah, Schaffung, Schöpfung: in Keter von Beriah (beziehungsweise in Tif’eret von Atzilut) liegt also der Anfang.
Elohim, der männlich-weibliche Aspekt Gottes erscheint als Schöpfergott.
Haschamajim, die Himmel, die Sefirot des oberen Gesichts von Beriah oder, in einer anderen Lesart, die Himmel der oberen Gesichter aller Welten, sieben an der Zahl, nur das letzte, untere Gesicht der Welt von Assiah gehört nicht zu ihnen, und
Haaretz, die Erde, die besagte Welt von Assiah, beziehungsweise das untere Gesicht von Beriah, das auch das obere Gesicht von Jetzirah ist.
Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal – das obere Gesicht von Jetzirah, die „Erde“ von Beriah noch nicht erdacht – Finsternis über Urwirbels Antlitz – die Sefira Binah, Finsternis, fiel noch in Eins mit der Sefira Chokmah, dem Urwirbel, und Braus Gottes (ruach elohim) schwingend über dem Antlitz der Wasser – über dem Abyssos, über der noch nicht erdachten unteren Welt von Beriah, der als (alchimistisches) Element das Wasser zugeordnet wird, so wie der Welt Atzilut das Feuer, Olam ha Jetzirah die Luft und dem Reich Assiah die Erde.
In der noch nicht erdachten Welt von Beriah fallen - wie bereits am Beispiel von Binah und Chokmah angedeutet - die jeweils sich gegenüberliegenden Sefirot der rechten und der linken Säule noch auf der mittleren zusammen; so erhalten wir sieben untereinander liegende Sefirot, acht, wenn man die Sefira Da’at mitrechnet, die zwischen Keter und Tif’eret genau auf dem Abyssos, dem Abgrund liegt und die durch ein „Durchscheinen“ der Sefira Jesod von Atzilut her entstanden ist – oder eigentlich nicht entstanden ist; sie ist als Nicht-Sefira berühmt geworden, die geheimste und geheimnisvollste aller Sefirot, Wissen, der Ort der Erkenntnis, die Brücke, die den Abgrund zwischen dem Irdischen und dem Überirdischen überspannt.
Doch wie geht es nun weiter mit der Schöpfung?
Gott sprach: Licht werde! Licht ward. Gott sah das Licht: dass es gut ist (Keter von Beriah).
Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis: teilte die zweite Sefira auf der mittleren Säule in Chokmah (Licht) und Binah (Finsternis), und Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht! und schuf so die beiden äußeren Säulen, die schwarze der Form und die weiße der Kraft: Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.
Gott sprach: Gewölb werde inmitten der Wasser und sei Scheide von Wasser und Wasser (der Abyssos; Da’at)! Gott machte das Gewölb und schied zwischen dem Wasser das unterhalb des Gewölbs war und dem Wasser das oberhalb des Gewölbs war. (Die Trennung der drei Überirdischen von den sieben Irdischen.) Es ward so. Dem Gewölb rief Gott: Himmel! Abend ward und Morgen ward: zweiter Tag.
Der Abyssos ist jetzt überwunden, wir erreichen die vierte (wenn wir Da’at mitzählen) „Doppelsefira“ auf der mittleren Säule: Gott sprach: Das Wasser unterm Himmel staue sich an einem Ort (Chesed auf der Säule der Kraft), und das Trockene lasse sich sehn (Geburah auf der Säule der Form)! Es ward so. Dem Trockenen rief Gott: Erde! Und der Stauung der Wasser rief er: Meere! Gott sah, dass es gut ist.
Und jetzt werden die Auswirkungen der Kräfte der Sefira Chesed und Geburah, Überfluss und Stärke, Energie und Form, noch einmal zusammen geschaut, zusammen gerufen: Sprießen lasse die Erde Gespross, Kraut, das Samen samt, Fruchtbaum, der nach seiner Art Frucht macht drin sein Same ist, auf der Erde! Es ward so. Die Erde trieb Gespross, Kraut, das nach seiner Art Samen samt, Baum, der nach seiner Art Frucht macht darin sein Same ist. Gott sah, dass es gut ist. Abend ward und Morgen ward: Dritter Tag.
(Das wiederholte: Abend ward und Morgen ward weist auf die fortlaufende Existenz der äußeren Säulen.)
Am vierten Tag, in Tif’eret von Beriah, der Schönheit und dem leuchtenden Spiegel, werden Sonne und Mond geschaffen, die beiden Lichter, die zusammen Tag und Nacht erhellen, und die Sterne; am fünften Tag, in der Doppelsefira Netzach-Hod die Tiere des Meeres und die Ungeheuer (Netzach) und die Tiere der Luft, die Vögel (Hod) bis am sechsten Tag endlich, im Fundament Jesod des Baumes von Beriah, der Mensch geschaffen wird: Gott sprach: Machen wir den Menschen in unserm Bild (Keter) nach unserm Gleichnis (Tif’eret)!
Gott sprach zu ihnen: Fruchtet und mehrt euch und füllet die Erde und bemächtigt euch ihrer! Schaltet über das Fischvolk des Meeres, den Vogel des Himmels und alles Lebendige, das auf Erden sich regt! Das heißt: indem Gott den Menschen als „kleinen Gott der Welt“, als Herrscher und Verwalter einsetzt, wird die Sefira Jesod von Beriah in einem Akt der Metamorphose zur (deckungsgleichen) Sefira Da’at des nächstniederen Baumes in der Welt Jetzirah, der Welt der Formung, und damit der Mensch zum Wissen(den) vom Grund des Werdens.
