Donnerstag, 12. November 2009

Die Zeit der Reise

Eine gegenüber einem System bewegte Uhr geht gegenüber dessen Uhren, an denen sie vorbeizieht, langsamer.

(Einstein, Spez. Relativitätstheorie)




Die Zeit der Reise

Als die Gestalten von Mann und Sohn - beide winkend - endlich immer kleiner wurden: als sie schließlich, kaum mehr erkennbar, zu existieren aufhörten in ihrem Raum und ihrer Zeit: als sie endlich das Winken aufgeben konnte mit dem erleichternden Gefühl, nicht mehr lügen zu müssen: als sie also das Fenster schloss und sich - zumal allein im Abteil - auf brüchigrotem Kunstleder; hinter staubbetropfter Fensterscheibe beinah geborgen fühlte: da plötzlich empfand sie die Veränderung, die sie zu dieser Reise genötigt hatte, als weniger bedrohlich, weniger nah und vielleicht schon: weniger endgültig.

Es war ungewöhnlich gewesen, auf der Strecke B. - O. (Abfahrt des Zuges: 16.34, Gleis 4) einen alten Abteilzug zu finden, und ein leeres Abteil, um diese Zeit; aber wie gewöhnlich saß sie auf einem linken Fensterplatz (Fahrtrichtung); wie gewöhnlich auch hatte sie sich - Schutz suchend? möglicher Nähe vorbeugend? - gleichsam verkrochen hinter: Rucksack, schwarz, geräumig, auf dem Sitz daneben, Parka (mit Kunstpelzfutter, etwas schäbig, aber immerhin: warm) auf dem Sitz gegenüber.

Sie kramte in ihrem Rucksack nach: Tabak, Filterschachtel, Blättchen, Drehmaschine, Feuerzeug, Fahrkarte, legte die Karte (teuer, nicht vorbestellt) griffbereit auf die Ablage unter dem Fenster, klappte die kleine Tischplatte herunter, drehte sich eine Zigarette, zündete sie an und bemerkte dabei - eher beiläufig - dass ihre Hände nicht mehr zitterten und: sie hatte keine Angst.

Erst jetzt - innehaltend - fiel ihr auf, dass sie [i]seitdem[/i] oder genauer: seit sie Ärger, Zorn, Wut als unangemessen verdrängt, nur noch eines empfunden hatte: ausweglose Angst. Panik. Sagen: Sie haben sich verwählt. Auflegen. Sagen: Was geht mich das an, ich bin nicht, für die Sie mich halten. Sagen: Das ist ausgeschlossen, das ist ein Irrtum, das wird sich aufklären. Weglaufen. Tot stellen. Nicht-mehr-da-sein. Und: Ich will nicht. Ich kann nicht. Gebt mir mehr Zeit: Haltet mir die Zeit vom Leib!

Aber jetzt: dreieinhalb Stunden Fahrt (- fahrplanmäßige Ankunft des Zuges: 19.04 - ) das hieß: dreieinhalb Stunden Zeitlosigkeit; das hieß: dreieinhalb Stunden stehengebliebene Zeit; das hieß: dreieinhalb Stunden, in denen alles so sein würde, wie es sonst nicht mehr war und nie mehr sein wird: wie immer.

Dreieinhalb Stunden: wie immer. Dreieinhalb Stunden: ohne Zeit und ohne Angst.

So, rauchend, zurückgelehnt, genoss sie dies beruhigende (-valiumzehnstabilisierte - ) Gefühl, nicht denken zu müssen; beobachtete also - oder besser: nahm wahr - bald diesen, bald jenen Teil ihres Asyls: schmuddeligbraune, von Metallhaken zurückgehaltene Vorhänge; Großformataschenbecher unterm Fenster - natürlich wiedermal vollgestopft mit Apfelsinenschalen-Papiertaschentüchern-Kekspackungen; holzgerahmter Minispiegel zwischen mattroter Lehne und silbrigem Gepäckgitter - letzteres praktisch, ersterer sicher nicht, denn man konnte sein Gesicht in ihm sozusagen nur ratenweise betrachten und auch das nur unter den merkwürdigsten Verrenkungen -; daneben: ebenfalls holzgerahmtes, ansichtspostkartenschönes Landschaftsbildchen (- Besuchen Sie den Schwarzwald. Die Bahn bringt Sie hin. DB -); plus muffiggrauer Fussboden plus goldfarbengitterförmiges Entlüftungsrechteck (Bedienung: mühsam) in der Tür plus klemmende Aschenbecherschublädchen in Sitzlehnen, klein bis zur Unbrauchbarkeit plus trübfenstrig gefilterte Sonnenstrahlen: Puzzlespielteile, Collageschnipsel. Und doch: selbst die absurd konstruierende Einfallslosigkeit eines Picasso, selbst das zufälligste Zusammenwehen der Teile und Schnipsel hätte nie etwas Anderes hervorbringen können als eben: den Eindruck eines Eisenbahnabteils. Der Gedanke erschien ihr angenehm. Phantasieresistente Realität. Verlässlichkeit des Vorhersehbaren. Geschützt vor der Bösartigkeit unüberschaubarer Veränderungen: unverwundbar in der Freiheit der Unfreiheit. -

Bis jetzt hatte sie es vermieden, aus dem Fenster zu sehen.