3. JETZIRAH ODER DER GRUND DES WERDENS
Aus dem Nichts, Ejn, durch die drei Schleier der negativen Existenz kommend, hatte der Verborgene der Verborgenen sich zum Ich Bin, Ehjeh, ausgerufen (Atzilut); hat in Beriah, der Welt des Geistes, der Ideen und Archetypen (Doch Vorsicht! Beriah ist eine Welt, in der Form noch nicht existiert – Ideen und Archetypen sind also nicht als Formal-Gegenständliches zu verstehen!) den Menschen geschaffen, das heißt: erdacht (Beriah) und ihn schließlich in Jetzirah (hebr. jazor: sich gestalten, nachbilden), der Welt der Formung, in den Garten Eden gestellt – ein anderer Name für den Baum von Jetzirah. Sein oberes Gesicht (von Keter bis Tif’eret) wird der obere, sein unteres Gesicht (von Tif’eret bis Malchut) der untere Garten Eden genannt, der Platz der Erschaffung Adams, dessen Name rot und Erde bedeutet, und Evas, deren Name Chawwa, Leben heißt, ist, wie wir gesehen haben, in Da’at von Jetzirah, „im Angesicht Gottes“.
Das Paradies
Das Paradies, dargestellt im Baum von Jetzirah, war Gottes Erde, und die Erzengelwelt Beriah Gottes Himmel; im Paradies lebte der erste Mensch, von dem es im Buch Bereschit heißt: männlich, weiblich schuf er sie, weswegen er/sie in der Kabbala auch gerne als Hermaphrodit dargestellt wird; und im Paradies, also im Baum von Jetzirah, lebten auch die Engelchöre, jeder einer Sefira zugeordnet; zu den bekanntesten unter ihnen gehören wohl die Chajot Hakodesch, die Geheiligten Kreaturen, vier an der Zahl, der Sefira Keter, die „formenden Hände“ Metatrons, des Herrn der Gilgulim, der Zyklen der Wiedergeburt.(Als Erzengel von Keter in allen vier Welten kam er in Keter von Assiah zu diesem Job, denn ein Mensch, dem es in seiner Entwicklung nicht gelingt, Keter von Assiah – Tif’eret von Jetzirah - zu überwinden, bleibt den Zyklen der Wiedergeburt verhaftet.)
In Chokmah finden wir die Ofanim, die Räder, in Binah die Aralim, die Mächtigen und in Chesed die Haschamalim, die Funkelnden, bevor wir in der Sefira Geburah wieder in vertrautere Gesellschaft geraten, der Serafim nämlich, der Flammenden.
Tif’eret ist die Sefira der Maleachim, der Könige. Hier verlassen wir den oberen Garten Eden und kommen zu den Elohim, den Göttern und Göttinnen in Netzach, den B’nej Elohim, den Söhnen derselben, in Hod; zu den, neben den Serafim, im himmlischen Chorwesen populären Cherubim, den Stützen der Kinder und Darreichern des astralen Feuers in Jesod, und in Malchut des jetzirah’schen Paradieses zu den Ischim, den Feuerseelen, den „Seeligen“ und „Heiligen“ der Kabbala, im unteren Garten Eden.
Jeder dieser zehn Engelscharen steht ein Erzengel vor, der wiederum einen, durch den Namen zum Ausdruck gebrachten, Befehl des Willens Gottes zur Ausführung oder Ausformung an die Engel von Jetzirah weitergibt: die kabbalistische Welt der vier Bäume ist streng hierarchisch geordnet, und sie entwickelt sich in der Involution, in der Selbstentfaltung Gottes, vom Einfachen zum Komplexen, von der Leerheit zur Fülle. Aus dem Ejn des Anfangs ist eine ganze Welt mit Himmel und Erde, Gestirnen, Pflanzen, Tieren, Engeln, Menschen und Gott geworden: die Welt von Jetzirah, die Welt der körperlosen Formen.
Natürlich ist es noch nicht die Welt, wie wir sie kennen.
Der Sündenfall
Wieso sich das untere Gesicht von Jetzirah in das obere Gesicht von Assiah verwandelte und dann, um eine Stufe, in das untere Gesicht von Assiah in die Welt der Verkörperung und Materie fiel weiß, auch unter Kabbalisten, niemand. Die Welt in Jetzirah, im Garten Eden, schien perfekt zu sein, die Erschaffung einer materiellen Welt – Assiah – nicht notwendig.
Doch werfen wir einen Blick auf die Jakobsleiter, wie sie sich uns darstellte, bestünde sie nur aus drei Welten, deren jeweils folgende mit Malchut in Tif’eret der je vorhergehenden wurzelt, und wir erkennen, dass es sich um einen unausgewogenen Zustand handelte: Die erste Welt, Atzilut, dem Buchstaben Jud und dem Feuer entsprechend, ist männlich; die zweite Welt, Beriah, dem Wasser und dem Buchstaben He verbunden, weiblich und die dritte, Jetzirah, durch den Buchstaben Waw und die Luft repräsentiert, wiederum männlich: der vierte Buchstabe des Schem, des geheiligten Gottesnamens, würde fehlen.