Sie wusste ohnedies, dass auch ein Blick nach draußen ihr nur ein weiteres Mal bestätigen (- sie zwang sich, das bisher geflissentlich gemiedene Wort sogar halblaut aussprechend, zu einer gedanklichen Korrektur -) nein: vorgaukeln müsste, dass eben doch alles sei: wie immer. Realität, durch die man nur hindurchfährt, verändert sich nicht. Sekunde für Sekunde ein anderes Bild: das ist nicht Veränderung, das ist: Diaserienlangeweile. Film-Kino-Fernseh- Perspektive des Reisenden: zu viele Einzel-Teile verhindern Teilnahme, Anteilnahme. Eine Welt, die man zukeinerzeitankeinemort wirklich trifft, macht nicht betroffen - und bestenfalls registriert man: Geschehnisse, Ereignisse; Veränderungen, die einen eben am Ende unverändert zurücklassen. Anziehende Unverbindlichkeit einer Irr-Realität:

Nicht hinauslehnen. Do not lean out. Ne pas se pencher au dehors. E pericoloso sporgersi!




Sie schob sich in die Ecke, passte sich ihr an, klemmte den Kopf zwischen die Rückenlehne und das rote Ohrensesselohr des Sitzes: Sitz gerade!
Sei ruhig, sagte jemand in ihrem Kopf. Sei endlich ruhig. Du bist ja tot.
Tot? dachte sie. Wenn es so wäre, sollte ich mich darüber freuen. Aber ich traue dir nicht, hörst du? Das habe ich nie getan, und du wirst zugeben müssen, dass ich meine Gründe hatte. Oder meine Gründe habe? Einstweilen behalte ich lieber die Tür im Auge.
"Waren Sie das?" War ich das? Ja. Mea culpa. Sie bückte sich, hob den Zigarettenstummel auf, warf ihn in den Aschenbecher unterm Fenster, fuhr mit der Stiefelsohle über die Brandspur im Teppichbelag. War sie rot geworden? Sie war ziemlich sicher, dass sie rot geworden war. Tretet nicht auf die Teppichkanten, sonst nutzen sie sich zu schnell ab. Bring die Fransen nicht durcheinander. Kannst du denn nicht aufpassen?
"Ihren Fahrausweis, bitte!" Fahrausweis! Sie versteckte ihr Lachen hinter einem Lächeln, gab ihm ihre Fahrkarte, und auf einmal wurde sein Schaffnergesicht freundlich, nach O., sagte der runde Schaffnermund begeistert und wurde noch runder, da wohne ich, fahren Sie nach Hause?
Nach Hause? Sie versuchte, nachzudenken. Man konnte ja nicht einfach jemanden anlügen, auch einen Schaffner nicht, es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen, lüg mich nicht an, ich weiß sowieso, was du denkst. Ja, aber ich nicht, dachte sie. Wo bin ich denn zu Hause? In B. oder in O.? Ich müsste doch sicher bei dir zu Hause sein, oder? Andererseits...Sie dachte an den Mann und den Sohn, während sie den Schaffner ansah, der mit geduldig schiefgelegtem Kopf auf Antwort immer noch wartete, nein, nein, nicht nach Hause, glaube ich. "Nein“, sagte sie. Es war schließlich nicht ihre Schuld. Sie hatte eine Familie. Das musste man bedenken.
"Zu Besuch?" Mit einer kleinen, freundlichen Geste reichte er ihr die Karte. Als sie sie nahm, berührten sich ihre Hände. Er wusste natürlich von nichts, konnte von nichts wissen, er ging von Abteil zu Abteil, kontrollierte die Fahrkarten, wahrscheinlich war er immer freundlich, sogar, wenn jemand Löcher in den Teppich brannte, wahrscheinlich kannte er das, alles Routine, alles wie immer. Alles wie immer.
"Besuch?" fragte sie, sich und ihn, merkte beim Sprechen, dass das Wort sich richtig anfühlte zwischen Zunge und Gaumen: genau wie etwas Rundes, Makelloses, von dessen Süße man gar nichts gewusst hat, bevor es einem in den Mund geschoben wurde. Sie nickte: Ja, zu Besuch.



Mund auf! Augen zu! hörte sie die Stimme irgendwo in ihrem Kopf, fast gleichzeitig mit der des Schaffners; mit geschlossenen Augen sah sie, wie die Stimmen sich aufeinander zu bewegten, leuchtend, sinuswellenartig, wie sie sich übereinander schoben, gleich werden sie sich auslöschen, nein, sie gleiten weiter in die Synchronizität, in blendende Unüberhörbarkeit.
Der Impuls, sich die Ohren zuzuhalten, schien von ihren Handflächen auszugehen, eine unsinnige Geste, die sie gerade noch verhindern konnte.
"Entschuldigung?"
Der Schaffner setzte sich auf den türnahen Sitz, wie ein Wächter, stützte die Unterarme auf die Oberschenkel, ließ die Hände fallen und sah sie, mit immer noch schiefgelegtem Kopf, besorgt an.
"Wie lange Sie bleiben wollen. Geht es Ihnen nicht gut?"

Bleiben? Gehen? Sie wünschte, der da würde gehen.
So ein netter Mann, sagte die Stimme in ihrem Kopf, du könntest wenigstens so höflich sein, ihm zu antworten, wenn du schon nicht freundlich sein willst, was er natürlich verdient hätte. Also?
Sie seufzte, sagte, sie wisse es nicht, vielleicht drei Tage nur, wenn sie Glück hätte, vielleicht eine Woche, keinesfalls länger.
"Wen besuchen Sie denn?"

Offensichtlich saß sie in der Falle, denn sie hatte keine Ahnung, wie sie aus diesem Gespräch herauskommen könnte, ohne die Gefühle zu verletzten, die er doch möglicherweise haben musste? Als sie ihn ansah, konnte sie nicht herausfinden, ob sie die Unterhaltung beenden durfte - durch Schweigen oder durch einen Satz, der ihr sicher noch einfallen würde. Oder ob sie sie überhaupt beenden wollte.
"Meine Mutter", antwortete sie also.
Lüg mich nicht an. Wenn ich irgendwas nicht vertragen kann, dann, dass du mich anlügst.
Aber sie hatte nicht das Gefühl, dass sie log. Man wird mir erlauben, meine Mutter zu sehen, wenn ich es will, hätte sie vielleicht sagen sollen. Vielleicht muss ich sie auch sehen, obwohl ich es vielleicht gar nicht will. Warum bloß habe ich meinem Bruder nicht Bescheid gesagt?
Weil der Anruf nicht für dich war? Weil es ein Irrtum war? Eine falsche Verbindung? Weil es überhaupt keinen Anruf gegeben hat?
Die Stimme klang hoffnungsvoll, und der freundliche Schaffner nickte.
„Also sind Sie auch aus O?“

Was sollte die Frage? Nichts, nichts war: wie immer. Noch nie hatte ein Schaffner sie derart ausgefragt. Der schafft mich noch, dachte sie. Schaff mich doch, schaff mich doch, schaff mich doch, antworteten die Pleuelstangen und die Räder des Zuges auf den Gleisen, rollten hörbar über Schienennähte und Schwellen: schaffmichdochschaffmichdochschaffmichdoch.

Aus O.? Nein, sie kannte O. überhaupt nicht. Damals.Es war heiß, es war Sommer, und draußen zwischen Fensterglas und blauem Himmel flog in hastigen Stößen der rußige Atem der großen Dampflokomotive vorbei: haschmichdochhaschmichdochhaschmichdoch. Sie hatte ihre Nase an die Fensterscheibe gepresst, die Landschaft war flach wie die See, auf die sie zueilte, die Bäume hielten ihre Gesichter dem Wind entgegen, in dem ihr Kraushaar landeinwärts zu fliegen schien, getrieben von den Wellen des fernen Meeres, und am Horizont entdeckte sie einen einzigen, festen Punkt, um den gelbe und grüne Wiesen mit schwarzweißen Kuhpunkten darauf in irrem Lauf zu kreisen schienen, sie konnte das Karussell in ihrem Bauch fühlen, und wie sich ihr eigenes Erstaunen ausdehnte, als sie rief: Ich kann sehen, wie die Erde sich dreht! Ich kann sehen, wie die Erde sich dreht!
Sie hörte sie lachen, Vater, Mutter und Bruder, und dann lauschte sie den dünner werdenden Worten ihrer Mutter, die ihr zu erklären versuchte, was das war: eine optische Täuschung: es ist nicht alles so, wie es zu sein scheint. Es ist nicht alles wahr, was man sieht. Haschmichdochhaschmichdochhaschmichdoch. Schaffmichdochschaffmichdochschaffmichdoch. Ob er das auch hörte? Aber die Ecke, in der der Schaffner gesessen hatte, war leer und der Zug stand in einem Bahnhof.


Die Erde hatte aufgehört, sich zu drehen.
Beinahe hätte sie es vergessen.
Sie stand auf, zog das Fenster herunter und fröstelte. Von Sommer keine Spur, und auch nicht von Seenähe: dies war Hannover Hauptbahnhof, Gleis 11, 16 Uhr 52; Weiterfahrt des Zuges 17 Uhr 5. Sie konnte doch unmöglich schon eine dreiviertel Stunde unterwegs sein? Sie rechnete nach: dreieinhalb Stunden minus, na, sagen wir: fünfundvierzig Minuten - in zweidreiviertel Stunden würde sie in O. aussteigen müssen.
Das Ergebnis überraschte sie. Ganze zwei Stunden und noch mindestens fünfundvierzig Minuten als Zugabe. Das war eine Menge Zeit. Genug Zeit, um alle Probleme der Welt zu lösen. Zum Beispiel das Problem unerwünscht zusteigender Fahrgäste: sie schob die schwarze Parka vom Fenstersitz auf den mittleren, warf den schwarzen Rucksack auf den türnächsten Platz und öffnete ihn; dekorierte eine silberne Thermoskanne, ein Buch mit einem grellroten Schutzumschlag, eine pinkbunte Tüte mit Joghurtgums, eine Tageszeitung und ein Stullenpaket auf den Nebensitzen, ließ sich auf den eigenen fallen, legte die Stiefelbeine nach Cowboyart auf die saubere Sitzfläche gegenüber und drehte sich, ohne viel Rücksicht auf rieselnden Tabak zu nehmen, die zweite Zigarette.