Und zählen wir die Sefirot auf der mittleren Säule des Gleichgewichts, so zählen wir acht (Da’at wird nicht mitgezählt); jeder einzelne der drei Bäume hat aber, für sich genommen, zehn Sefirot. Der scheinbar so vollkommene Zustand im Paradies entpuppt sich als unausgewogen: wir haben einen Baum zu wenig. Das muss auch Gott aufgefallen sein, denn in der Tora, im Buch Bereschit, lesen wir:
Er, Gott, pflanzte einen Garten in Eden, Üppigland, ostwärts, und legte darein den Menschen, den er gebildet hatte. Er, Gott, ließ aus dem Acker allerlei Bäume schießen, reizend zu sehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens (etz chajim) mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.
Mitten im Garten, das ist: in Tif’eret von Jetzirah, und tatsächlich wurzelt der Baum von Assiah in Tif’eret von Jetzirah, ebenso der Baum von Atzilut, denn Tif’eret von Jetzirah – die Mitte des Gartens Eden – ist sowohl Keter von Assiah als auch Malchut von Atzilut: sollten wir hier den Baum des Lebens, den von Atzilut, vor uns haben, und den Baum der Erkenntnis, den von Assiah?
Von allen Bäumen des Gartens magst essen du, essen, aber vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, von dem sollst du nicht essen, denn an dem Tag, da du von ihm issest, musst sterben du, sterben.
Natürlich, wie jeder weiß, sind Adam und Eva nicht, wie Schneewittchen, tot umgefallen, als sie vom Baum der Erkenntnis aßen; jedoch wurden sie sterblich. Hat Gott also gelogen? Nein. Was aber war, statt eines plötzlichen Todes, das Ergebnis des unerlaubten Apfelessens? Sie, die paradiesischen Menschen, deren göttlicher Leib Neschamah in den mentalen Leib Ruach und den astralen Leib Nefesch (entsprechend den Welten Atzilut, Beriah und Jetzirah) gehüllt war und von denen es hieß: Die beiden aber, der Mensch und sein Weib, waren nackt und sie schämten sich nicht heißt es nun: Die Augen klärten sich ihnen beiden, und sie erkannten, dass sie nackt waren.
Hier befinden wir uns in der zweiten Schöpfungsgeschichte der Genesis, in der Gott Eva aus Adams Rippe schuf und in der er „Erde vom Ackerboden“ (Adamah) nahm, um Adams Körper zu formen – den Astral- oder Wunschkörper von Jetzirah. Aber was bedeutet nun die Erkenntnis ihrer Nacktheit?
Als Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis aßen, verwandelte sich die Sefira Tif’eret von Jetzirah in die Sefira Keter von Assiah, der einzigen Welt, in der ein Unterschied zwischen Gut und Böse existiert, weil es die getrennten Körper des irdische Leben sind, die ihn schaffen, und indem Adam und Chawwa, Acker und Leben, durch das Essen des Apfels, Anteil an der Welt der Materie nahmen, wurden sie gewahr, dass sie keinen fleischlichen Körper, keinen Guf hatten – dass sie „nackt“ waren.
Und Gott machte Adam und seinem Weibe Röcke aus Fell und kleidete sie – in das, was hier symbolisch als „Fell“ dargestellt wird, in einen Körper nämlich, und vertrieb sie aus dem Paradies, aus der körper- und materielosen Welt von Jetzirah; jedoch nicht etwa nur, weil sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, sondern – aber belauschen wir ein Selbstgespräch Gottes:
Er, Gott, sprach: Da, der Mensch ist geworden wie unser einer im Erkennen von Gut und Böse. Und nun könnte er gar seine Hand ausschicken und auch vom Baum des Lebens nehmen und essen und in Weltzeit leben!
Mit anderen Worten: nachdem Adam und Eva ein Verbot übertreten und sich des Baumes von Assiah bemächtigt hatten, wäre es nicht möglich, dass sie sich auch des Baumes von Atzilut bemächtigen würden? Und würden sie dann nicht, inkarniert und unsterblich, dem Bösen zu ewiger Existenz verhelfen?
So liegt die Vollendung der Schöpfung in der sterblichen Welt von Assiah.
Der irdische Mensch als Ebenbild Gottes
Der Baum von Jetzirah ist der am meisten verwendete in der populären kabbalistischen Literatur, denn er gibt uns ein Bild des Menschen in der Welt der Seele als des (potenziellen) Ebenbildes Gottes. Als Mikrokosmos wird der Mensch hier vorgestellt, mit einem physischen Körper in Malchut, der im Makrokosmos der Welt Assiah und dem Buchstaben He entspricht, einem mentalen Körper im Sefirot-Dreieck Jesod-Hod-Netzach, der makrokosmischen Welt Jetzirah und dem Buchstaben Waw analog, einem emotionalen Körper mit den Sefirot Tif’eret-Geburah-Chesed, entsprechend der Beriah-Welt und wiederum dem Buchstaben He, und einem höchsten, dem spirituellen Körper, der mikrokosmischen Spiegelung des kosmischen Atzilut, des Adam Kadmon als Idee des höchsten Menschen, durch die supernale Triade Binah-Chokmah-Keter und den Buchstaben Jud repräsentiert: so wird der gottesebenbildliche Mensch zum JHWH, zum Ich bin, der ich bin, war und sein werde.