Auf jedem Bahnhof, besonders auf einem so großen Bahnhof, war es wichtig, die Tür nicht nur einfach im Auge zu behalten, sondern ihr einen Platz im äußersten Augenwinkel zu sichern, während man zur selben Zeit den Eindruck erweckte, sich einer Beschäftigung hinzugeben, bei der man unter keinen Umständen gestört werden wollte. Augenkontakt schien Waggonpassanten zu ermutigen, nach einem freien Platz zu fragen, und gerade noch rechtzeitig fiel ihr ein, das Fenster wieder zu schließen: Zigarettenrauch in kleinen, schlecht belüfteten Abteilen hielt die Platzjäger so sicher fern wie einen Schwarm grüner Mücken. Und dann waren da noch die verstreuten Gegenstände, die entweder einen sehr raum- und besitzergreifenden Reisenden oder aber vorübergehend abwesende Mitreisende vortäuschen sollten. Und dann war da noch sie, die schwarzgekleidete Fremde mit dem abweisenden Blick. Sie stellte sich den Anblick des Abteils, vom Gang aus gesehen, abschreckend genug vor, dachte sich hinaus als Mitreisende, als flüchtiges Gehplatzpublikum vor ihre Guckkastenbühne und fand ihre Vorstellung gelungen.
Sie nahm das Buch in die Hand und starrte auf den Schutzumschlag. Die Botschaft der Szene sollte jetzt so deutlich sein wie ein Aushängeschild: Ich bin eine egoistische, rücksichtslose und unmanierliche Person. Vielleicht sogar ungezogen. Spielt lieber nicht mit den Schmuddelkindern!

Überhaupt war alles ganz einfach. Wenn das hier erledigt wäre, wenn erst der Zug weiterführe, würde sie sich um die Einzelheiten der Beerdigung kümmern. Wovor hatte sie eigentlich Angst gehabt? Betrübt pustete sie ein wenig Asche von ihrem schwarzen Pulloverärmel und den schwarzen Jeans. Als vor zwanzig Jahren ihr Vater starb, hatte sie mit Trauerkleidung noch für Aufregung sorgen können, und in ihrer Aufregung hatten Freunde, Lehrer, Mitschüler, sogar Verwandte, für sie gesorgt, und die Rolle der siebzehnjährigen vaterlosen Halbwaisen war ihr wie auf den Leib geschrieben gewesen. (Sie erinnerte sich, besonders viel spazierengegangen zu sein, um Leuten, die sie kannten, Gelegenheit zu geben, sie anzusprechen.) Leider hatten sich die gesellschaftlichen Konventionen mit der Zeit geändert, und so war dieser besondere Bestandteil ihrer Inszenierung jetzt so gut wie unsichtbar. Nun, es war ohnehin niemand da, zum Glück. Sie legte den roten Band zurück auf den menschenleeren Nachbarsitz, nahm ein schwarzes Notizbuch und einen Kugelschreiber aus dem Rucksack, füllte den Becher der Thermoskanne mit Kaffee, klappte das Notizbuch auf, klickte die Mine aus der Kulispitze und beschloss, den Tatsachen ins Auge zu sehen.

Bitte zurückbleiben! Die Türen schließen selbsttätig. Vorsicht bei der Abfahrt des Zuges!

Im Licht der späten Oktobersonne sah die Zugfensterscheibe aus, als bestünde sie aus einer hauchdünnen Schicht panierten Regens.
Das schien nur dazu zu führen, dass die Sonne besonders sichtbar blendete. Sie blinzelte und sah auf den Kalender.
Sechzehnter Oktober, stand da, Donnerstag, und in der bemühten Filzstiftschrift eines Erstklässlers: OMAS GEBURTSTAG.

Montag, 9. November 2009

Die Mirjam - Fragmente

Die Mirjam - Fragmente



Mein Bett stand neben der Tür zum Schlafzimmer meiner Eltern. Wenn meine Mutter eingeschlafen war, legte sich mein Vater zu mir. Es gefiel mir nicht, dass er betrunken war wie Noach. Aber es gefiel mir, was er tat. Mein Vater war Gott.
Als mein Vater sah, dass ich schwanger war, gab er mich dem Josef zur Frau. Dem sagte ich, der Vater des Kindes sei Gott.
Ich war nur zwölf Jahre älter als Jeschua, und als er alt genug war, legte ich mich in sein Bett.
Aber er liebte die Frauen nicht.
Doch sein Halbbruder Jehudah erkannte mich; und ich lag bei einem Sohn Gottes, und wir zeugten Kinder. Die gebar ich in Josefs Schoss, und er nahm sie und fragte nicht und war froh, dass er die Schande seiner Impotenz so leicht verbergen konnte.
So wurde der alte Mann ein angesehener Mann, aber Jehudah liebte auch Jeschua wie einen Bruder.


Es ist fast sicher, dass er wusste, dass Josef nicht sein Vater war, und möglich, dass er wusste, es war Kajafa. Offiziell zog er es vor, an die Gott-Geschichte zu glauben, aber sein Zorn und sein wachsender Ärger waren mir nur allzu offensichtlich.
Schließlich war die Wasser-Wein-Symbolik in diesem entsetzlich überflüssigen Hokuspokus auf seiner Hochzeitsfeier leicht zu durchschauen, und er hat sich mir gegenüber sehr ungezogen benommen; noch expliziter wurde er bei einer seiner öffentlichen Reden, die er liebte, weil sie ihm erlaubten, allen Leuten alles über sich zu sagen, ohne dass es jemand merkte.
Während einer dieser Reden also schrie er die Fragen, die ihn sein ganzes Leben lang beschäftigt hatten, einfach und wütend heraus: Wer ist mein Vater, wer ist meine Mutter, wer sind meine Brüder und Schwestern.
Es war ein unglaublicher Mangel an Disziplin, nur erklärbar durch seinen grenzenlosen Egoismus, und ich befürchtete, er werde einen Skandal heraufbeschwören. Meine anderen Kinder sahen, dass ich rot wurde wie ein Granatapfel, und natürlich verließ ich mit ihnen die Versammlung so schnell wie möglich.
Wie konnte er mir das antun! Er war kein guter Mensch, und ich bin sicher, irgendwann wird man das erkennen. An seinen Früchten, wie er selber sagte.