Den vier Welten entsprechen in der Darstellung des inkarnierten Menschen drei Seelen und ein Körper: Neschamah, die göttliche Seele, mit der Adam, der zweiten Version der Schöpfungsgeschichte zu Folge, durch Mund-zu-Nase-Beatmung belebt wurde; Neschamah Chajim, den Hauch des Lebens, empfing er direkt von Gott aus der Welt von Atzilut; Ruach, als Ruach Elohim und Ruach Hakadosch, letzterer besser bekannt als Heiliger Geist, den er als Mentalleib in der Beriah -Welt erhielt; Nefesch, die natürliche Seele, der Astralleib, den der Mensch im Paradies von Jetzirah mit allen anderen geschaffenen Wesen teilt und zum Schluss Guf, der physische Leib, die härteste Schale, die die drei Seelen(körper) in Assiah, der irdischen Welt, umschließt.
Die makrokosmischen Welten spiegeln sich auch in vier Bewusstseinsstufen des Menschen. Sie erscheinen zunächst in einer Zweiteilung in den beiden Gesichtern des Baumes von Jetzirah: Katlut (von hebr. katan, klein) im unteren Gesicht zwischen Malchut und Tif’eret mit Jesod als Mittelpunkt (und auch in der höheren und niederen Welt von Assiah; die höhere Erde ist deckungsgleich mit dem unteren Gesicht von Jetzirah) und Gadlut (von hebr. gadol, groß) im oberen Gesicht zwischen Tif’eret und Keter.
Zu Katlut, der kleinen Bewusstseinsstufe, gehören zwei Bewusstseinszustände, das vegetabile, nur auf die Bedürfnisse des (Über)Lebens gerichtete Bewusstsein im unteren Assiah (in dem, nach nicht sehr schmeichelhafter kabbalistischer Meinung, ungefähr neunzig Prozent der Menschen ihr Dasein fristen), und das animale, im Gegensatz zum vegetabilen mit einem Willen ausgestattete Bewusstsein, das im Reich der Könige von Edom (Edom ist, nur anders vokalisiert, Adam; durch die weiteren Bedeutungen rot und Erde sind beide Namen mit den Ideen der Herrschaft, des Ackers, des Blutes und des (sterblichen) Lebens verbunden) in der materiellen Welt im oberen Gesicht von Assiah zu finden ist und für deren Krone dem Kabbalisten weltliche Herrscher ebenso stehen wie Josef als Statthalter des Pharao in Ägypten. Katlut ist die Bewusstseinsstufe, die zwischen dem oberen Gesicht von Assiah und dem unteren Gesicht von Jetzirah liegt, die Stufe zwischen dem natürlichen und dem übernatürlichen Bewusstsein.
Die Basis zum Sprung in die große Bewusstseinsstufe Gadlut ist die Sefira Jesod, das Ego das, im Gegensatz zum Körperwissen in Da’at von Assiah, Anteil hat am unteren Gesicht von Jetzirah und damit einen Weg eröffnet zur Sefira Tif’eret, dem Selbst, in dem Malchut von Beriah liegt, das Tor zum höheren Garten Eden. Es heißt: Wenn der Mensch in Tif’eret ist, ist er sich Gottes bewusst.
Katlut führt also vom Körper-Bewusstsein (Assiah von Jetzirah in Malchut) zum Ego-Bewusstsein (Jetzirah von Jetzirah in der dritten Triade Jesod-Hod-Netzach) und Gadlut über das Ego-Bewusstsein zum Selbst-Bewusstsein (Beriah von Jetzirah in der zweiten Triade Tif’eret-Geburah-Chesed) und zum Gottesbewusstsein oder Erleuchtungsbewusstsein in Atzilut von Jetzirah in der Triade Binah-Chokmah-Keter. Das Gottes- oder Erleuchtungsbewusstsein ist mit der irdischen Existenz in einem Körper nicht mehr vereinbar. Der höchste Punkt, den der inkarnierte Mensch im Baum von Jetzirah erreichen kann, ist Da’at, der Ort des Wissens im höheren Garten Eden, denn hier ist er gleichzeitig in Jesod, dem Fundament von Beriah, der Welt der Schöpfung.
(Um das Körperwissen von Assiah in das Ego-Bewusstsein von Jetzirah umzuwandeln, ebenso wie für die Verwandlung des Selbstbewusstseins ins Erleuchtungsbewusstsein ist die Sefira Jesod unumgänglich. Da sie zur Verhaftung an der Form neigt, einerseits, und Da’at der nächst höheren Welt ist, andererseits, kann sie tatsächlich zum Hindernis auf dem Weg werden. Die Kombination Verhaftung an der Form plus höheres Wissen hat schon manchen zu Fall gebracht – davon, dass Jesod als Da’at auch noch über einem Abgrund, dem Abyssos, liegt, gar nicht zu reden)
4. ASSIAH ODER DER GRUND DES HANDELNS
Der natürliche Mensch aber lebt – wie der aus dem Garten Eden vertriebene Adam - in der Welt von Assiah (von hebr. assah, verfertigen, machen), der Welt der Verfertigung. Hier ist der Mensch, wenn wir den Baum der Reiche der Natur betrachten, tatsächlich die Krone der Schöpfung in Keter von Assiah; in Tif’eret finden wir das Tier-, in Jesod das Pflanzen- und in Malchut das Mineralreich.
Wir können das Schema des Baumes aber auch auf die psychosomatischen Zusammenhänge im Menschen selbst anwenden: dann finden wir die elementare Basis des Körpers in Malchut, das vegetative Nervensystem in Jesod, das zentrale Nervensystem in Tif’eret, das Ego in Da’at – an alle Ego-Verächter: auch das Ego ist Wissen - und das Selbst in Tif’eret.
Auch die Zuordnung der Planeten zu den Sefirot ist möglich: zu Malchut gehört die Erde (Olam ha Jesodot, die Welt der Fundamente) als Sphäre der vier Elemente, zu Jesod (Levanah, die Weiße) der Mond, zu Hod Merkur (Kokab), zu Netzach die Venus (Nogah), zu Tif’eret die Sonne (Schemesch, das Dienerlicht), zu Geburah der Mars (Ma’adim), zu Chesed Jupiter (Tzedek, von Zadik, der Gerechte) und zu Binah Saturn (Schabatai, der über die Einhaltung des Schabat wacht). Der Sefira Chokmah wird in der klassischen Kabbala der Tierkreis (Mazalot) zugeordnet, der Sefira Keter überhaupt kein irdisches Phänomen, sondern die Idee des primum mobile als erster Bewegung; auch das Reschit Hagilgulim, das Prinzip des zyklischen Werdens und Vergehens des Kosmos und der auf das Rad der Wiedergeburt geflochtenen Seele Nefesch des natürlichen Menschen. Diese alten Zuordnungen mussten allerdings überdacht werden, als die drei äußeren Planeten Uranus, Neptun und Pluto entdeckt wurden. Da man sich noch auf kein verbindliches Resultat geeinigt hat, überlassen wir es dem Leser, diesen drei Planeten ihren Platz auf dem Etz Chajim zuzuweisen: der Möglichkeiten sind fast so viele wie Bäume in Assiah.
Den Baum von Assiah gibt es nämlich nicht, es gibt nur ungezählte Möglichkeiten, alle Phänomene der Natur, von kernphysikalischen (E=mc² lässt sich wunderbar den drei Überirdischen im physikalischen Baum zuordnen: E gehört natürlich zu Chokmah auf die Säule der Energie, m zu Binah auf die Säule der Form, und die etwas esoterisch anmutende Größe c² - immerhin das Quadrat einer Geschwindigkeit (!) - zu Keter) über biologische bis hin zu astronomischen, auf den Baum zu legen; in der Tat hat der Etz Chajim in der Welt der Materie seine fraktale Struktur offenbart; aus dem Gott des Anfangs, Ehjeh, Ich Bin, ist in Assiah der deus sive naturae, der „Gott der kleinen Dinge“, wie die indische Schriftstellerin Arundhati Roy es ausdrückt, geworden, der Ehjeh Ascher Ehjeh, der auch als: Ich-werde-da-sein-als-was-ich-da-sein-werde übersetzt werden kann; als was, nicht als wer.
Lebt der Mensch in Assiah also in der Gottesferne? Ja. Werfen wir noch einen Blick auf den Baum von Assiah: Die Mehrheit der Menschen, so sagten wir, lebt eine vegetabile Existenz im unteren Gesicht von Assiah, als Teil eines Ganzen ohne eigene Individualität und erst recht ohne Verbindung zu einer anderen Ebene als der materiellen; so lebt, wer in drei verschiedenen Jobs arbeiten muss und die Zeit zwischen Arbeitsende und Schlaf vor dem Fernseher totschlägt, ohne Ambitionen außer der, vielleicht einmal sein Häuschen abbezahlen zu können. Er hat im Grunde keinen eigenen Willen außer dem, anderen zu gleichen: sein Wille ist der der Masse.
Anders der animale Mensch, der über einen Eigenwillen, Tatkraft, Ausdauer und Zielstrebigkeit verfügt. Er lebt im oberen Gesicht von Assiah, ohne jemals zu bemerken, dass dieses obere Gesicht von Assiah gleichzeitig und am selben Ort, jetzt und hier, auch das untere Gesicht von Jetzirah ist, der niedere Garten Eden. So ist der animale Mensch fast genauso weit von seinem spirituellen Ursprung entfernt wie der vegetabile Mensch, obwohl der animale Mensch fast überall zu den Erfolgreichen (und, wie es sich denn so trifft, zu den Reichen) gehört: in der Wirtschaft, der Kunstszene, dem Literaturbetrieb, den Wissenschaften und, last but not least, als selbsternannter Guru in der Esoterikszene. Selbst wenn der animale Mensch Keter von Assiah erreicht, lebt er, weil ihm nicht bewusst wird, dass es sich bei Keter von Assiah auch um Tif’eret von Jetzirah handelt, ein rein irdisches, in der Materie gefangenes Leben, und seine Seele Nefesch, die Tierseele, wird ihn in den Kreislauf der Wiedergeburten zwingen. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass der natürliche Mensch die Geistseele Ruach und die göttliche Seele Neschamah nicht habe; es bedeutet nur, dass diese Seelen unter den materiellen Hüllen von Guf und Nefesch ein Leben im Exil verbringen, im Exil des Unbewussten nämlich.