Jetzt sitzt er mit diesen dummen Jungs zusammen, obwohl sie natürlich alle längst Männer sind, diesen Arbeitslosen, diesen Faulpelzen, Drückebergern, Verrückten, Tagedieben und ruhmsüchtigen Besserwissern - ich lebe ständig in der Angst, selbst das könnte noch zu wenig gesagt sein und sie wären, überraschen würde es mich nicht, Kriminelle - und nur, weil sein Halbbruder Jehudah dabei ist, und der sich, was ich lächerlich und peinlich finde, neuerdings Isch Karioth nennt - Mann des Dolches.

Es würde mich interessieren, ob er weiß, wer sein Vater ist. Ich werde Kajafa fragen.





Pessach ist vorbei. Ich habe Kajafa besucht, und er hat mich auf seinen Schoß gezogen, als wäre ich noch sein kleines Mädchen. Ich habe es gerne, wenn ich seine Liebe unter mir wachsen fühlen kann. Worte sagen mir nichts.

Ich habe ihn gefragt, ob Jehudah weiß, wer sein Vater ist. Er hat nur den Kopf geschüttelt. Da habe ich ihn gefragt, ob es außer mir noch jemand weiß, und da Jehudahs Mutter tot ist, hat er wieder mit dem Kopf geschüttelt.
Er redet überhaupt nicht gerne mit Frauen.

Dann hat er sich nach Jeschua erkundigt, und ich habe ihm erzählt, er ist ein Rabbi geworden und hat, glaube ich, zehn oder zwölf Talmidim. Ein Rabbi, hat er gesagt, und Talmidim, so. Weiß er, dass er ein Kohen ist, ein Priester?
Ich schüttelte den Kopf.

Nein, sagte er und lächelte ein bisschen, nein, natürlich nicht. Du hast ihm ja erzählt, er sei ein Sohn Gottes, war's nicht so? Und das glaubt er jetzt immer noch?
Ich nickte.

Da siehst du, was du angerichtet hast, sagte er. Jetzt ist er einer von diesen Marktplatzmeschiachim geworden, nein, schlimmer noch, und nennt sich Rabbi und Sohn Gottes, war es das, was du wolltest?
Und dann nannte er mich seine kleine Mutter Gottes und legte mich in sein Bett, obwohl ich schon so alt bin.



Mein Vater war Gott. Er war auch ein alter Hurenbock, ein Epikureer, fast ein Römer. Das fand ich bald heraus. Was ich nicht so bald herausfand, war: er war ein Kollaborateur.
Das waren die Worte, die Jehudah gewöhnlich gebrauchte: ein Kollaborateur und ein Feigling, so sagte er. Doch er kannte meinen und seinen Vater nicht, und wenn, dann hätte er ihn wahrscheinlich nicht verstanden.

Mir jedenfalls ist ein Kollaborateur immer lieber gewesen als ein unbeholfener Fanatiker mit nichts als dem Chumasch im Kopf und dem Dolch am Gürtel und ohne Verstand für die praktischen Möglichkeiten und die politische Wirklichkeit. Kein Wunder, dass er uns verließ und ein Eiferer wurde: er kämpfte immer gegen, niemals für irgendetwas, bis er am Ende darauf kam, dass das Einzige wogegen zu kämpfen sich lohnte, er selbst war. Obwohl er vielleicht Jeschua besser verstanden hat als selbst ich, hat er doch niemals gelernt, seine Gegner zu verstehen, sondern nur, sie zu verachten, und so starb er früh, wie ich es ihm tausendmal prophezeit hatte: Er werde sich sehr schnell am Ende seines zu kurzen und zu geraden Weges seinen Dickschädel an einer Mauer einrennen und genauso wenig weiterleben können wie Jeschua, sagte ich. Aber er gehörte nicht zu den Männern, die auf ihre Frauen hören.

Mein Vater war viel klüger. Scheint ohne Falsch wie die Tauben und seid klug wie die Schlangen, pflegte er zu sagen. Ich glaube, Jeschua hat viele Worte seines Vaters im Herzen bewegt.


Es sind schon immer merkwürdige Leute bei uns zu Hause aus- und eingegangen, und Pontius Pilatus ist gewiss nicht der Merkwürdigste. Merkwürdig ist nur, dass er am Pessachfest kam, nicht gerade zum Sederabend natürlich, und auch nicht am hellen Tage, aber immerhin.

Ich habe die Tür ein wenig geöffnet, so leise, wie ich es lange Jahre getan habe, wenn ich nach kranken oder schlafenden Kindern sehen musste, und da saßen sie wahrhaftig und tranken Wein. Ich bin trotzdem sehr froh gewesen, als ich die Tür wieder geschlossen hatte. Obwohl jetzt natürlich gar keine Gefahr mehr besteht, dass Vater den Wunsch haben könnte, mich wie Salome seinen Gästen vorzuführen. Diesen Gedanken zu denken, hat mich auch ein bisschen gedemütigt.