Im Exil befindet sich auch die Herrlichkeit Gottes, die Schechinah. In Malchut – oder als Malchut, als Braut Gottes - leistet sie dem natürlichen Adam Gesellschaft, der sie nicht einmal wahrnimmt, und wartet darauf, dass er den Aufstieg beginnt in das Land Israel, wie der Garten Eden in der Kabbala auch genannt wird, denn die Schechinah, die untere Mutter, kann erst dann heimkehren, wenn ganz Israel heimgekehrt ist – wenn die ganze Menschheit im wahrsten Sinne des Wortes zu sich Selbst gekommen ist.
Nach menschlichen (Zeit-)Maßstäben ist die Lage also ziemlich hoffnungslos. Im Exil herrschen Tod, Gewalt, Krieg, Umweltzerstörung und Krankheit. Das kann nicht das Ziel der Selbstverwirklichung Gottes gewesen sein. (Natürlich war es auch nicht sein Ziel, dass der Mensch seinem in Jesod von Jetzirah beheimateten Ego-Willen folgt; das war nur eine Option, für den Menschen und für Gott. Ohne diesen egozentrischen Eigenwillen – wie hätte sich das Geschöpf vom Schöpfer trennen können? Und ohne diese Trennung – wie hätte Gott jemals außer sich geraten können?)
Das Ziel der Selbstentwicklung Gottes war es, so könnten wir vermuten, Mensch zu werden. Nicht ein bestimmter Mensch, sondern jeder Mensch. In jedem Menschen wohnt ein Funke des Urlichts als Ziw, jenes Licht (Paul Celan) und dieses Licht in den Menschen erlaubt es Gott, hier zu sein und nicht da – denn jede Erfahrung, die ein in Assiah oder Jetzirah hier in der Welt lebendes Geschöpf macht, ist eine (neue) Erfahrung Gottes, aber nur der Mensch, der in der und für die Welt von Assiah die mittlere Säule des Bewusstseins verkörpert, kann sie zur Sprache bringen. Die Schöpfung Gottes ist ein erkenntnisgewinnender Prozess. Das Ziel Gottes war die Zerstreuung des Urlichts. Die Sefirot werden auch Otiot, Lichter, genannt, aber niemand hindert uns daran, sie uns als Prismen vorzustellen: durch vierzig Prismen in vier Welten wurde das Licht zerstreut, bis es sich in der untersten Sefira, Malchut von Assiah, wieder sammelte. Jeder von uns trägt ein Stück dieser Sammlung mit sich herum. Niemand (außer uns selbst, wie gewöhnlich) hindert uns daran, es zu seinem Ursprung zurückzubringen. Gott ist alle Menschen geworden. Gut. Machen wir uns auf den Rückweg. Werden wir ein Gott.
Literatur:
Das Buch Jezira, Jüdische Quellen, Akademie-Verlag Berlin, 1993
Der Sohar, Das heilige Buch der Kabbala, Diederichs Gelbe Reihe,1986
Die fünf Bücher der Weisung, Verdeutscht von Martin Buber und Franz Rosenzweig, Verlag Lambert Schneider, Heidelberg, 1976
Der Weg der Kabbala, Z’ev ben Shimon Halevi, Knaur 1993
Die Kabbala als jüdisch-christlicher Einweihungsweg Bd.2, Heinrich Elijah Benedikt, Bauer, 1995
Die mystische Kabbala, Dion Fortune, Bauer, 1990
Anmerkung zu den Illustrationen: In diesem Artikel wurde der Sefirot-Baum nach Isaak Luria verwendet. Er unterscheidet sich von der gebräuchlicheren Version dadurch, dass es keine Pfade gibt, die einen Umweg um Jesod erlauben. Da dieser Umweg tatsächlich nicht möglich ist (kleiner Tipp: Jesod liegt auf der Säule des Bewusstseins) ziehe ich die lurianische Form der christlichen vor – und schließe mich damit Benedikt an.
Zeit? Bloß so Zeit? Nein, mein Guter, das ist keine Teufelsware. Dafür verdienen wir nicht den Preis, dass das Ende uns gehöre. Was für ’ne Sorte Zeit, darauf kommts an!
(Thomas Mann, Doktor Faustus)
ZEIT? BLOSS SO ZEIT?
Kurze Polemik gegen den Missbrauch der modernen Physik
Bloß so Zeit? Nein, natürlich nicht. Mit „Zeit, bloß so Zeit“, vor allem der Zeit nach Newton’scher Manier, die sich geradlinig durch einen unerbittlich dreidimensionalen Raum bewegte, geben wir uns schon längst nicht mehr zufrieden. Überhaupt Newton! Steht er uns nicht für ein hoffnungslos mechanistisches Weltbild, mit unabänderlich festgelegten Bewegungsabläufen, für eine vertrackte Vorstellbarkeit der Enge des Raumes und der Zeit, für unzeitgemäße Unflexibilität, erscheint unseren flinken Mäuseaugen Newtons Universum nicht wie ein massiver Käse ohne Schlupflöcher?