Aber ich bin sicher nicht schlimmer daran als Jehudah. Was er wohl tun würde, wenn er wüsste, dass er ein Mamser Ben Nidda ist? Würde er rote Träume bekommen, in denen alle auf ihn zeigen und ihn einen Menstruationsbastard nennen? Würde sein hochmütiger Bruder Jeschua den Arm legen um seine Frau Mag'dalit und ihn ansehen mit seinen blauen Kajafa-Augen und sagen: Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein? Und würde er nicht aufwachen und mit schweißgebrannten Augen ins Dunkel starren, dorthin, wo eben noch der Stein auf ihn zugeflogen kam, der Stein, groß wie ein Felsen, den sein Bruder Jeschua geworfen hat? Und würde er dann nicht endlich aufwachen und nach mir schreien, nach mir und nicht nach ihm?


Kajafa war ein gefährlich gebildeter Mann. Er sprach und las Griechisch und Latein und sogar die Sprache von Mizrajim, und unsere Heiligen Schriften, so glaube ich heute noch, muss er auswendig gekannt haben.
Also verbot er mir, meinen Sohn Immanuel zu nennen.
Ich war ihm sehr böse deshalb, schon während meiner Schwangerschaft und erst recht, nachdem das Kind in Bethlehem auf die Welt gekommen war: jetzt waren schon drei Prophezeiungen erfüllt - auch ich kannte die Schriften, und ich glaube, das war das erste Mal, dass mein Vater bereute, mir Lesen und Schreiben beigebracht zu haben - und er wollte mir die vierte vermasseln.
Ich redete auf Josef ein, der war gutmütig und leicht zu überreden, und Kajafa redete auf Josef ein und fand ihn einfältig und noch leichter zu überreden.
Wir wurden laut wie die Zöllner, ich zitierte aus den Schriften, dass es das Recht der Frau sei, ihrem Kind einen Namen zu geben, und er brüllte, ob ich wirklich glaube, dieses Kind sei der Meschiach aus dem Hause Davids, und ich schrie ja, und daraufhin zitierte Kajafa die Schriften, nach denen bei einer dynastischen Erbfolge das Recht zur Namensgebung beim Vater liege, und Josef fühlte sich geschmeichelt, und ich gab auf: wir einigten uns auf den Namen Jeschua.

Damals wusste ich noch nicht, dass ich dreißig Jahre später froh sein würde darüber, denn auf einmal nannten sich viele Immanuel, und noch mehr wurden Immanuel getauft, und auf einmal war es ungewöhnlich, dass einer der Meschiach sein wollte, der nicht Immanuel hieß.



Es fing alles am Mittag des Erev Schabbat an, als wir zusammen am Tisch saßen. Auf einmal sah Mama mich an und sagte zu Papa, Kajafa, deine Tochter ist eine richtige junge Frau geworden, merkst du das nicht, mit derselben Stimme, mit der sie immer sagt, es könnte mir auch mal jemand bei den Schabbatvorbereitungen helfen, und damit meint sie immer mich und nicht die Diener.

Papa sah auf meine Brüste, als ob er nachdächte, und ich zupfte den Stoff über ihnen ein wenig zu Recht.
Du bist fett geworden, sagte Mama, und als Vater antwortete, besser, als zu dürr, da wusste ich schon, dass es Ärger gibt, und tatsächlich zog Mama mich aus dem Zimmer und durch die Kammer in mein Zimmer und fing an, auf mich einzuschlagen. Ich finde, sie ist ein altes, zanksüchtiges Weib, und das wollte ich ihr auch sagen, aber dann fiel mir das richtige Wort nicht ein, und ich nannte sie eine Nutte. Ich weiß jetzt gar nicht, ob mir jemand erklären kann, was das ist. Irgendetwas Schlimmes, nehme ich an, denn sie schubste mich auf mein Bett, riss mein Hemd herunter, schlug mir den Rücken striemig mit ihrer Peitsche und heulte, du wirst als Tempelhure enden, du wirst als Tempelhure enden, du wirst als Tempelhure enden, sie sang es geradezu, wie ein Gebet, im Takt.

Hör auf, sagte mein Vater ganz ruhig, du schlägst das Kind ja tot.

Vor Einbruch der Dunkelheit hat er mich dann hierher nach Ejn Karen bringen lassen, es war ja zum Glück kein weiter Weg von Jeruschalajim, und er hat zu Tante Elischewa und zu Onkel Sacharja gesagt, ich solle bleiben, bis sich etwas geklärt hätte, und wegen Mama, ihr kennt ja ihre Mutter, hat er gesagt und mir zugezwinkert.

Tante Elischewa ist grauhaarig und ein bisschen fett geworden, und ziemlich meschugge. Dachte ich. Als ich sie nämlich geneckt habe, du hast schon immer zu viel Honigküchlein gebacken, Tantchen, da hat sie meine Hände genommen und mich ganz ernst angesehen und gesagt, nein, mein Mädchen, ich bin guter Hoffnung, und du bist die Erste, die es erfährt, außer dem Onkel, natürlich, aber sage es niemandem.

Schwanger! Das geht gar nicht, so viel weiß ich auch. Lächerlich. Wer glaubt sie denn, wer sie ist? Sara? Und immer hat sie gesagt, wie ein Kind bin ich für sie, wie eine eigene Tochter, reicht das nicht? Muss sie jetzt verrückt spielen, weil sie keine Kinder geboren hat?

Als der Onkel hereinkam, musste ich doch kichern, weil sie beide zusammen wirklich aussahen wie Sara und Avraham, aber dann, als Onkel Sacharja ihr übers Haar strich und sagte, du hast es ihr also schon erzählt, da ist mir auf einmal ganz kalt geworden. Richtig unheimlich war das.
Jetzt werde ich wohl noch eine ganze Weile hier bleiben, ich habe mein Zimmer bekommen, aber es gefällt mir nicht mehr so richtig, weil sie gesagt hat, es soll das Kinderzimmer werden, Mirjam.