Das sieht nach Einstein, sagen wir und nicken uns getröstet zu, doch ganz anders aus. Die Schlupflöcher sind zahlreich und haben sogar einen Namen, Wurmlöcher heißen sie und wir, die Schiffsratten der Enterprise, sind bestens darüber informiert, dass es sich dabei um Expressrouten von einem Universum ins andere – und zum Glück auch immer wieder zurück – handelt. Mitleidig erinnern wir uns an die Altvorderen, die sich mit nur einem Universum zufrieden geben mussten, denn wir mögen die Endlichkeit nicht, empfinden sie als Zumutung, es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn murmeln wir auf nächtlicher Straße vor uns hin, richten den Blick zum gestirnten Himmel über uns und wissen: ein Blinzeln zu den Sternen ist ein Blinzeln in die Vergangenheit des Universums, die Spur aller Sterne, die wir sehen, ist nicht in Äonen untergegangen, fällt nach Millionen oder Milliarden von Lichtjahren (jedenfalls nach sehr langer Zeit) in unsere Augen, und obwohl viele der Sterne, die es aussandten, vielleicht gar nicht mehr dauern, verdanken sie dem Verständnis der modernen Physik doch eine Art ewiger Existenz. Und muss nicht, was für die Sterne gilt, auch für uns gelten? Sind wir nicht, je nachdem, von welchem fernen Stern in welcher fernen Galaxis aus uns jemand beobachtet, sichtbar von nun an bis in alle Ewigkeit – oder wenigstens bis ans Ende des Universums?
Verzeihung, was heißt hier überhaupt „Ende des Universums“? Erstens gibt es ja, zumindest in der Theorie, nicht nur eines – wer weiß, in wie vielen Paralleluniversen wir ein vervielfältigtes Dortsein führen? – sondern es kann auch von einem altmodischen „Ende“ keine Rede sein; das Universum, haben wir irgendwo gelesen, explodiert und implodiert und explodiert, und ein Ende ist nicht nur nicht abzusehen, sondern es gibt gar keines; kein schwarzes Loch, dem der Kosmos nicht schließlich wieder entkommt.
Nur flüchtig geht uns der Gedanke durch den Kopf, dass ein mögliches Ende des Universums ob seines Stattfindens in postanthropischer Zukunft uns nicht weiter zu beunruhigen bräuchte; allen potenziellen Vergänglichkeiten zum Trotz jedoch tröstet uns der Gedanke, dass uns die Welt, wie wir sie kennen, die Option zu ewigem Fortleben, wenigstens im Prinzip, zu bieten scheint; wir brauchen keine außerweltlichen, numinosen, okkulten, beängstigenden Perspektiven mehr zu bemühen, alles, von unserem höchstpersönlichen und endgültigen Verschwinden abgesehen, scheint möglich in diesem unserem Kosmos, und alles irgendwie jetzt und irgendwie hier.
Und wie gut, seufzen wir erleichtert auf und schalten den Fernseher ab nach der Alpha-Centauri-Sendung, dass wir in der Post-Newton-Ära jeder unser eigenes Jetzt und unser eigenes Hier zu gefälliger Verfügung bekommen haben! Es soll sich nur niemand unterstehen, zu glauben, er wisse etwas über unseren Raum und unsere Zeit! Non datur. Mit dem Beweis sind wir schnell bei der Hand: Erstens, so belehren wir den antiindividualistischen Fünfjahresplaner im Internetforum, gibt es Zeit und Raum nur im Doppelpack, als Raumzeit nämlich, und zweitens ist diese abhängig sowohl vom Standort als auch von der Geschwindigkeit des Beobachters: Eine gegenüber einem System bewegte Uhr geht gegenüber dessen Uhren, an denen sie vorbeizieht, langsamer, zitieren wir Einstein und klären diesen Netz-Hinterwäldler darüber auf, dass wir als biologische Entität ja nun wirklich und wahrhaftig – nämlich theoretisch genau genommen - nichts anderes sind als bewegte Systeme. Also, tippen wir abschließend und nicht ohne Triumph in den Fingerspitzen, ist die neue Raumzeit etwas dezidiert Individuelles und wir für unseren Teil sind froh, dass wir die kollektiven Räume und Zeiten der Prä-Einsteinzeit ein für allemal verlassen haben.
Will der Kerl uns etwa festnageln? No way, postwenden wir und funken ihm als missing link die Heisenberg’sche Unschärferelation unter die Nase: überhaupt und besonders quantenphysikalisch gesehen, mein Lieber, kannst du nicht nur nichts über meine Zeit und meinen Raum wissen, sondern auch nicht, ob ich es bin zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort, nicht wahr, denn entweder, sagt Heisenberg, man kennt den Ort eines Systems oder seinen Zustand, aber niemals beides zugleich. Was? Ja, eines Elektrons. Na und? Ein Elektron ist doch auch eine Art System, oder?
Nein, für uns physikalisch Aufgeklärte sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nichts als hartnäckige Illusion, wir sind weder der Zeit unterworfen, noch dem Raum, noch dieser öden Idee einer bestimmten Existenz an einem bestimmten Ort. Wir nennen unsere Hauskatze selbstverständlich Schrödinger, und wir haben jeden Abend, wenn Schrödinger in seiner Katzenkiste zu Bett geht die Gelegenheit festzustellen, dass Schrödinger, in seiner Kiste verharrend, in einem Zustand zwischen tot und lebendig schwebt. Beweisen allerdings können wir das nur, indem wir nicht nachschauen, denn wenn wir jetzt die Klappe öffnen und in den Kasten sehen, dann beeinflussen wir das System dahingehend, dass es seinen Schwebezustand verlässt und sich entweder als tot oder als lebendig und hungrig herausstellt.