Hör zu, Jehudah, sagte ich, du kannst gegen Jeschua nichts unternehmen. Denk an Jochanan!
Den Täufer?
Ich nickte.
Was wollt ihr überhaupt ausrichten gegen die Römer, du und deine Zeloten? Selbst dein Vater -
Vater interessiert sich nicht für Politik. Seit Mutter tot ist, verbringt er sein Leben mit Schiwwesitzen.

Für einen Moment war ich versucht, Jehudah die Wahrheit über seinen Vater zu sagen, über seinen leiblichen Vater. Aber dann dachte ich, es wäre vielleicht kein günstiger Moment. Es war lange her, dass er mit mir gesprochen hatte, und wenn ich ihm jetzt von Kajafa erzählte, würde er wahrscheinlich aufhören, zu reden. Er ist immer so aufbrausend! Jähzornig, schon als Kind. Also hielt ich den Mund und sah ihn erwartungsvoll an. Das wirkt immer. Ich kann gut zuhören.

Er stiehlt mir die Leute, sagte Jehudah verbittert. Sie laufen ihm scharenweise hinterher, einmal durchs Galil und zurück. Er heilt Kranke, vorzugsweise hysterische Weiber, entschuldige, und feige Westentaschenekstatiker, dummköpfige Chassidim, die die Rolle ihres Lebens darin gefunden haben, ihre Krücken zu nehmen, wenn er sagt, steh auf und geh, und die mit schmalen Nasenlöchern durch die sich ehrfürchtig teilende Menge spazieren wie die arabischen Kamele durch einen Sandsturm. Und hast du nicht von der Bergpredigt gehört?
Nein, hatte ich nicht.
Jehudah seufzte.

Eine wunderbare Rede, sagte er, obwohl wir unser Bestes getan haben, sie zu unterbrechen oder wenigstens zu stören.
Er zuckte die Achseln.
Hier.
Er schob mir zwei Blätter Pergament über den Tisch.
Er war ins nächst beste Haus gerannt und hatte die Lehrrede aufgeschrieben.




Die Sache war eigentlich ganz einfach. Wenn wir uns von den Römern befreien wollten, dann brauchten die Iskarier nicht nur einen, sondern den Messias auf ihrer Seite - und den hatte ich.

So sah es jedenfalls aus, bis Jochanan aus der Wüste wiederauftauchte und Bußprediger wurde und Täufer am Jordan. Er kam, sah und siegte, um ein Lieblingszitat meines Vaters zu gebrauchen, und Jeschua hatte natürlich nichts Besseres zu tun, als sich seinem ehemaligen Spielkameraden vor die Füße zu werfen.
Jochanan war genau das, was er brauchte.
Jeschua hatte sich die Rolle des Ewigschuldigen auf den Leib geschrieben, des Sündenbocks, des Opferlamms. Er ging mir ganz schön auf die Nerven damit. Ich hielt es für einen erpresserischen Trick, eine Möglichkeit, etwas Besonderes zu sein ohne etwas dafür tun zu müssen, als ein so zerbrechliches Wesen, auf das man Rücksicht zu nehmen hatte. Jochanan brauchte sich nur seine Tiraden geduldig anzuhören - keine allzu große Anstrengung, wenn man es nicht fünfzehn Jahre lang tun muss - und ab und zu verständnisvoll zu nicken, und schon hatte er ihn in der Tasche. Jeschua folgte ihm wie ein Hündchen. Wie ein sehr sauberes Hündchen. Jeschua ließ sich von Jochanan taufen - ich weiß gar nicht mehr, wie oft.

Nicht lang nach seiner Rückkehr hatte Jochanan mehr Anhänger als all die anderen selbsternannten Propheten und Messiasse zusammen, aber Jeschua dachte nicht daran, ihm Konkurrenz zu machen: er war es zufrieden, sein Lieblingsjünger zu sein, während Jochanan seine Vorteile - die, die ihm geschenkt worden waren und die, die er sich selbst erarbeitet hatte - zu nutzen verstand.

Und ich fing derweil an, nachzudenken. Zu Anfang hatte ich oft ein schlechtes Gewissen bei dem, was ich dachte. Ich setzte meinen Fuß auf einen Weg, der nicht breit und eben war, sondern schmal und steinig. Ich zögerte. Ich wollte umkehren. Schließlich ließ ich mich sogar taufen von Jochanan, und als ich, noch nass, in Jeschuas strahlendes Gesicht sah, wusste ich wieder: dieser ist mein Sohn. Jener nur mein kleiner Vetter. Und dann fiel mir auch das Kinderzimmer wieder ein, das er mir weggenommen hatte.

Mein Vater hatte seltsame und nützliche Freunde, und Pontius Pilatus war noch nicht einmal der seltsamste. Der seltsamste war Herodes der Grosse, und nach seinem Tode Herodes Antipas. Allerdings war der bis jetzt noch nicht sehr nützlich gewesen, obwohl er in meines Vaters Schuld stand. Ich bezog ihn in meine Überlegungen mit ein.


Erzähl mir eine Geschichte, Tante Elischewa, hab ich gesagt. Ich dachte, das wird sie beruhigen. Außerdem war mir wirklich schlecht, und sie war so schön, wie sie da am Bettrand saß. Überhaupt nicht verrückt. Ich will nicht, dass Tante Elischewa verrückt ist.