Wir belassen es also bei der Telepathie, zumal ja auch die Magie neuerdings physikalisch bewiesen ist. Wir kramen, die Augen fest auf den paradoxen Zustand Schrödingers-in-der-Kiste gerichtet, in unserem Gedächtnis nach dem Namen jenes anderen Paradoxons, das beweist, dass zwei aus dem selben Molekül entfernte Elektronen auch über größte Entfernung miteinander kommunizieren, indem sie in ungetrennter astraler Verbindung im Gleichschritt weitertanzen und ihren gemeinsamen Spin beibehalten, ihren Drehimpuls also, und mit dem, und jetzt fällt es uns endlich ein, dem Einstein-Podolsky-Rosen-Paradox kann man jedem Zweifler an Magie und Synchronizität den Mund stopfen, denn schließlich handelt es sich bei den Antworten der zeitgenössischen Teilchenphysik nicht um irgendwelche Dogmen und Glaubenssätze, nicht wahr, sondern um experimentell überprüfbare wissenschaftliche Theorien, ach was, um Fakten.
Und erklärt uns die Physik die Welt in Zeit und Raum nicht viel überzeugender als die alten Religionen? Hebt sie nicht die Beschränkungen des Raumes, der Zeit und der Moral auf, in denen wir zu leben glaubten? Und dabei beweist sie uns die Nichtexistenz dieser Beschränkungen! Nichts müssen wir unbewiesen hinnehmen. Wir brauchen nur noch zu glauben, was wir nicht sehen, weil es einfach zu klein ist. Das physikalische Universum ist begrenzt, denken wir, und fühlen uns geborgen als wir endlich ins Bett gehen. Aber es ist auch unendlich, das Universum. Dies bedenkend, knipsen wir die Nachttischlampe aus und fühlen uns so ganz de profundis als freie Quantensingularität, die wir in diesem Moment des Dämmerschlafs nur noch verschwommen als etwas sehr Einzigartiges begreifen, als Mittel- und Ursprungspunkt einer Galaxie in einer flexiblen Raumzeit, in der für jeden die Uhren anders ticken, in denen uns im Makrokosmischen alle Wurmlöcher offen stehen und in der wir im Mikrokosmischen unscharfe Relationen eingehen. Reinkarnation? Kein Problem, denken wir und werfen ein müdes Auge auf den Kater Schrödinger, der gerade seine Kiste verlässt. In einem geschlossenen System geht nichts verloren, gar nichts, den Gesetzen der Thermodynamik sei Dank. Falls wir einmal sterben sollten, werden wir auf die eine oder andere Art und Weise wiederkehren, so viel ist sicher, in einer von ungefähr siebenundzwanzig Dimensionen – oder waren es neunundzwanzig?
Und, beim Chaos! vielleicht sterben wir zufällig gar nicht erst, denken wir noch im Einschlafen, aber daran, dass wir als Geschöpfe des Mesokosmos von den Bedingungen der astronomisch-makrokosmischen Dimensionen ebenso weit entfernt sind wie von denen der mikrokosmisch-subatomaren, denken wir nicht einmal im Traum – oder höchstens in jenem immer wiederkehrenden Alptraum, in dem wir uns in einem Zimmer mit schier unendlich vielen Sanduhren befinden, nur ums Verrecken aufzuhaltenden biologischen Uhren, die auf Tag, Monat und Jahr verweisende Namen tragen: Ultradianer Rhythmus und Zirkadianer Rhythmus lesen wir und neben dem zirkalunaren werkelt der zirkannuale prähistorische Zeitgeber, und sie alle betreffen uns, auf Sein oder Nichtsein, da sind wir ganz sicher im Traum, als der begrenzte Zeit-Raum mit den tickenden Lebensuhren sich als eine unserer Körperzellen entpuppt, in der uns ein Phantom entgegentritt, uns knochig-bekannt aus barocken Memento-Mori-Darstellungen, und sich vorstellt als Hayflick-Phänomen, angenehm, meine Aufgabe ist es, Ihre Lebenszeit zu beenden, denn eine andere als die lebendige Zeit gibt es für Sie als Leib-Seele-Entität einer Biosphäre nicht, oder ist es Ihnen lieber, wenn ich von einer Geist-Leib-Entität…? Nun, ändern wird es ohnehin nichts, tut mir Leid. Aber Sie haben lange genug gelebt, das müssen Sie zugeben, und schließlich ist Lebenszeit nicht einfach bloß so Zeit. Sie verstehen?
Empfohlene Literatur:
Ditfurth, Hoimar v., So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen, Rasch und Röhrig, Hamburg, Zürich 1985
Hawking, Stephen W., Eine kurze Geschichte der Zeit, Rowohlt, Hamburg 1988
Reinke, Otfried (Hg.), Ewigkeit? Klärungsversuche aus Natur- und Geisteswissenschaften, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2004
Spork, Peter, Das Uhrwerk der Natur, Chronobiologie – Leben mit der Zeit, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg, 2004