Aber dann hat sie von dem Engel erzählt. Er ist einfach so zur Tür reingekommen, hat sie gesagt, und es ist gar nichts Besonderes an ihm gewesen, und ich hab erst gedacht, es ist einer von den Qumran-Leuten, so ganz in Weiß, aber dann habe ich so furchtbare Angst bekommen, mehr Angst hab ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehabt.
Und seine Worte hätten sich in ihr Herz gebrannt, hat sie gesagt.
Und dann ist sie aufgestanden und hat die Arme ausgebreitet und die Handflächen zum Himmel verdreht, der eigentlich die Zimmerdecke war, und das Gesicht auch, als ob sie es in den Regen hält, und die Pupillen fast weg, da musste ich mich recken, um das zu sehen, und hat mit einer ganz komischen Stimme geredet, wie wenn man in ein Schofar spricht, und gerufen, Hochpreiset meine Seele den Herrn, und mein Geist frohlockt in Gott, meinem Heilande.

Ich dachte gerade, dass ich den Text kenne, da hat sie sich wirklich auf den Boden fallen lassen, ist auf dem Rücken gelegen wie für einen Mann und hat die Luft umarmt und geflüstert, Denn Er hat niedergeschaut auf die Niedrigkeit Seiner Magd, und dann hat sie mich angestarrt auf einmal: Denn siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter.

Als ich anfing zu weinen, ist sie aber aufgestanden und hat sich wieder auf mein Bett gesetzt und mir übers Haar gestrichen, und ganz lieb gesagt: Denn Grosses hat an mir getan der Mächtige und heilig ist Sein Name.
Irgendwie hat mich das gar nicht beruhigt, aber mir fiel wenigstens auch etwas ein, und ich antwortete, Seine Barmherzigkeit währet von Geschlecht zu Geschlecht denen, die Ihn fürchten. Ich hätte gerne noch Amen gesagt, damit es endlich vorbei ist, aber Tante Elischewa ist mit einem bösen Gesicht ganz nah an meins herangekommen, und ich hab mich zurückgebogen und mir die Ohren zugehalten. Und dann hab ich ihn trotzdem gehört, diesen frohlockenden Singsang:

Er hat Macht geübt mit seinem Arme zerstreut die Hochmütigen in ihres Herzens Sinne Gewaltige hat Er vom Thron gestürzt und Niedrige erhöht Hungrige hat Er erfüllt mit Gütern und Reiche leer davongeschickt angenommen hat Er sich Israels seines Knechts eingedenk Seiner Barmherzigkeit wie Er gesprochen hat zu unseren Vätern Avraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.

Endlich war sie ganz still und saß und sah mich an, bis es dunkel wurde. Und nicht einmal geblinzelt hat sie.









Anm.
: Mirjam ist Maria, Kajafa, hier ihr Vater, der Hohepriester Kaiphas, Tante Elischewa und Onkel Sacharja sind Elisabeth und Zacharias, die Eltern von Johannes dem Täufer, hebr. Jochanan; Jehudah, hier nebenehelicher Sohn des Kaiphas und also Halbbruder der Maria ist Judas Ischarioth ("Isch Karioth"), eben der, der Jesus am Ende verriet, und Jesus selbst ist Jeschua, hier Sohn des Kaiphas und seiner Tochter Maria.

In Ejn Karen lebten, der Überlieferung zufolge, Elisabeth und Zacharias, in Jerusalem ("Jeruschalajim") der Hohe Priester mit Familie.


Es handelt sich NICHT um verschiedene Ich-Erzähler, sondern um die Ich-Erzählerin Mirjam in unterschiedlichem Alter: kursiv um 30 n.C., Tagebuch der ungefähr 43-jährigen Mirjam aus der Zeit Jesu öffentlicher Wirkung; Normalschrift: Teile eines autobiographischen Rückblicks der alten, über achtzigjährigen Maria, lange nach Jesu Tod; fett: Tagebuch der jungen - im Anfang etwa zwölfjährigen - Maria vom Beginn ihrer Schwangerschaft an.


Alle drei Texte erzählen die gleiche Geschichte; da aber von jedem Text nur noch Teile, Fragmente eben, vorhanden sind, wurden sie so zusammengestellt, dass der eine Text sozusagen da einspringt, wo der andere lückenhaft ist und sich so am Ende ein Gesamtbild ergibt.
(Im Grunde könnte der Text eine archäologische Rahmenhandlung vertragen, in welcher jemand eben die Fragmente findet und sie in der Reihenfolge, in der sie ihm in die Finger fallen, aus dem Hebräischen übersetzt und dadurch eben den vorliegenden Text erhält; aber das würde praktisch eine ganz andere Textgattung daraus machen + gefiele mir nicht sonderlich.)

Die Teils moderne, teils biblische Sprache sollte Verfremdung UND Authentizität kombinieren; übrigens ergibt sie sich, dachte ich, ganz natürlich aus der Tatsache, dass hier der (fiktive) Autor aus dem Hebräischen eben übersetzt, und zwar für sich selbst und hauptsächlich sinngemäss, wodurch seine eigene Sprache (des 21. Jhdts) sich in die "biblische" der Mirjam schleicht.

Der "frohlockende Singsang" ist ein Originalzitat aus der Bibel von Anfang bis Ende - das Magnificat, hier allerdings nicht Mirjam, sondern Elischewa zugeschrieben.
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